Reden wir über Sexismus

18. Januar 2016

Wenn ich jetzt sage, dass ich gerne über Sexismus sprechen möchte, sind dieser Tage bestimmt viele sofort begeistert dabei. Tatsächlich, wer hätte das gedacht, sind „unsere Töchter“ momentan die allergrößte Sorge der ÖsterreicherInnen, sodass glatt vergessen wird, auch mal an unsere großen Söhne zu denken. Aber genau deren Sexismus ist es, den ich ansprechen möchte. Eine Sache gleich vorab: Nein, ich werfe in diesem Artikel nicht alle Männer in einen Topf. Ich meine eine ganz bestimmte Gruppe, nämlich all diejenigen, die sich jetzt schon über diesen Text aufregen, ihn nicht zu Ende lesen oder nicht verstehen, und mich dann trotzdem angreifen werden. Alle anderen dürfen sich getrost nicht mitgemeint fühlen.

Konkret meine ich diese Art von Sexismus, die sich in unserer sowieso schon vollkommen desolaten Diskussionskultur bemerkbar macht. Ich meine diese Art von Sexismus, in welcher einer Frau mehr oder weniger offensichtlich vermittelt wird, dass sie eigentlich gar keine qualifizierte Diskussionspartnerin ist, wenn sie ihrem männlichen Gesprächspartner nicht in allem zustimmt oder gar eine ganz andere Meinung vertritt. Ich meine den Sexismus, der überall mitschwingt, wenn man Frauen verächtlich als naive „Willkommensklatscherinnen“ hinstellt, die sich kein Urteil auf Basis von Fakten bilden können, weil sie nun mal viel zu emotionsgesteuert wären. Frauen würden ja die Fakten nicht mal erkennen. Es gibt sogar einzelne Individuen, die sich in Diskussionen so weit versteigen, solchen Frauen eine „Horde von Muslimen, die über sie herfällt“ (sic!) an den Hals zu wünschen.

Tatsächlich findet der neue „Frauenrechtehype“ zum Schutz "unserer Töchter" überall dort seine Beschränkungen, wo es für den einheimischen Mann und seine politische Einstellung unangenehm werden könnte. Es beginnt schon bei den Reaktionen, wenn wir auf sexualisierte Gewalt von deutschen oder österreichischen Männern im Zuge von Großveranstaltungen hinweisen. Zur Info: Wir tun das nicht, weil wir die Vorfälle in der Silversternacht „relativieren“ wollen. Wir tun es, um auch auf diese Übergriffe aufmerksam zu machen und es wäre an dieser Stelle angebracht, dies nicht in chauvinistischer Manier vom Tisch zu wischen, weil die Ereignisse in der Silvesternacht viel schlimmer waren. Macht dies die anderen Übergriffe etwa weniger schlimm? Habt ihr euch im Gegenzug schon mal gefragt, wie verstörend es ist, dass erst einmal so etwas Schlimmes passieren muss, damit wir alles andere auch mal ansprechen können – und dafür eine Öffentlichkeit finden? Frau kann sich nicht aussuchen, wann sie von wem mit welcher Herkunft angegriffen wird. Und ein Mann kann sich nicht nach dem Zufallsprinzip aussuchen, wann er eine Frau und ihre Anliegen ernst nimmt und wann nicht.

Keine Frage, diese Angelegenheit mit den Frauenrechten ist eine komplexe. Wie Mann es macht, macht Mann es falsch. Das Schlüsselwort ist nämlich Selbstbestimmung. Das bedeutet auch, dass Frauen sich ihre politische Einstellung selbst aussuchen dürfen. Selbstbestimmung beinhaltet die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild von Situationen zu machen, eine eigene Meinung zu vertreten, auch wenn sie manchen Leuten noch so falsch erscheinen mag.

So darf ich mich als Frau allen Ernstes für eine offene Asylpolitik einsetzen und Flüchtlinge an der Grenze mit offenen Armen willkommen heißen. Dieses „Willkommen“ ist aber deswegen keine Einladung, mich als naiv und emotionsgesteuert darzustellen.

Und ab jetzt wird es noch komplexer: Sollte ich zum Opfer von sexualisierter Gewalt werden und der Täter zufällig ein Ausländer sein, dann ist es trotzdem nicht meine Schuld. Weil so etwas nämlich niemals die Schuld der Opfer ist, egal, welche politische Einstellung sie vertreten. Noch Fragen?

 

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