Struktureller Rassismus: Im Westen nichts Neues

27. September 2020

Tirol mal wieder, es wird fast schon zur traurigen Gewohnheit, das ewig selbe alte Lied: Ein Politiker postet eine klar rassistische Aussage auf Social Media, wird deshalb angegriffen und rudert dann zurück à la „Uiuiui, ich wurde total missverstanden“. Neu ist in diesem Fall lediglich, dass Karl Ischia, mittlerweile ehemaliger Innsbrucker Bezirksobmann der WKO, dennoch am Ende bereit war, die Verantwortung für seinen klaren Fehltritt zu übernehmen und tags darauf zurückzutreten.

Nun kommt diese Entscheidung aber nicht überall so gut an. Mancherorts ist dieser Tage zu lesen, dass dieser ganze Aufstand doch nur die völlig übertriebene Reaktion einer sich moralisch überlegen fühlenden Gruppe wäre und dass der Herr Ischia sich das wirklich nicht verdient habe, weil er doch im Allgemeinen kein Rassist sei und überhaupt solle man die Aussage in einem großen Kontext sehen.

Nun gut, davon bin ich Fan, schauen wir uns das Ganze also in einem größeren Kontext an. Größerer Kontext kann dann aber nicht nur bezogen sein auf Herrn Ischia im Allgemeinen und seine Aussage im Speziellen. Größerer Kontext muss dann schon auch bedeuten, sich anzuschauen, wie seine Aussage sich in einen gesellschaftlichen Kontext einbettet und warum die Empörung darüber dann vielleicht doch nicht blanke Hysterie, sondern eventuell (ich wage es kaum auszusprechen) sogar gerechtfertigt ist.

Denn auf diesem Wege müssen wir wohl oder übel (an)erkennen, dass Rassismus in unserer Gesellschaft sich nicht an einzelnen Hoppala-Aussagen festmacht, sondern ein strukturelles Problem ist, das so selbstverständlich in unserem Alltag verankert ist wie das Kreuz in den Klassenzimmern. Ja, auch in Österreich und Gott behüte sogar im heiligen Land Tirol werden kopftuchtragende Frauen auf offener Straße mitunter angepöbelt, ebenso wie Schwarzen Menschen Affenlaute hinterhergerufen werden. Doch derartige Vorfälle sind nur die traurige Spitze eines Eisberges, der mit unbedachten, pauschalisierenden Aussagen beginnt und seine Auswüchse in Diskriminierung etwa am Wohnungs- und Arbeitsmarkt zeigt.

Jetzt ist mir natürlich klar, dass es leicht ist, über all dies hinwegzublicken, wenn man als weißer, einheimischer, privilegierter Mann nicht davon betroffen ist. Wenn man selber noch nie mit Ausgrenzungserfahrungen dieser Art konfrontiert war. Da würde es sich dann ab und zu doch mal empfehlen, im Sinne eines größeren Kontexts, sich in die Haut der Betroffenen hineinzuversetzen. Aber nicht nur in jene Haut, die einem gerade zusagt, weil sie einem irgendwie näher liegt, oder ja, weil sie einem sogar persönlich bekannt ist, sondern in die Haut der Opfer derartiger Diskriminierungen. Wie fühlt es sich eigentlich an, sich für diese Gesellschaft abzustrappeln und dennoch nie ein gleichberechtigter Teil zu sein? Wie fühlt es sich an, seinen Körper und seine Gesundheit für Arbeiten zu riskieren, die kaum ein Einheimischer machen würde, und dennoch der Sündenbock Nummer 1 zu sein? Wie fühlt es sich an, als Wirtschaftstreibender Arbeitsplätze zu schaffen und dennoch von der eigenen politischen Vertretung bei nächster Gelegenheit angeschwärzt zu werden?

Unter diesem Gesichtspunkt erscheint es wohl als hochgradig unangebracht, diese Menschen oder auch jene, die sich mit ihnen solidarisieren und vehement die moralischen Grenzen unserer Gesellschaft einfordern, als überempfindlich oder gar unangenehm laut darzustellen. Oder auch, ihnen vorzuwerfen, sie würden die moralischen Grenzen so verschieben, wie es ihnen gerade in den Kram passt. Ist es nicht eher so, dass die moralischen Grenzen in unserer Gesellschaft klar definiert und unverrückbar sein sollten? Und dass allerspätestens im Jahr 2020 wirklich jeder und jedem bewusst sein sollte, wo sich diese Grenzen befinden? Vorrangig aber denjenigen, die ein offizielles Amt bekleiden, in dem sie einen Teil eben dieser pluralistischen Gesellschaft vertreten?

Aber klar, auch ich kann zwischen Mensch und Funktion unterscheiden. Und gut, ich sehe ein, die Emotionen sind mit dem Herrn Ischia durchgegangen. Und jetzt auch mal ganz ehrlich und christlich-biblisch formuliert: Wer noch nie im Alltag innerlich die Augen verdreht hat und sich gedacht hat „Ma, diese Türken da drüben schon wieder“, der werfe den ersten Stein. All das ist durchaus menschlich, aber gerade zum Menschsein gehört eben auch dazu, nicht alles ungefiltert wiederzugeben, geschweige denn auf Social Media. Eine zwischengeschaltete moralische Instanz macht uns Menschen schließlich aus.

Der Herr Ischia soll ja ein besonders netter und umgänglicher Mensch sein. Ja nice! Ich bin ihm menschlich auch extrem verbunden, dass er nicht nur seinen Fehler eingesehen hat, sondern – und das ist wirklich selten geworden – auch die Verantwortung dafür übernommen und die Konsequenzen getragen hat. Danke, Herr Ischia, damit haben Sie als Mensch großen Anstand bewiesen.

Schade ist halt nur, dass es immer noch zahlreiche andere gibt, die es nicht so gut kapiert haben wie Sie und immer noch versuchen, die Schwere der Aussage damit zu relativieren, dass Sie ja eh ein Netter sind. Der Punkt ist, ich glaube das sogar. So wie auch Ahmed, Mustafa, Ayse, Darko, Jelena und sogar der Hipster Thomas wirklich nette Menschen sind. Menschen, die – ebenso wie Sie – eine ehrliche Chance, moralischen Schutz und eine angemessene politische Vertretung in unserer Gesellschaft verdient haben. Aber das hat ja in der ganzen Debatte noch niemanden so recht interessiert.

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