Sie fuhr heim, um zu tindern

26. Februar 2016

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Foto: pixabay.com

„Aber in Echt lernt man doch niemanden mehr kennen“ erklärt mir B. und berichtet von ihrem zweiten Tinder-Date in dieser Woche. Einige Tage später trifft man sich abends in einem Club wieder. Während sie, in einer dunklen Ecke neben ihrer besten Freundin stehend, selbiges Problem bespricht, unternehmen verschiedene Männer den Versuch, die beiden anzusprechen.

Manch einen bemerkt sie nicht, den anderen vertreibt sie schlicht mit einem genervten Gesichtsausdruck. Einer – er sieht ein wenig aus wie ein hübscher Pirat -  bietet ihr einen Schluck aus seiner hineingeschmuggelten Jack Daniels Flasche an. Sie sieht ihn mit großen Augen, fast ein wenig angewidert an und verlässt empört die Party.

„Wer immer mit dem Taxi fährt, verlernt das Laufen“

…Heißt ein nicht ganz so altes Sprichwort und beschreibt sehr treffend, wie vielen Menschen die Fähigkeit zum lockeren Gespräch mit Fremden abhanden gekommen ist. Man hält sich nicht mehr mit unproduktiven Gesprächen auf, sucht, nach Bedarf, ganz gezielt nach Sexualpartnern oder potentiellen Lebensgefährten. Flirten ist anstrengend, sofern nicht augenscheinlich erfolgsversprechend. Darum wird lediglich mit Personen, über deren Hintergrund man sich im Vorfeld informiert hat, in Kontakt getreten - via Facebook, Google, oder Dating-Apps und Online-Partnerbörsen. Letztere servieren den vermeintlich perfekten Partner auf dem Silbertablett.

Elite-Partner ist eine dieser Plattformen, die dies möglich machen. Wer kennt sie nicht, die „Partnerbörse für Akademiker und Singles mit Niveau“.  Der Webauftritt der Seite ist ein sehr gelungener  und wirkt wie eine Modelagentur für interessante Nicht-Models. Auf den ersten Blick kann nach oberflächlichen Kriterien schon ausgeschlossen werden, wer nicht in das optische Beuteschema des Suchenden passt. Name, Beruf, Alter und ein kurzer Satz wie folgender - „Ich mag Champagner, meine Bohrmaschine und Formel1“ - gewähren umgehend tiefgründigen Einblick in die Persönlichkeit der Singles. Ein weiterer Klick führt zu einem detaillierten Artikel, wie er in einem Monatsmagazin abgedruckt sein könnte. Und das alles für nur 139€ Euro.

Matchen ist alles

Und los geht die Matcherei , wer passt zu wem? Die Extrovertierte zum Extrovertierten? So einfach ist das nicht – gematcht werden lediglich jene mit „ähnlichen“ Charakterzügen, um sogenannte „explosive Mischungen“ zu vermeiden. Schließlich soll aus Match künftig Liebe werden. Das Angebot von Tinder ist nicht so detailliert – jedoch kostenlos und hat wahrscheinlich quantitativ mehr Erfolg in der Zusammenführung etlicher Menschen zu verzeichnen (zu welchem Zweck auch immer). Matchs erfolgen auf Basis gemeinsamer Facebook-Freunde und örtlicher Nähe.

Mit Sicherheit hat ein jeder Mensch schlechte Erfahrungen in der Partnerwahl gemacht – jemanden falsch eingeschätzt. Es dürfte jedoch langsam in das Bewusstsein der breiten Masse gelangt sein, dass die Selbstdarstellung im World-Wide-Web  der Realität hinterherhinkt. Ich mag vermutlich klingen wie eine besorgte Großmutter, trotzdem frage ich mich, wieso es so vielen ein solches Anliegen ist, an Informationen über sein Gegenüber zu gelangen, bevor man sich kennenlernt. Das spontane Gespräch mit Fremden scheint zu einer Rarität und Reallife-Flirten für viele zur Anstrengung geworden zu sein.

B. ist an dem besagten Abend heimgefahren, um mit D. zu tindern. Getroffen haben sich die beiden nie. Heute ist  B. glücklich liiert mit H. – Sie haben sich bei der Arbeit kennengelernt.   

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