Nationalratswahl: Wie haben unsere Türken gewählt?

22. Oktober 2017

kalem.jpg

Nationalratswahl: Wie haben unsere Türken gewählt?
Foto: pixabay.com

Wie Türken bei dem Referendum abgestimmt haben ist uns allen nicht entgangen. 70 Prozent haben für ein Ja, also für Erdogans Verfassungsänderung gestimmt. Aber wie war das Wahlverhalten der Austro-Türken bei der Nationalratswahl? Haben sie kollektiv für eine bestimmte Partei gestimmt oder gab es markante Unterschiede bei der Stimmabgabe? Tatsächlich gab es diese Unterschiede, die innerhalb und außerhalb der Community in sozialen Medien kontrovers diskutiert wurden. Während die Einen - nennen wir sie die "Populisten" - ihre türkische Brille nicht ablegen können und entweder aus ideologischen Gründen oder aus Schadenfreude die FPÖ unterstützen, zeichnet sich bei den Anderen ab, dass sie die Türkei-Politik strikt aus dem österreichischen Kontext heraushalten wollen, um der weiteren Polarisierung in der Gesamtgesellschaft vorzubeugen. Das zeigt uns deutlich: Es gibt Hoffnung.

Vorab kann man festhalten, dass die türkischstämmigen BürgerInnen alles andere als homogen sind. Selbst vermeintliche "AKP Anhänger" und Konservative spalten sich untereinander in stark polarisierte Lager und nehmen die österreichische Politik ungleich wahr. Während der derzeitige Sprecher der UETD Ramazan Aktas im diePresse-Interview HC Strache als den ehrlichsten und einzig wählbaren Politiker bezeichnete, empfahl der Ex-Sprecher der UETD Hakan Gördü die SPÖ oder NEOS zu wählen, da es wichtig sei der weiteren Xenophobie, Islamfeindlichkeit und Polarisierung entgegen zu wirken. Nun sehen wir uns die Argumente der jeweiligen Lager an.

"Alle Parteien sind gleich!"

So lautet die Parole der AKP-Populisten. Österreich müsse auf die Schnauze fallen, um ihren Fehler zu erkennen. Dies würde jedenfalls geschehen, wenn die Blauen in die Regierung kommen. Die Argumente des UETD-Sprechers Ramazan Aktas für eine blaue Stimme sind aus seiner Sicht klar: „Wenn es um die Türken und Muslime geht sind alle dunkelblau. Strache ist der ehrlichste Politiker und was er vor drei Jahren gesagt hat, sagt jetzt Herr Kurz“. Aktas verbreitete seine Überzeugung auch in Videos, wo er die Message verstreut „Wenn es um die Migrationsfrage geht, sind alle Parteien gleich“. Allerdings blieb der große Zuspruch aus der türkischen Community für diese politische Geisteshaltung aus. Ein anderes Argument von Herrn Aktaş, der zeitgleich als Journalist für einen türkischen Sender tätig ist, dass die SPÖ aufgrund der PKK-Affinität des linken Flügels innerhalb der Partei nicht wählbar sei. Er ist darüber hinaus der Meinung, dass die derzeitige Regierung gegen die PKK in Österreich zu wenig unternimmt und dass man sie deshalb auch nicht wählen sollte. Ein weiteres Argument, das häufig angeführt wurde: „Damit man die Gefahren von ‚Populismus und Rassismus‘  endlich erkennt, sollten die Blauen mal regieren. Dann sehen wir alle, was falsch ist“. Diese Behauptungen als Einzelfälle und Exoten abzutun wäre sicherlich nicht richtig, jedoch bilden sie auch nicht das Gesamtbild in der Community und stoßen gerade im liberalen Lager auf sehr heftigen Widerstand.

