"Sobald man mit Akzent redet, ist die genaue Herkunft egal" - Ahmed Husagić im Interview

20. August 2019

Ahmed Husagić ist der höchstgelistete „-ić“ auf der Bundesliste der SPÖ für die kommenden Nationalratswahlen. Der Vorzugsstimmenkönig über Misstrauen gegenüber MigrantInnen, seinen Traum von der ersten Bundeskanzlerin und warum ihn Deutschland nicht so überzeugt hat.


Ahmed Husagić Interview

Gerade als wir mit dem Interview beginnen wollen, erschlägt uns fast der Sonnenschirm auf der Terrasse. Husagić steht sofort auf und fixiert das Problem. Daran waren schon etliche biber-Kollegen vor ihm gescheitert. Ein Mann, der anpackt. Passt das überhaupt noch zu der heutigen SPÖ, Herr Husagić?

Ahmed Husagić: Na sicher – wir packen alles an! Vom Klimaschutz über leistbaren Wohnraum und eine abgesicherte Pflege der Zukunft, bis zum Zusammenhalt in unserer Gesellschaft: Die SPÖ packt an und liefert Antworten, während andere nur zuschauen und oder auf ÖsterreicherInnen wie Sie und mich vergessen. 

biber: Ihre Spitzenkandidatin Rendi-Wagner lässt mit Aussagen wie „Das Schnitzel darf nicht zum Luxus werden“ im Wahlkampf aufhorchen. Sprüche, die man eher aus dem rechten Eck gewohnt ist. Kann die SPÖ mit ihren Inhalten noch bei den Arbeitern punkten oder muss ihre Politik „rechter“ werden, um erfolgreich zu sein? 

Ahmed Husagić: Uns geht es nicht um eine Einteilung in links oder rechts. Unser Ziel ist ausschließlich, Politik für die Menschen zu machen. Am Beispiel des Schnitzels wird das gut ersichtlich: Wir stehen für Klima- und Umweltschutz mit sozialer Handschrift. Die Kosten und Folgen des Klimawandels dürfen nicht auf den Einzelnen abgewälzt werden, sondern die großen Umweltsünder müssen zum Umdenken gebracht werden. Wenn sich der Maurer aus Ottakring kein Schnitzel oder Cevapcici mehr leisten kann, aber internationale Großkonzerne weiterhin unsere Umwelt verpesten, ist niemandem geholfen.

Sie sind der höchstgereihte Politiker aus Ex-Jugoslawien bei der SPÖ Bundesliste. Dabei sind Sie noch gar nicht so lange in Österreich…

Ich bin ursprünglich zum Studium nach Österreich gekommen. 2010 während der Wien Wahl habe ich hier ähnliche Tendenzen wie in den 90er Jahren in Ex-Jugoslawien beobachtet. Daher schloss ich mich der SPÖ an, um dies zu verhindern. Es ist nicht wichtig, wie lang man schon in Österreich ist, sondern was man für das Land und die Bevölkerung machen möchte. 

Glauben Sie, dass Ihre Geschichte - den Krieg in Ex-Jugoslawien persönlich erlebt zu haben - Ihre jetzige politische Positionierung geprägt hat? 

Das war absolut entscheidend. Ich weise immer wieder darauf hin, was schlechte Politik und schlechte Entscheidungen verursachen können. Politik kann aber auch anders – Sie kann gut sein und viel für die Menschen tun. 

Die jetzige Lage in Bosnien und Herzegowina – politisch und wirtschaftlich – ist nicht gerade rosig. Hatten Sie jemals ein schlechtes Gewissen, Ihrer Heimat den Rücken gekehrt zu haben?

Ich lebe in Österreich und sehe mich als Österreicher, weil ich mich dafür entschieden habe. Ich hätte mir auch ein anderes Land aussuchen können. Es war mein Kindestraum nach Österreich zu kommen. Ich bin vor dem Krieg einmal mit meinem Vater nach Deutschland gefahren. Auf dem Weg dahin sind wir durch Österreich gefahren und die saftig-grünen Wiesen, schönen Häuser, Berge und Schlösser haben mich beeindruckt. Da habe ich zu meinem Vater gesagt: „Papa, Österreich ist das schönste Land der Welt.“ Deutschland hat mich nicht so überzeugt. (lacht)

Und was ist mit Bosnien und Herzegowina?

