Stellungnahmen der IGGiÖ oder: eine Anleitung zum Verschlimmbessern

06. Oktober 2017

Es gibt so Momente, da denk ich mir: Würde doch die IGGiÖ als offizielle Vertretung aller MuslimInnen sich äußern. Dann sagt sie etwas und zwei Hände scheinen zu wenig für ein Facepalm. Als vor zwei Tagen Integrationsminister Kurz wieder einmal eine „Studie“ präsentierte und zwei (zumindest ehemalige) Mitarbeiter Aslans daneben standen, um wieder einmal sein einziges Wahlkampfthema, Islam, zu bedienen, dachte ich mir: Das ist so ein Moment. Es geht um Moscheen und das Islamgesetz. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich als direkte Adressatin dieser „Studie“ sollte sich dazu äußern.

Ich werde nicht auf den Inhalt der Studie eingehen, aber dass sie von zwei (zumindest ehemaligen) Mitarbeitern Aslans präsentiert wurde und von Kurz in Auftrag gegeben wurde, sollte bereits genug Grund für Vorsicht sein (Stichwort: „Kindergarten-Studie“). Dass diese beiden sehr bemüht scheinen, ihre Mitarbeit bei Aslan möglichst unerwähnt zu lassen, spricht Bände. Es gibt also etliche Indizien dafür, dass es sich wieder einmal um eine politisch und wahlkampftechnisch motivierte „Islam-Studie“ im Dunstkreis der üblichen Verdächtigen handelt.

Richtige Kritik notwendig

Die IGGiÖ könnte hier zu Recht das Zustandekommen dieser Studie kritisieren, die Hintergründe der beteiligten Personen durchleuchten und einige kritische Fragen wie den Zeitpunkt der Veröffentlichung aufwerfen. Sie könnte den grundsätzlichen Auftrag hinterfragen, Moscheen auf ihre Integrationsleistung zu untersuchen. Sie könnte die tendenziöse Auswahl von Quellen oder die Bewertungsmethoden hinterfragen.

Sie könnte die Frage stellen: Wer sind die AutorInnen, die mit „et al.“ angedeutet, aber nicht namentlich genannt werden? Ich will jetzt keineswegs andeuten, Mehmedi und Heinisch seien lediglich Strohmänner, die sich und Wissenschaft für politische Zwecke anderer missbrauchen lassen, aber: Wie kann eine Studie präsentiert und AutorInnennamen „geheimgehalten“ werden? Werden solche Studien eigentlich auch für serbisch-orthodoxe Kirchen durchgeführt? Was haben Moscheen überhaupt mit dem Integrationsminister zu tun und sind Gotteshäuser nicht Orte der Spiritualität ohne politischen Auftrag?

Sexismus in religiösen Strukturen

Stattdessen geht die IGGiÖ mit einer plumpen Presseaussendung und abgedroschenen Phrasen raus. Vor allem leistet sie sich in Bezug auf die Kritik am Umgang mit Frauen in Moscheen einen unglaublichen Sexismus, den ich nicht unkommentiert stehen lassen kann.

In der Stellungnahme der Glaubensgemeinschaft heißt es: „Wie können StudienautorInnen, die sich als Islam-ExpertInnen bezeichnen, nicht wissen, dass Freitagsgebete nur für männliche Muslime vorgesehen sind? Daraus eine Gender-Agenda zu machen, in dem vorgeworfen wird, Frauen aus Freitagsgebeten im Voraus auszuschließen, zeigt mit welchem Verständnis die Moscheen unter die Lupe genommen wurden.“

Liebe IGGiÖ, das Freitagsgebet ist nicht „nur für männliche Muslime vorgesehen“. Das entspricht vielleicht eurem Verständnis, dass nur Männer beim Freitagsgebet teilnehmen, aber ihr solltet zumindest in islamischen Belangen korrekt sein: Das Freitagsgebet ist eine Pflicht für muslimische Männer. Für Frauen ist die Teilnahme freiwillig. Zwischen eurer Aussage und dieser liegen Welten. Ihr braucht nicht nur dringend ein professionelles PR-Training, sondern eine komplette Sanierung eures Islamverständnisses (#becauseits2017).

