„So geil, hier ist alles viel billiger als zu Hause“

11. August 2022

 

Nach vier Monaten Backpacking in Kolumbien und Peru hatte ich folgende Einsicht: Ich bin das Paradebeispiel eines Generation Z Bobos aus der gehobenen Mittelschicht. Aber wer sind diese reiselustigen Bobos?

Sie sind meistens zwischen 18 und 26 Jahre alt und möchten noch etwas erleben bevor sie anfangen, „irgendwas mit Medien“ zu studieren. Auf geht’s nach Südamerika! Meistens haben sie vom Papa oder der Oma ein Maturageld bekommen und tun so, als wäre ihr Reisebudget vom langjährigen Babysitten finanziert worden. Trotz der zwei Sparkonten im Hintergrund geht es darum, so sparsam wie möglich zu reisen. Dies erklärt auch, weshalb sie mit einem Straßenverkäufer um läppische 40 Cent verhandeln, während ihnen ihr 200€ Rucksack langsam Rückenschmerzen verursacht. Dafür gibt es natürlich eine Lösung. Nach maximal zwei Wochen Reisen, in denen zu 95% in 4 – Sterne Hostels genächtigt wurde, gönnen sie sich die erste Massage, weil hier ja „alles viel billiger ist als zu Hause“. Kurz danach folgt die Einsicht, dass die Welt so unfair und man selbst so privilegiert sei. Um ihre Gedanken zu sortieren und die gesammelten Eindrücke zu verarbeiten, schreiben sie ein Tagebuch, das sie nach ihrer Reise gerne in Form eines Buches veröffentlichen möchten. Dafür müssen sie ordentlich Abenteuer sammeln. Da der mitgebrachte Lonely Planet Reiseführer nur Plätze und Orte empfiehlt, die dem europäischen Terrain gleichen, machen sie aus den normalsten Begebenheiten die spektakulärsten Geschichten: Aus einem langweiligen Spaziergang in Hostelnähe wird ein Dschungelwalk mitten im Nirgendwo, Small Talk mit anderen Reisenden stellen sie als inspirierendes Gespräch dar und jede hipster Poke Bowl verkaufen sie als traditionell exotische Speise. Wenn dabei keine Fotos geschossen werden die „instaworthy“ sind ist der Tag meistens gelaufen. Denn was nicht auf Instagram landet, ist nie passiert oder? Obwohl sie es schaffen, mit ihren postings alle zu Hause eifersüchtig zu machen, packt sie irgendwann die FOMO. Hin und hergerissen zwischen ferner Reiselust und heimeliger Gemütlichkeit entscheiden sie sich, spätestens für den Geburtstag der besten Freundin wieder zurückzukehren. Sie können es kaum erwarten, sich fahrradfahrend über grantige AutofahrerInnen aufzuregen, „Friends“ zu schauen und nebenbei eine Packung Bio Linsenchips für 2,99€ zu mampfen. Am Strand Kokosnusswasser zu schlürfen werden sie am meisten vermissen. Zu Hause angekommen gibt es erst mal drei Wochen Ferien bevor das unbezahlte Praktikum beginnt, dass der beste Freund vom Papa organisiert hat. Aber bitte nicht mehr als 30 Stunden die Woche, sie wollen ja nebenbei noch etwas erleben.

Antonia Baumgartner Kolumbien
Karibikküste Kolumbien: Auch ich bin dem Kokosnusswahn verfallen

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