"Nein, mir geht es nicht gut."

14. Januar 2019

Ein Fremder bittet mich eines Abends um ein offenes Ohr. Seit langem kämpft er mit Suizidgedanken. 


Es ist 20 Uhr an einem typisch arschkalten Wiener Jännertag. Ich spaziere an der Donau als ein junger Mann an mir vorbei geht und nach kurzem Zögern wieder umdreht und schließlich auf mich zukommt. Instinktiv gehe ich alle möglichen Fluchtwege im Kopf durch. Immerhin ist es finster und ich,  1,60m in rosa Pyjamahose irgendwo in Brigittenau an der Donau, wäre das perfekte Mordopfer à la Rosenheim Cops. Doch ich bleibe erstmals locker. „Hast du Feuer?“, fragt er mich schließlich. Ich borge ihm mein Feuerzeug und als ich weiter gehen möchte fragt er: „Kann ich mit dir reden?“ Erst jetzt blicke ich in das aufgewühlte Gesicht eines geschätzt etwa 28 jährigen Mannes.

Der Hilferuf

Seine müden Augen blicken mich verzweifelt an und mein Bauchgefühl sagt mir, das ist real. „Ja klar, lass hören, was ist los?“, sag ich also zu ihm und die nächsten zwei Stunden stehe ich mit einer wildfremden Person in Eiseskälte und höre einfach zu.

Nazar* ist sein Name, er ist erst 23 Jahre alt doch die Last des Lebens hat ihm bereits graue Strähnen und Sorgenfalten verpasst. Am Anfang tut er sich schwer, zu erzählen. Ich sage ihm, dass ich ihn für nichts verurteilen werde, egal was es ist. Und dass es manchmal wirklich gut ist, seine Gedanken mit jemandem zu teilen. Wenn auch nur, um für sich selber gedankliche Ordnung zu schaffen. Nach einer Weile beginnt er zu reden.

Seit vier Jahren sei er spielsüchtig, habe Schulden von vierzigtausend Euro die er bis zum nächsten Tag zu zahlen habe, der Kontakt zur Familie sei schon lange im Arsch und die Freunde, die er hat sitzen im selben Boot wie er. Er ist so verzweifelt, dass er sogar mich als Fremde zu Hilfe zieht. Aus Angst verurteilt zu werden, redet er nicht mit seiner Familie. Er weiß nicht mehr weiter, er habe die Sucht einfach nicht unter Kontrolle. Aus seinen dunklen Augen lese ich einen gefährlichen Hilferuf. Ein Blick, den ich schon mal bei einer mir nahestehenden Person gesehen habe. Ich frage ihn, ob er Suizidgedanken hat. „Öfters.“, sagt er mit gesenktem Blick. Ab diesen Punkt nimmt das ganze eine ernstere Form an. Dieser Mensch leidet und sieht keinen Ausweg. 

"Nein, mir geht es nicht gut."
pixabay

„Ja. Aber weißt du, ich bräuchte jemanden, der mich an der Hand nimmt und mit mir da hin geht. Ich kann das alleine nicht.“

Ich frage ihn, ob er schon einmal professionelle Hilfe in Betracht gezogen hat. Ich biete ihm an, jetzt gleich mit ihm in das Psychiatrische Krankenhaus in der Baumgartner Höhe 1 im 14. Bezirk zu fahren, doch er lehnt ab. Ich erkläre Nazar, dass er dort auch unangekündigt hingehen kann, doch er hat Angst, weggeschickt zu werden. Ich bin bereits informiert, dass sie bei Suizidgedanken verpflichtet sind, sich um den Betroffenen zu kümmern, wenn dieser einwilligt. Ich versichere ihm, dass er dort ernstgenommen wird. Außerdem gibt es auch eine Psychiatrische Soforthilfe in Notfällen (Tel.:01 31 330). die rund um die Uhr geöffnet ist. Auch wenn niemand dich an der Hand nimmt und dir die Hilfe gibt, die du brauchst. Es gibt leider Situationen, in denen der Hilferuf an Familie und Freunde ignoriert oder missverstanden wird und man nicht die Hilfe bekommt, die man bräuchte. Es erleichtert Nazar nun zu wissen, dass es im schlimmsten Fall dennoch Anlaufstellen gibt. Auch, wenn er sich selber an der Hand nehmen muss. Das gibt ihm Hoffnung, doch heute möchte er noch nicht gehen. Wir reden noch eine Weile, gemeinsam besprechen wir, wie einige Schwierigkeiten Schritt für Schritt gelöst werden könnten. Kontakt zum schlechten Freundeskreis umgehend beenden, Geld ausleihen, Leben neu starten.

