Normal ist kaputt

23. Juli 2016

Delna Antia
Marko Mestrovic
Ein paar Stunden nachdem ich das geschrieben hatte, passierte München.

 

Normalerweise mag ich normal nicht. Wer will schon normal? Normal fällt nicht auf.  Normal ist nicht spektakulär. Normal ist wie nett. Dieser kleine Freund von... ihr wisst schon. Tja, wie naiv. Normal ist alles, was ich will.

 

Aber wie immer weiß man, was man hat, wenn es dahin geht. Und sie geht dahin, die Normalität. Geschwinden Schrittes entnormalisiert sich alles. Ich kann zwar gewohnt meine Melange schlürfen, am Schreibtisch meine Masterarbeit runtertippen, später ein Eis essen oder meine Badetasche packen. Aber es fühlt sich verdächtig an. Trügerisch. Ich traue diesem normalen Eis nicht mehr. Die Ruhe vor dem Sturm kann ich anfassen.

 

Halt!

Ich sehe, höre und rieche, dass es an den Rändern meines Normalo-Lebens bricht. Jedes „Yolo“ bleibt nur mehr im Hals stecken. Das, was konstant war und selbstverständlich, ist es nicht mehr. Ich brauche es nicht aufzählen, wir alle spüren es, wir alle reißen die Augen auf und kommen nicht mehr mit. Man will rufen: Halt, das kann doch nicht wahr sein! Stopp! Das ist doch nicht normal! Aber es ist zu groß, zu viel, zu komplex, man bleibt verwirrt und spielt vielleicht Pokemon. Vermeidungstaktik, Trotzreaktion, Normalität als Strategie.

 

Währenddessen nimmt die Geschichte ihren Lauf, bewegt sich so schnell vorwärts – im Rückwärtsgang. Und dabei waren wir doch so fortschrittlich, hatten in Deutschland schon die Wehrpflicht abgeschafft. Unsere Probleme hatten mit Geld zu tun und vielleicht der Normierung von Traktorsitzen. Doch dann kam die Angst.

Unserer normalen Welt wurde der Krieg erklärt – Terror. Seither ist Großbritannien  nicht mehr groß, die EU nicht mehr handlungsmächtig und Politiker stecken hilflos in ihren Anzügen. Offenheit, Sicherheit und Multikulti werden in der Ubahn vergewaltigt. Idioten sonnen sich im politischen Erfolg. Engstirnigkeit und Kleinheit feiern mit Nationalismen die ersten Machtübernahmen. Links hält dagegen und verschweigt, Rechts befeuert und verschwört. Und Demokratie muss zur Mehrheit halten. Und wir, ich? Hab Angst. Um meine Liebsten, die Welt, die Zukunft.

 

Kein Durchatmen

Mittedrin aber die normale Urlaubsplanung. Sie wird zum Persönlichkeitstest: Welcher Risiko-Typ bist du? Zudem gilt es ja Grenzkontrollen einzukalkulieren. Alltäglich werden Dinge umsymbolisiert: Fußball, Schwimmbad, Paris, Axt. Ungewohnte Assoziierungen tun sich auf, fern von Gomez, Bikini, Wald, Eiffelturm. Und die Cote Azur ist nicht mehr blau. Doch kein Durchatmen. Das Spektakel beginnt gerade erst. Wollte man sich in einer Verschnaufpause vielleicht noch den Rassismen Amerikas widmen, führte die Türkei schon den Hauptakt auf. Putsch, Verhaftungen, Ausreiseverbote, Todesstrafe? Mit Sinn für Zynismus verkehrt Erdogan den Flüchtlingsdeal ad absurdum.

 

Ach ja Flüchtlinge... Waren sie nicht die Vorboten? Jene, die begannen die Ränder zu verwischen? Die in ihrer Massenmission unmissverständlich zeigten, dass jede heile Welt auf fremden Kosten lebt? Und die einfach nicht bereit sein wollen, ihr Unglück als normal hinzunehmen... damit ich Melange trinke, die Weltnachrichten anschaue und meinen Kopf darüber schüttele, was da draußen nicht alles Schlimmes passiert. Nein, das war jetzt einmal. Nun passiert es drinnen. Wir spüren es. Unsere Normalität fordert wohl gerade ihren Preis. Und das wird sich normalisieren.

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