Petition für Menschlichkeit: Willkommen im 21. Jahrhundert

14. Januar 2019

Menschenrechte*

Anscheinend sind wir in einer Zeit angelangt, in der Moral und Gleichheit immer mehr in den Hintergrund gelangen. In einer Zeit, wo man für sein gutes Recht erst kämpfen muss. 


Petition gegen Zwangsheirat,  Petition gegen Tiermissbrauch, Petition gegen ein unmenschliches Asylsystem, Petition gegen unfaire Gefangenschaft. Es scheint fast, als ob Gerechtigkeit erst ernstgenommen wird, wenn tausende von Menschen ihre Stimme dafür bekanntgeben. Und dann gelingt der Erfolg meist nicht durch plötzliche Menschlichkeit, Vernunft oder Empathie des schuldigen Staatsoberhaupts oder der Behörden, sondern durch Druck und Angst vor Rufschädigung.

Vor einigen Tagen bekamen wir eine Nachricht von einem jungen Mann namens Mulla Cetin. Der 24 jährige Jura-Student habe vor kurzer Zeit eine Petition „für die Schaffung eines Amtes im Bundesinnenministerium für einen deutschlandweiten Beauftragten gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit“ gestartet. Mein erster Gedanke: „Hä?“ Mein zweiter Gedanke: „Wie Scheiße ist die Situation denn geworden, dass man jetzt auch schon eine Petition gegen Islamfeindlichkeit schaffen muss?“ Hab das Gefühl, der intellektuelle Fortschritt des menschlichen Verstands verläuft wie im sinus-cosinus Graphen. Jedes Mal wenn man zu wagen glaubt, die Menschen haben die moralischen Grundsätze vielleicht endlich begriffen und umgesetzt, wird’s uns anscheinend wieder zu langweilig. Anfang Flüchtlingskrise 2015, alle spenden und gehen kochen, ein Jahr später ist’s uns dann zu zach und deswegen sind die Flüchtlinge wieder unsere Feinde. Mal voll tolerant, dann voll abwertend. Und genau weil wir Menschen immer und immer wieder auf die Masche dieser rechtspopulistischen Hetzer, die glauben, eine Brille lässt sie intellektueller aussehen, reinfallen, gibt es so etwas wie Petitionen als letzten Widerstand. Ich meine, würden wir etwas fordern wie: „Pantoffeln für Hunde“ oder „Gratis Kaffee für Studenten“, ja, dann hätte ich noch Hoffnung für die Menschheit. Aber dass wir anscheinend an einem Punkt angekommen sind, an dem man erst dafür kämpfen muss, sein gutes Recht zu leben? Das gibt zum Nachdenken, oder nicht?

„Antimuslimischer Rassismus betrifft uns alle“

„Von dort aus ebnet er sich nämlich den Weg gegen weitere Minderheiten bis hin zu politisch Andersdenkenden.", sagt Mulla. „Es tut weh als „anders“ oder „gefährlich“ gesehen zu werden. Ich habe mich stets bemüht, in dieser Gesellschaft mitzuwirken, nicht weil es von mir als Migrantenkind erwartet wurde, sondern als Selbstverständlichkeit. Trotzdem werde ich in den Köpfen vieler nie ein Teil dessen sein. Man fühlt sich ständig beobachtet – bloß keine Fehler machen, da das wieder als Bestätigung des Narrativs gewertet werden könnte. Auf der Straße bloß nicht grimmig schauen, da das Vorurteile weiter befeuern und verfestigen könnte.“

Kurz gesagt: ob Religionsfreiheit, Gleichberechtigung und Chancengleichstellung aller Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung oder Herkunft  – das alles sind Menschenrechte. Man kann nicht behaupten, ein gerechter Mensch zu sein, wenn man eines davon ablehnt. Leben und leben lassen, so simpel ist es eigentlich. Ja, es ist irgendwie bedauerlich, dass wir um unsere Rechte und Freiheiten kämpfen müssen, dass diese nicht als selbstverständlich anerkennt werden. Trotzdem sollten wir als Zeichen des Widerstandes zumindest die Menschen unterstützen, die nicht schweigen.  Egal ob Muslim oder Nichtmuslim.

Hier der Link zu Mulla Cetins Petition: https://www.openpetition.de/petition/online/zeit-fuer-einen-beauftragten-gegen-islam-und-muslimfeindlichkeit

 

*Bild: Ursularegina https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/at/deed.de 

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