Ich habe noch starke Gefühle für Menschen in Bosnien. Meine Eltern wohnen noch immer dort. Aber ich kann der Bevölkerung in Bosnien auch von hier aus helfen. Wie beim Hochwasser 2014. Da habe wir mit dem Samariterbund eine Spendensammel- und Nothilfeaktion gestartet. Wir haben über 60 Sattelschlepper nach Bosnien geschickt.  

Fühlen Sie sich zu Hause, wenn Sie Ihre Familie in Sarajevo besuchen?

Ich fühle mich überall auf der Welt zu Hause. (lacht) Egal ob in Thailand, Vietnam oder in Peru. Und natürlich in Sarajevo. 

Sie haben bei den letzten NR-Wahlen 5.742 Vorzugsstimmen bekommen. Sie hatten nach Kern und Doskozil die drittmeisten in der Partei und zehntmeisten von allen Parteien? 

Ich bin glücklich, dass die Menschen meine Arbeit anerkannt haben. Das motiviert ungemein. 

Denken Sie, dass die meisten dieser Vorzugsstimmen aus der Ex-Ju Community kamen?

Das kann man nicht wissen. Vom Gefühl her denke ich schon. Aber durch mein Engagement für Flüchtlinge 2015 und Projekte mit dem heeresgeschichtlichen Museum (Kinder im Krieg) kommen sicher auch Stimmen von Menschen ohne Migrationshintergrund dazu. 

Glauben Sie auch, dass Sie mit Ihrer Person als Bosniake zum Dialog zwischen den einzelnen Ländern aus Ex-Ju anregen können?

In der Ex-Ju Community gibt es Gruppierungen, die nationalistisches Gedankengut pflegen. Aber Probleme wie Wohnen, Soziales/Kinder/Pension/Pflege/Integration/Rassismus betreffen uns alle. Sobald man mit Akzent redet, anders ausschaut oder einen ausländischen Nachnamen trägt ist die genaue Herkunft egal. Daher finde ich es wichtig, dass die „Ex-Ju Gruppe“, aber auch alle Menschen, die eine weltoffene Gesellschaft wollen, zusammenhalten. 

Wie erleben Sie Rassismus in Österreich?

Auf Facebook habe ich eine große Community und da melden sich verschiedene Menschen zu Wort. Wenn man „Was sucht ihr da?“ oder „Geh zurück“ liest, tut das weh. Viele Menschen haben ihre Erfahrungen mit Rassismus mit mir geteilt. Es gibt leider viele Personen, die einfach Vorurteile haben. 

Sehen Sie sich als Vorbild?

Eigentlich wäre das mein großer Wunsch. Es ist wichtig, dass Menschen mit Migrationshintergrund politisch tätig sind. So brechen wir Vorurteile auf. Das ist das Wichtigste. Deswegen ist es mein großes Ziel, möglichst viele Menschen für die Politik zu motivieren. Jeder, der mitmacht, muss aber auch wissen, dass Österreich und seine Bevölkerung an erster Stelle stehen. Wenn dieses Schiff sinkt, dann sinken wir alle gemeinsam. Das wissen wir, die Leute aus Ex-Jugoslawien, am allerbesten.

Drei Wünsche für die Nationalratswahl und deren Ausgang? 

Linksmitte Koalition, SPÖ als stärkste Kraft und Pamela Rendi-Wagner als erste gewählte Bundeskanzlerin Österreichs. 

Mittagszeit. Lieber Balkan-Küche oder Schnitzel & Co,?

Ich esse alles. Ich esse gern Cevapcici. Ich mag aber auch Kaiserschmarren, Kässpätzle oder asiatische Küche.

Ein kulinarischer Weltbürger also. Verraten Sie uns Ihr Lieblings -Ćevapčići-Lokal?

Ich kann keine Werbung machen. Wenn ich ein Restaurant als das beste deklariere, sind die anderen böse (lacht). 

 

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