„Aber es sind meine Freunde aus der Kindheit“

,sagt er traurig. Ich sage ihm, dass, wenn sie wahre Freunde sind, sie verstehen müssen, dass er dem Ganzen ein Ende setzen muss. Vielleicht nehmen sie sich sogar ein Beispiel an ihm. Und das heißt ja nicht, dass diese Freunde schlechte Menschen sind. Es heißt lediglich, dass dir nicht jeder gut tut und du manche dir selbst zuliebe gehen lassen musst.

Nach etwa drei Stunden verabschieden wir uns. Als ihm dann ein Lächeln um die Lippen spielt, werde ich kurz traurig. Wie kann es sein, dass ich, als Fremde, Nazar sagen muss, dass er das schaffen wird? Dass ich an ihn glaube und dass, obwohl es sich für ihn so anfühlt, er nicht alleine und der einzige ist, der in solch einer Situation ist? Dass er jedes Recht hat, sich zu öffnen und darüber zu reden und Hilfe zu verlangen. Dass er sich nicht schämen muss. Er hat’s verkackt, aber er ist ein Mensch und Menschen verkacken ab und zu. Wie kann es denn sein, dass viele unter uns das Gefühl haben müssen mit niemandem über ihre Gefühle reden zu können? Wie kann es sein, dass ein Mensch, der insgeheim so gebrochen ist, es für sich behält aus Angst verurteilt, missverstanden oder nicht ernstgenommen zu werden? Was hätte in dieser Nacht passieren können, wenn ich nicht zufälligerweise beschlossen hätte, einen Spaziergang zu machen? Wer hätte Nazar dann gesagt, dass er alles das wieder in Ordnung bringen kann?  Wie kann es sein, dass wir alle so tun, als müsste jeder alles immer im Griff haben?

Die Wahrheit ist nämlich, dass keiner von uns alles im Griff hat.

Und manchen von uns geht es sehr schlecht, ohne dass es irgendwer mitbekommt. Seien wir ehrlicher zu uns selbst und zu anderen. Nicht umsonst ist die Selbstmordrate der Männer höher als die der Frauen. Denn Frauen gehen meist offener mit ihren Emotionen um, sie trauen sich darüber zu sprechen. Während Männern von der Gesellschaft eingeprägt wird, dass sie hart nach außen bleiben müssen. Und das ist ein unglaublicher Schwachsinn, der schwerwiegende Folgen mit sich bringen kann. Man sollte Reden also nicht unterschätzen. Ein offenes Ohr kann Leben retten. Fragen wir wirklich nach, wie es den Menschen um uns herum geht. Ein „Wie geht’s“ reicht nicht. Seien wir mehr achtsam, ein Hilferuf zeigt sich in vielen verschiedenen Formen. Oftmals fällt es den Betroffenen schwer, direkt um Hilfe zu bitten. Umso wichtiger ist es deswegen, aufmerksamer zu sein. Kümmern wir uns ein bisschen mehr um unsere Mitmenschen, hören wir wirklich zu, wenn sie reden, schauen wir ihnen wirklich in die Augen, wenn sie lachen. Wenn eure Kollegin öfters keinen Appetit hat, fragt sie doch warum. Wenn euer Sitznachbar jeden Tag im Unterricht einnickt, fragt doch wieso er nachts nicht schlafen kann. Wenn euer Freund öfters still ist, dann fragt ihn doch, worüber er nachdenkt. Formen wir unsere Gesellschaft doch so, dass wir nicht mehr so tun müssen, als hätten wir alles im Griff. Vielleicht, vielleicht können wir erst dann irgendwann tatsächlich mehr im Griff haben.

 

*Name von Redaktion geändert

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