Oh Warschau, du elendige Hipster-Hochburg.

24. Juli 2015

Seien wir ehrlich: Warschau ist architektonisch gesehen keine Augenweide. Das Panorama der Stadt wird geprägt von grauen kommunistischen Hochbauten und Mega-Einkaufszentren und zudem herrscht überall Verkehrschaos. Und mit Verkehrschaos meine ich wirklich Verkehrschaos, mit Hupen und Quietschen und je nach Lust und Laune fahren. Typisch osteuropäisch halt.

Auch sonst ist die Stadt sehr durcheinander, alle scheinen ständig in Eile zu sein und die Öffi-Verbindungen sind mit denen in Wien nicht einmal ansatzweise zu vergleichen. Für mich hatte Warschau lange keinen Charme. Es war einfach eine triste Großstadt.

Warschauer Hipster over Wiener Hipster

Doch dieses Bild hat sich in den letzten paar Jahren verändert. Warschau ist mittlerweile die Hipster-Hochburg Polens geworden. Es wimmelt hier nur von Cafés und Bars mit lustigen, untypischen Namen, in denen Club-Mate schlürfend die hippe Warschauer Jugend abhängt. Wer denkt, in Wien Hipster gesehen zu haben, der war noch nicht in Warschau. Irgendwie sehen hier alle aus, als wären sie aus den 1980ern. Die obligatorischen Röhrenjeans und Jutebeutel reichen hier nicht aus. Retro-Adidas-Jacken, Vokuhila-Frisuren, Goldketten und Plateauschuhe müssen her. Einfach alle Modetrends der letzten Jahrzehnte, die belächelt wurden, sind hier jetzt total in. 

Man-Bun statt Glatze

Die für polnische Männer typischen Kurzhaarfirsuren bzw. Glatzen wurden gegen Bärte und Man-Buns eingetauscht. Vor ein paar Jahren hätten sie sich noch gegenseitig dafür verprügelt. Die Mädchen tragen statt weißen Stiefeln nun Doc Martens und statt Popmusik wird The Clash gehört. 

LGBT

Wer in nächster Zeit einen Warschau-Trip plant, der wird um die ein oder andere Hipster-Sichtung nicht drum herum kommen. Wer sie aber gezielt antreffen möchte, sollte unbedingt zum „Plac Zbawiciela.“ (deutsch „Platz des Erlösers.“) In der Mitte des Platzes ragt ein Regenbogen aus Stahl, eine Kunstkonstruktion, die die LGBT-Bewegung unterstützt, rundherum gibt es Clubs und Bars.

Natürlich ist der Regenbogen Gegenstand vieler Kontroversen und wurde sogar schon ein paar mal von Konservativen angezündet, die in diesem Regenbogen eine Bedrohung für das katholische Polen sahen. 
Noch ein Tipp, um die Warschauer Hipsterszene anzutreffen: Einfach in eine der Bars entlang der Weichsel setzen. Die Weichsel ist der Fluss, der durch Warschau fließt und die Stadt quasi in zwei teilt.

Kein Saufen auf offener Straße

Entlang des Flusses reihen sich verschiedene Open-Air-Bars, ähnlich wie am Donaukanal in Wien, nur billiger und irgendwie gemütlicher. Auch hier macht es mehr Sinn, sein Bier in einer zur Bar gehörenden Hängematte zu schlürfen, als das Selbstgekaufte fünf Meter weiter am Boden zu trinken, das ist in Polen nämlich verboten. Man darf ausnahmslos keine mitgebrachten alkoholischen Getränke auf der Straße oder auf öffentlichen Plätzen konsumieren. Auch kein Bier in einem Plastikbecher aus der Bar nebenan, sonst zahlt man Strafe. In so einem Säuferland wie Polen eigentlich paradox, oder?

Veggie-Burger-Boom

Außer Saufen haben die Polen aber noch ein zweites Hobby und das ist Essen. Auch hier hat der Hipsterisierungsprozess schon längst begonnen. An jeder Ecke findet man Burger- und Falafel-Trucks, die natürlich auch vegetarische und vegane Optionen haben. Die traditionelle polnische Küche kommt eigentlich nur schwer ohne Fleisch aus, da ist es schon revolutionär, wenn man einem „Vege-Burger“-Restaurant vorbeigeht, das gerade boomt. Vor ein paar Jahren wäre der Laden noch belächelt worden.

Aber was soll man sagen, hier kommt immer alles auf einmal.  Wobei: Momentan ist in Warschau alles und jeder so Hipster, dass sich keiner mehr fragt, was eigentlich davor war. Das Coole daran ist: Anstatt belächelt und ausgelacht zu werden, wird hier heute vieles um einiges mehr akzeptiert. Und das war in Polen lange nicht der Fall.  Achja, und was ich heute Abend vorhabe? Ich werde mir einen Vodka-Club-Mate und einen Burger holen, und mich an die Weichsel setzen. Aber keinen Veggie-Burger, ganz bin ich dem Hipstertum hier in Warschau doch noch nicht gewachsen.

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Aleksandra Tulej ist selbst Polin und weiß mit den Klischees, mit denen ihre Landsleute konfrontiert werden, perfekt umzugehen.

 

 

 

 

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