Nenn mich nicht Baby

16. August 2019

Warum ´Baby´ für mich ein Schimpfwort ist und ein süßes Gesicht nicht weniger drauf hat.


Vor drei Wochen in einer Praxis der WGKK: Ich habe meine Patientenkarte verloren und bin nur da, um mir eine neue ausstellen zu lassen. Meine E-Card habe ich nicht dabei, was im Normalfall dafür auch nicht notwendig ist. Doch trotzdem besteht die Rezeptionistin darauf, obwohl ich Ausweis und Sozialversicherungsnummer dabeihabe. Ich gebe also auf.

Meine Mutter, die wegen eines eigenen Termins zwei Meter weiter steht, merkt meinen erfolglosen Rückzug. Zwei Minuten später hält sie mir eine neue Patientenkarte mit meinem Namen unter die Nase. Meine Wuttränen verstecke ich hinter der Sonnenbrille. Ich bin verärgert. Nicht wegen meiner Mutter, sondern auf die Rezeption. Ich, volljährig mit Ausweis, bekomme meine eigene Karte nicht. Meine Mutter hingegen bekommt meine Karte schon.

In meinem zornigen Zustand gehe ich die Gründe dafür durch und komme zu dem Schluss, dass es wieder mal an meinem jungen Aussehen liegen muss und langsam ist die Verzweiflung real.

Von Kosenamen und weichen Wangen

Alles hat in der Volksschule begonnen: „Du bist so süß.“ Ein Adjektiv, mit dem ich damals null Probleme hatte. Mit sechs Jahren sah ich es als Kompliment, wenn mich Leute niedlich fanden. Dann kam ich ins Gymnasium und Leute fragten, ob sie meine „Bäckchen“ streicheln durften. Auch war es das Herzigste, meine Locken langzuziehen und sie dann wieder in ihre natürliche Form hochspringen zu lassen. Langsam bekam ich die ersten Bedenken.

Auch einige Jahre später, mittlerweile war ich in der Oberstufe, hörten meine Kosenamen nicht auf. „Baby“, „Schatzi" oder "Küken" hörte ich gefühlt öfter als meinen echten Namen. Meistens war´s nicht böse gemeint, aber mein Ego hat geweint. Irgendwann war ich dann schon in meinem letzten Schuljahr. Man hätte also meinen können, dass der Wahnsinn nun aufhören würde, doch falsch gedacht: Abends beim asiatischen Imbissstand - ich war zu der Zeit 17: Als die Köchin mein ungeschminktes Ich auf zwölf Jahre schätzt, hätte ich die Frühlingsrollen am liebsten stehen gelassen. Mir war der Appetit vergangen.

Für immer niedlich?

Meine nervige Niedlichkeit scheint also nicht aufzuhören und wenn ich die Frauen in meiner Familie betrachte, habe ich auch keine großen Hoffnungen. Die meisten schauen zehn Jahre jünger aus, als sie sind. Süß sein an sich ist auch nicht das Problem an dem Ganzen, sondern wie ich behandelt werde, weil ich ein Babyface habe.  Mein Babyspeck im Gesicht, meine Grübchen und die Art wie ich lache werden wahrscheinlich immer bleiben. Aber deswegen bin ich nicht weniger reif oder weniger dazu im Stande, mich selber um Sachen zu kümmern. Und vor allem - denn das stört mich am meisten - will ich aufgrund meines Aussehens nicht weniger ernst genommen werden.

Auch wenn ich derzeit anscheinend für manche wie eine 16-Jährige aussehe, ist das kein Grund für weniger Respekt. Denn auch als Jugendliche war ich definitiv kein Baby mehr.

 

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