Schluss mit der Symptombekämpfung

16. Mai 2016

Stellt euch mal vor, jemand hat einen schiefen Rücken und leidet deshalb unter anderem an chronischen Kopfschmerzen. Er geht zum Arzt wegen seiner Kopfschmerzen und dieser verabreicht ihm ein Schmerzmittel, mit dem er die Kopfschmerzen lindern kann. Der Patient geht nach Hause und nimmt immer dann ein Schmerzmittel, wenn ihn die Kopfschmerzen wieder überkommen. Damit fühlt er sich zunächst mal ziemlich erleichtert und für eine Weile auch viel besser. Aber ist sein Problem damit gelöst?

Nein, natürlich ist es das nicht. Mit der Verabreichung des Schmerzmittels hat der Arzt dem Patienten lediglich dabei geholfen, ein Symptom zu lindern, sodass er sich fürs Erste besser fühlt. Das führt aber auch dazu, dass er sich nicht mehr mit seinem eigentlichen Problem, dem schiefen Rücken, auseinandersetzt. Bis er dies jedoch nicht tut, werden seine Beschwerden immer wieder zurückkehren, und je mehr Zeit verstreicht, umso heftiger werden sie werden. Es ist auch nur eine Frage der Zeit, bis auch das Schmerzmittel nichts mehr gegen die immer heftiger werdenden Kopfschmerzen ausrichten werden können.

Das Beispiel aus der Medizin ist ziemlich einleuchtend, nicht wahr? Symptombekämpfung allein bringt nichts, langfristig nützt nur, das Problem – in dem Fall Haltungsschäden – an der Wurzel zu packen. Aber wie sieht es eigentlich mit den Haltungsschäden in unserer Gesellschaft aus? Wäre es nicht auch sinnvoller, Schieflagen an der Wurzel zu packen, anstatt nur ihre Symptome zu bekämpfen?

Mir persönlich wird nämlich regelmäßig übel, wenn ich mir ansehe, was im Präsidentschaftswahlkampf gerade so abgeht. Allein wenn ich mir meine Timeline im Facebook ansehe, fällt der Name Hofer sicher viel öfter als der Name Van der Bellen. Aber nicht etwa, weil meine Facebookfreunde alle so glühende Hofer-AnhängerInnen sind - ganz im Gegenteil: Sie rufen dazu auf, alles zu tun, um Hofer zu vermeiden. Gerade in den letzten Tagen häufen sich auch in der medialen Berichterstattung Beiträge, die erklären, warum man Hofer keinesfalls wählen sollte.

Ich seh‘ das zwar auch so, aber mal abgesehen davon, dass durch diese Art der Berichterstattung Hofer weitaus mehr Aufmerksamkeit zukommt, kann diese Vermeidungstaktik auf lange Sicht nicht der grüne (ja, Wortspiel) Zweig sein. Denn das führt nur dazu, die Symptome eines Problems zu unterdrücken, das seine Wurzeln ganz woanders hat. Jedoch übersehen wir diese Probleme schon viel zu lang, weil wir an der falschen Stelle herumdoktern.

Offensichtlich gibt es aber immer mehr Menschen in Österreich, die sich mit existenziellen Problemen konfrontiert sehen und sich von der Politik so alleingelassen fühlen, dass sie sich gerne der FPÖ zuwenden, welche scheinbar einfache Antworten auf ihre Probleme liefert. Je mehr nun alle anderen mit vereinten Kräften eben gegen diese FPÖ arbeiten und sonst keine politischen Alternativen zur Behandlung der Probleme bieten, desto mehr wird dies dazu führen, dass die FPÖ weiter zulegen wird. Man bietet ihr ja förmlich die Vorlage, sich in ihrer gewohnt polemischen Art in die Opferrolle zu begeben, weil alle nur gegen sie sind. Und selbst wenn sich Hofer als Präsident vermeiden lässt, warne ich sehr davor, sich auf diesem Ergebnis auszuruhen und nicht aktiv Veränderungen herbeizuführen.

Ich persönlich hoffe trotz allem auf einen Sieg Van der Bellens am kommenden Sonntag. Und ich hoffe, dass auch mit dem neuen Bundeskanzler die Zeichen nun wirklich auf Veränderung stehen. Es ist Zeit, nicht mehr nur Symptome zu bekämpfen, sondern gemeinsam an einem stabilen Rückgrat in der Gesellschaft zu arbeiten. Dann wird sich hoffentlich auch meine Übelkeit bald lindern.

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