Es ist tatsächlich eine dreiste Leistung des Patriarchats, sogar eine religiöse Bevorzugung von Frauen gegen sie zu verwenden. Aus einer freiwilligen Teilnahme von Frauen hat sich durch männlich-dominierte, religiöse Strukturen in der Tat vielerorts ein Ausschluss vom Freitagsgebet entwickelt. Wir brauchen keine „Enthüllung“ eines Moscheen-Touristen um zu wissen, dass viele Frauenbereiche freitags von Männern eingenommen werden. Das ist keine „Gender-Agenda“, sondern eine reale Benachteiligung von Frauen in religiösen Räumen.

Muslimische Frauen sprechen für sich

Muslimische Frauen tauschen sich deshalb über die besten Moscheen zur Teilnahme am Freitagsgebet aus. Sie wissen, wo es freitags keinen oder wenig Platz für sie gibt und wo sie willkommen sind. Dachverbände in den USA haben dazu Expertisen in Arbeitsgruppen erstellt und Forderungen an Moscheen gestellt. Es gibt Tagungen, Konferenzen, Projekte, Vorträge, Hashtag-Kampagnen (#mymosquemystory), Blogs und Filme rund um das Thema „Frauen in Moscheen“.  Viele muslimische Frauen - und auch Männer - kritisieren herrschende Zustände und arbeiten an einer Veränderung mit Blick auf Länder mit geschlechtergerechteren, religiösen Verhältnissen wie in Malaysia oder Indonesien.

Jetzt geht also ein ahnungsloser Nicht-Muslim in eine Moschee und berichtet der Öffentlichkeit von dem, was er dort beobachtet hat? Ein bisschen hat das den Beigeschmack von rassistischer Ethno-Forschung: Wir gehen in den Urwald und berichten euch über die „Eingeboreren“. Auf Facebook offenbart einer der Autoren, Heiko Heinisch, seine „Expertise“: „Das für uns Interessante war denn auch, dass selbst vorhandene Frauenräume an Freitagen für Männer reserviert wurden und Frauen so die Teilnahme gar nicht möglich war.“ Von den planmäßig Empörten wurde die Empörung auch mit einem Empörungs-Smiley zum Ausdruck gebracht (siehe Titelbild).

Keine Schützenhilfe notwendig

Als Muslimin frage ich: Warum ist es für Nicht-MuslimInnen von Interesse in welcher Form muslimische Frauen in Moscheen praktizieren? Warum ist dies vor allem von politisch geleitetem Interesse? Wir sind mehr als nur imstande für uns selbst zu sprechen und unsere Anliegen selbst in die Hand zu nehmen. Schon gar nicht brauchen wir die Schützenhilfe eines "Islam-Experten", der immer wieder Kopftuchverbote und damit den Ausschluss von sichtbar muslimischen Frauen vom Arbeitsmarkt fordert. Er, der sich gegen Bildungschancen und die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen stellt, will sich nun gemeinsam mit dem Politiker, der die entsprechenden Gesetze fordert, darüber empören, dass muslimische Frauen in Moscheen ausgeschlossen werden? Euer Interesse rührt mich zu Tränen.

Es ist ein Armutszeugnis, dass sich jemand mit einer offensichtlich tendenziös motivierten Arbeit einen Namen als „Islam-Experte“ machen kann,  nur weil er sein 08/15-Wissen über den Islam oder MuslimInnen mit einem deutschen Namen und einem nicht-muslimischen Background verbreiten darf.

Und an die IGGiÖ möchte ich folgendes türkische Sprichwort richten: „Kaş yapmak isterken göz çıkarmak[1]“ bu olsa gerek.

 

[1] Eine Redewendung, die das deutsche Wort „Verschlimmbessern“ zum Ausdruck bringt.

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