„Türkische Politik hat in Österreich nichts verloren!“

Ein bekannter Name des liberalen Lagers ist zweifelsohne der Politaktivist Hakan Gördü, der Ex Kollege von Herr Aktas und in dieser Sache der wohl auffälligste Widersacher. "Wir dürfen nicht die gesellschaftliche Polarisierung durch den Import von türkischer Politik nach Österreich vorantreiben, unabhängig davon ob dies durch Türkei- & Erdoganbashing oder durch Erdogan-Huldigung geschieht.“, erläutert Gördü über seinen Facebook-Account. Die muslimische Community, vor allem aber die Türkische, habe noch nicht realisiert, dass sie eine Minderheit ist. Stattdessen würde man immer noch von einer Gastarbeiter-Mentalität und - Realität heraus agieren. Dies würde laut Gördü wichtige Mechanismen im Kampf für die Minderheitenrechte blockieren. Er selbst gab eine Empfehlung ab, in der er dafür plädierte für die NEOS oder die SPÖ zu stimmen, da diese in Relation zu anderen Parteien glaubhaft in der letzten Legislaturperiode gegen den Populismus aufgetreten seien. Das Narrativ Gördüs lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: „Wenn wir künstliche Debatten und Stellvertreterkriege aus dem Ausland von Österreich fernhalten, erkennen wir ziemlich schnell, dass wir alle als ÖsterreicherInnen mit oder ohne Migrationshintergrund gemeinsam in einem Boot sitzen“. Ausgenommen in ihrer Meinung zur PKK widersprechen sich die gesellschaftspolitischen Positionen der beiden Social Media Bekanntheiten aus der türkischen Szene diametral. Allerdings denkt Gördü, dass PKK-AktivistInnen bewusst mit umstrittenen Fahnen bei Parteiveranstaltungen provozieren würden, um aus der Emotionalität der türkischstämmigen BürgerInnen eine ablehnende Haltung gegenüber den österreichischen Parteien zu generieren - sprich sie weiterhin von der politischen Partizipation abzuhalten. Diese sei allerdings unabdingbar in einem demokratischen System und ein wesentlicher Aspekt der Integration. Gördü ist laut eigenen Angaben mittlerweile kein Korrespondent der Türkei-Politik mehr, sondern ein Verfechter der Minderheitenrechte in Österreich.

Der damalige UETD-Chef, Abdurrahman Karayazılı, ging sogar noch einen Schritt weiter und schrieb: „Ich spreche aus eigener Erfahrung, wenn ich sage, dass die Türkei auch ohne uns die "große Türkei" ist. Der Import nach Österreich schadet uns mehr als was es uns nützt. Internationale Politik sollten Diplomaten betreiben. Unsere zivilen Unternehmungen haben mehr Klüfte geschlagen als Brücken.“ Karayazili motivierte seine Landsleute mit folgenden Worten: „Wir sollten endlich für einen aktiven Beitrag für Menschen in Österreich arbeiten.“ Er warnte auch vor gewissen türkischen Abgeordneten: „Die türkischen Politiker können ihren Wahlkampf gerne selber betreiben, sollten uns - Austrotürken - aber nicht für ihre eigenen Anliegen instrumentalisieren. Nach den Wahlen sind es wir die weiterhin in Europa leben und nicht diese Herrschaften.“

Nationalratswahl: Wie haben unsere Türken gewählt?
Foto: pixabay.com

Umfrage: Nur 10,5 % der Austrotürken wählten FPÖ!

In einer Umfrage der UETD bereits bei den Präsidentschaftswahlen zwischen Van der Bellen und Hofer kam heraus, dass nur 10,5% der Austrotürken, die FPÖ wählen würden. Dies war eine klare Absage an die Populisten innerhalb der eigenen Reihen. Die erdrückende Mehrheit entschied sich für ein soziales Österreich ohne Populismus und ohne importierte Türkei-Konflikte. Außerdem bemerkte man damit, dass die Kluft unter den AKP-nahen WählerInnen, die ja die Mehrheit unter den türkischstämmigen ÖsterreicherInnen bilden, immer größer wird. Wie auch in der autochthonen Gesellschaft segregierte der aufgeheizte Diskurs Menschen zu Unterstützern der Populisten oder der gemäßigten und vernünftigen Stimmen. 89,5% der türkischstämmigen Österreicher haben damit ausgedrückt: „Wir entscheiden selber auf welcher Seite wir sind und da können uns weder Populisten aus der Türkei noch aus Österreich etwas vormachen. Wir wollen die Politik beider Länder nicht miteinander vermischen.“ Nach meiner Analyse zeigt dieses Wahlverhalten, dass sich die österreichisch-türkische Gesellschaft innerlich reformieren will. Sie dulden die Polarisierung in der Gesellschaft nicht mehr und sehen immer mehr ein, dass ihr Lebensmittelpunkt doch das Land ist, in dem sie leben. Die Mehrheit der Austrotürken hat eigentlich sehr schnell gelernt und will grundsätzlich weder von österreichischen Politikern noch von Türkischen für niedere politische Zwecke missbraucht werden.

Nationalratswahl: Wie haben unsere Türken gewählt?
Foto: Screenshot der UETD Umfrage "Frage: Wen werdet ihr bei den Wahlen in 2017 wählen?"

Blogkategorie: 

Kommentare

 

Super Wahlergebnis und der Clou dazu, dass der grüne überflüssige Nonsens langsam von der Bildfläche verschwindet. Da hat Deutschland noch ein grosses Aufholpotential an Verstand vor sich..

Das könnte dich auch interessieren

Foto: Igor Minic
Ich hab’s geschafft. Ich bin nun...
Foto: Marko Mestrovic
Mit 9 verliert Jelena etwas, das für...
Foto: Marko Mestrovic
Wer denkt, dass Männer zum...

Anmelden & Mitreden