Superduper Clickbait-Titel

13. Februar 2019

Wie linke Medien Rassismus beisteuern und Vorurteile füttern. Inspiriert durch Soso Mugiraneza und meiner Abneigung gegenüber den unüberlegten Missbrauch von Individuen durch linke Medien


Fake-Szenario: Zwei Personen. Beide sind Profitänzer und sind bald in einer TV-Sendung zu sehen: Patrick, Engländer, ist 28 Jahre alt, Salsa-Tänzer und ledig. Loui, Nigerianer, ist ebenfalls 28 Jahre, auch Teilzeitkoch und tanzt Contemporary. Eine populäre linke Zeitschrift lädt beide zu einem Interview, passend zur baldigen Show-Ausstrahlung, ein.

Die erste Frage, die Patrick bekommt: „Zu welcher Musik tanzen Sie am liebsten?“

Die erste Frage, die Loui bekommt: „Wie geht es Ihnen mit Rassismus in Österreich?“

Spot the error.

„Die Medien wollen damit Emotionen erzeugen, indem sie mich über meine rassistischen Erfahrungen fragen. Auch linke Zeitungen denken oft, sie bekämpfen Rassismus, in dem sie ihm so viel Aufmerksamkeit schenken, aber in Wirklichkeit ist es das Gegenteil.“

-          Soso

Loui hat andere Dinge, über die er reden könnte, als über seine Hautfarbe. So mancher Journalist fühlt sich gerne als emphatischer Held, wenn er POC (People of Colour) auf ihre rassistischen Erfahrungen anspricht, obwohl es nichts mit dem Kontext zu tun hat.

„Somit spielt man eigentlich auch mit Rassismus.“

-          Soso

Kinder und Medien

Als ich vor einigen Wochen in einer NMS-Schule zu Besuch war, wusste ich nichts vom Ruf der berüchtigten Neuen Mittelschulen. Seit Susanne Wiesingers Buch „Kulturkampf im Klassenzimmer“ herrscht anscheinend ein Katastrophenbild von diesen Schulen und von "radikalen muslimischen Kindern", denen die Lehrer angeblich zum Opfer fallen. Die Kinder dort sollen kaum deutsch sprechen, wollen nichts lernen und haben keine Interessen. Als ich in einer dieser Schulen war, wusste ich nichts von diesen Gerüchten und es war der letzte Eindruck, den ich von den Kindern bekommen hätte. Sie waren interessiert, humorvoll, gescheit und neugierig. Eine ganz normale Schule. Als meine Kollegen und ich die Klasse verließen, kam die Lehrerin zu uns und sagte: „Bitte, schreibt einmal etwas Positives über unsere Schule. Die Kinder sind in Wirklichkeit sehr talentiert.“ Erst dann bemerkte ich, zu meiner großen Überraschung, was für ein verzerrtes Bild von NMS herrscht. Ich weiß nicht, was diese Frau sich mit diesem Buch gedacht hat, wie man als erwachsene Person Kinder diabolisieren kann. Denn letztendlich leiden weder Eltern noch Lehrer darunter, sondern die Kinder, die sie stigmatisiert. Denn so werden Vorurteile ins Bewusstsein und Unterbewusstsein des Publikums eingepflanzt. Selbst Artikel linker Medien über NMS-Schüler, etwa unter einem Titel „Wie Ahmad seinen Nachmittag im türkischen Elternhaus verbringt“, die vermutlich nicht einmal böse gemeint sind, tragen zu dem Vorurteilsmuster bei. Dass man ständig versucht, alltägliche Dinge durch bestimmte Individuen zu einer Sensation zu machen, bedeutet eigentlich, dass Ahmad weniger normal ist als Lukas. Denn spätestens wenn irgendwann im Lebenslauf NMS steht, dann haben’s diese Kinder schwer, weil dieses einseitige Bild in die Welt gesetzt wurde und sich so leicht nicht mehr abschütteln lässt. Es ist ein Problem, das leider auch sehr oft in der linken Medienwelt zu finden ist, dass nämlich Kinder oft auf Themen wie Herkunft, Armut oder Aggressionen reduziert werden. Wenn einem tatsächlich das Kindeswohl am Herzen liegt, tut man ihm nichts Gutes, wenn man es immer wieder auf diese Merkmale reduziert.

Die, die mal gerne auf aufdeckerisch und multikulti machen, tragen low-key dazu bei, dass Lukas als Lukas gesehen wird, aber Ahmad als türkischer NMS-Schüler, und das in in zwei Varianten: entweder Ahmad kann kaum Deutsch, ist muslimisch-radikal und untalentiert oder in der „eigentlich gut gemeinten“ Variante: „Er spielt Fußball, isst gerne Spaghetti und hört Hip Hop“, um den Menschen zu zeigen: „He, der ist doch eh ganz normal!“. Als ob es jemanden interessieren würde, ob Lukas Fußball spielt, gerne Spaghetti isst und Hip-Hop hört. Was denkt man denn, was Ahmad sonst macht? Mit Eichhörnchen sprechen und Briefmarken essen? Es ist etwas anderes, ob man in Form eines interessanten, expliziten Themas kurz auch auf die Hobbys eingeht oder ob man diese zur ultimativen Story macht, nur um zu betonen, dass Türken, Araber oder Jugos auch normal sind. Wir leben in 2019.

