"Verzeihung": Eine Wiener Lehrerin entschuldigt sich

08. Juni 2021

Ich erhielt heute in der Früh eine überraschende E-Mail. Eine mir bekannte NMS-Lehrerin, die lieber anonym bleiben möchte, schrieb einen herzigen Text. Inhalt: Sie bittet ihre SchülerInnen im Namen aller Erwachsenen um Verzeihung. Aber lest am besten selbst!

 

Verzeihung
Es tut mir von ganzem Herzen leid und ich möchte mich bei euch aufrichtig entschuldigen. Ihr habt auf das erste Mal Fortgehen, euren ersten Urlaub am Meer ohne Eltern mit langen Nächten am Strand, den ersten Urlaubsflirt und den anschließenden Liebeskummer, Kinoabende mit Freundinnen und Freunden, Maturabälle und Abschlussreisen mit der Party eures Lebens, Interrail und das Schließen von Freundschaften auf dem ganzen Kontinent, das Lernen im Hörsaal und wesentliche Dinge eurer Jugend verzichtet, um andere Personen zu schützen. Gedankt wird euch auf diese fast eineinhalb Jahre Verzicht mit Platzverboten und Strafen.

Ich möchte mich entschuldigen, dass ihr so behandelt werdet, es tut mir leid, dass wir eine Gesellschaft haben, die euch und eure Bedürfnisse nicht wahrnimmt. „So sind wir nicht“ – diese Aussage des Bundespräsidenten verliert ihre Gültigkeit, wenn man den Umgang mit den Jugendlichen während der Pandemie betrachtet. Im momentanen Kontext wirkt es fast schon zynisch, denn das Platzverbot am Karlsplatz in voller Montur der Polizei und die Räumung am Donaukanal am Tag danach sind nur die Spitze. Während der ganzen Pandemie wurden sie vergessen. Für SchülerInnen gab es keine Luftfilter, dafür Hilfefonds für Unternehmen in Milliardenhöhe. Die EM darf stattfinden, aber StudentInnen dürfen nicht an die Uni zum Lernen. Die gerade jetzt so wichtigen Ausweichsituationen aus den beengten Studentenheimen oder WGs werden verwehrt und das Studium verlängert sich bei sehr vielen StudentInnen, aufgrund der finanziellen Notlage. Die Situation für StudentInnen ist zermürbend und frustrierend. Ebenso wie für SchülerInnen, die noch immer nicht wissen, wie es im Herbst weiter gehen wird. Ich wünsche euch eine Lobby oder eine Seilbahn am Donaukanal oder ein wichtiges österreichisches Unternehmen an den öffentlichen Plätzen, damit Jugendliche sich wieder im Freien treffen können.

Diese ganzen versäumten Erlebnisse kann man nicht einfach wiederholen, aber man kann sie aufholen und deshalb wünsche ich euch den schönsten Sommer eures Lebens und eine Politik, die eure Wünsche und Bedürfnisse endlich wahrnimmt.

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