 

Kopftuch und Medien

Last but not least: die ultimativ lächerliche Kopftuchdebatte in der Kopftuch-Gegner so tun, als wären sie um die Frauenrechte besorgt. Wenn es den Gegnern so um Gleichberechtigung geht, dann sollte man sich doch mal endlich dafür einsetzen, dass Frauen für dieselbe Tätigkeit wie Männer gleich viel verdienen. Jedoch redet man oft lieber über etwas, zu dem man entweder: überhaupt keinen Bezug oder: einen viel zu einseitigen und emotionalen Bezug hat. Klar kann man nicht garantieren, dass jeder das Kopftuch freiwillig trägt. Es ist aber dennoch so, dass viele das Kopftuch aus eigener Überzeugung tragen und wenn das mal nicht der Fall ist, dann gibt es andere Wege, um das Problem zu lösen, ohne gleich ein Verbot durchzuführen oder es öffentlich, zum Schaden der Betroffenen, an den Pranger zu stellen. Und den Einzelfällen, die es vielleicht nicht freiwillig tragen, tut man auch keinen Gefallen, wenn man sie in der Öffentlichkeit analysiert und verurteilt. Keinem hilft es, wenn er von der Gesellschaft als der Unterdrückte gesehen wird. Dass viele sich überhaupt in der Position sehen, mitbestimmen zu können, obwohl sie keinerlei Wissen um die Thematik besitzen, ist an sich bereits unverschämt. Durch sensationsgeile rechte und linke Medien wirbeln wir schon wieder eine unnötige Diskussion über etwas auf, was einmal so uninteressant war wie Bernd das Brot. Da will ein Mädchen einfach ihr Leben leben und durch den Missbrauch des Themas durch so einige Medien glaubt der Umkreis gleich, sie ist unterdrückt, darf keinen Freund haben und wird sowieso Hausfrau. Oder es heißt in linken Medien: „Wie Aisha ihren Freund kennenlernte“ oder „Wie Aisha trotzdem Schwimmen geht“. Da haben wir wieder diesen gutgemeinten Journalismus, der eigentlich trotzdem weiter aus Vorurteilen eine Sensation zum Nachteil junger Mädchen erzeugt, die dann im Alltag dank dieser Darstellungen als „anders“ gesehen werden.

„Wenn jemand unterdrückt wird, dann soll man Lösungen finden, um dieser Person zu helfen und nicht darüber schreiben. Das schadet nur noch mehr. Wieso finden sich junge Muslima nicht einmal unabhängig von ihrem Kopftuch in den Medien? Genauso wie sich Lisa oder Inge zu Themen, unabhängig ihrer Religion oder Herkunft, äußern? Das betrifft Kopftuchträgerinnen im Alltag. Die Medien prägen die Gesellschaft. Anstatt dass Menschen mich fragen, was ich heute esse, fragen sie mich, ob ich einen Freund haben darf. Bin ich herumgegangen und hab geheult, dass ich keinen Freund haben darf, bin ich zu dir gegangen und hab mich beschwert, dass ich unterdrückt werde? Nein. Also wieso vermutet man’s? Medien. Ich trag Kopftuch und hab bestimmt mehr Freiheiten als manche nichtmuslimische Mädchen. Und ich will nicht, dass solche Headlines in den Medien stehen, nur damit die mehr Leserschaft erreichen. Das liest man und man merkt es sich. Egal ob’s böse gemeint ist oder nicht. Ich will nicht lesen: „Aisha hat einen oder keinen Freund“ und ich will nicht lesen „Aisha geht schwimmen oder nicht schwimmen“. Und obwohl ich mich freue, wenn Frauen mit Kopftuch etwas erreichen und darüber berichtet wird, bereitet es mir unglaublich Druck, dass ich als Kopftuchträgerin mich doppelt so viel anstrengen muss, als alle anderen. Nur weil viele denken, dass wir sonst eh nur Hausfrauen werden und nichts tun als beten. Ich will nicht das Gefühl haben, dass ich mich ständig beweisen muss. Ich will nicht, dass irgendwer lieber mit Lisa abhängt als mit mir, ohne mich zu kennen, weil sie denken, ich darf das und das wahrscheinlich nicht und ich tu das und das nicht.“

-          Mena, 21

Mena und ich sind uns einig: Wenn man schon nichts Interessanteres als das Kopftuchthema zum Schreiben findet, dann sollte man es zumindest in Zusammenarbeit mit jemandem tun, der ein Kopftuch trägt. Und damit meine ich nicht in Form eines Interviews, sondern eine wirkliche Zusammenarbeit. Denn alle anderen wissen nicht, welche Aussagen sich wie und in welcher Form auswirken. Genau dasselbe Prinzip gilt für Kinder (Zusammenarbeit z.B. mit Pädagogen), Themen rund um POC oder alle anderen durchgelutschten Clickbait-Coverstory-0815 Geschichten. Denn was für die einen nett zum Lesen ist, endet für die anderen als mieser Alltag.

 

 

 

 

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