Was halten Jugendliche von einem seit 100 Jahren toten Autor?

06. Juni 2018

„CHEKHOV Fast & Furious“- Was haben Vin Diesel und Autor Chekhov miteinander zu tun? Erst mal gar nichts. Aber das französisch-österreichische Kollektiv „Superamas“ will anhand eines klassischen Chekhov-Textes wissen, wie man Theater heute zugänglicher und gegenwärtiger machen kann. Zur Beantwortung holen sie sich Jugendliche aus vier europäischen Städten dazu. Zwei der Superamas Mitglieder, Caro Madl und Philippe Riéra, erzählen von ihrem neuen Stück im Rahmen der Wiener Festwochen.

superamas, wiener festwochen
Superamas

Die Superamas bezeichnet man als „aufständisches Kollektiv" – Was macht euch denn so rebellisch?

Philippe: Wir missachten Konventionen, die besagen wie Theater sein sollte.

Caro: Allein die Art der Kollektiven-Arbeit ist speziell. Es gibt kein Mastermind, niemanden der das letzte Sagen kann. Es wird viel diskutiert und wir stellen Theater als solches in Frage und was es heute repräsentieren kann oder soll.

Wie seid ihr zu den Jugendlichen gekommen?

Caro: Das erste Mal haben wir bei unserem Stück „Vive l'Armée!“ mit SchülerInnen gearbeitet. Dieser Prozess hat uns ganz gut gefallen und jetzt arbeiten wir mit jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25. Diese wurden in Reykjavik, Wien, Maubeuge und Amiens gecastet. Sonst schreiben wir Stücke fertig, bevor wir zu proben beginnen, in dem Fall bleibt es sehr offen, weil wir den Jugendlichen sehr viel Platz überlassen, um ausgehend von Chekhov ihre eigenen Ideen zu entwickeln.

Wie tastet ihr euch an Chekhov heran?

Philippe: In dem Fall hat Superamas den Text von Chekhov "Onkel Wanja" aufgearbeitet. Und dann sind die Jugendlichen dazu angehalten, das zu verwerfen, abzuändern oder weiterzuentwickeln. Wir wollten von Jugendlichen wissen, was für sie relevant ist. Ist Chekhov für sie überhaupt relevant? Wenn ja, in welcher Weise? Und wie können sie ihre Zustimmung oder Ablehnung des Textes zum Ausdruck bringen? Somit hat man zwei Sichtweisen dieses Stücks. Eine Interpretation der Superamas, die „alte“ Performance und die andere, die von den Jugendlichen performt wird. Wir spielen also nicht den Text als solches, die Performance ist davon inspiriert.

Caro: Jede Gruppe hat sich basierend auf dem Text ein oder zwei Themen ausgesucht. Die eine Gruppe knüpft an die Diskurse der anderen Gruppe an und entwickelt sie weiter.

Philipp: In Wien ist es Kommunikation. Der Mangel an Kommunikation zwischen Menschen trotz pausenloser Kommunikation – diese Diskrepanz zwischen Qualität und der Quantität in der wir kommunizieren.

Warum habt ihr euch für Chekhov entschieden?

Philipp: Weil Chekhov für uns old-fashioned Theater repräsentiert. Wir wollten ein etabliertes Theaterstück mit einer jungen Vision konfrontieren. Wie denken sie über Chekhov? Was löst es in ihnen aus? 

Und was denken sie darüber?

Philipp: Sieh dir die Show an! (lacht) Manche von ihnen sind sehr neugierig und aufmerksam. Die Jugendlichen ärgern sich darüber, warum in Onkel Wanja niemand etwas macht.

Caro: Sie waren irritiert, konnten es aber doch in den damaligen Kontext setzen - dass die Begebenheiten im Russland vor 100 Jahren eben anders waren als heute. Auf einer persönlichen Ebene waren sie aber davon überzeugt, dass die Charaktere nicht genug tun, um sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien.

Und warum der Zusatz Fast & Furious?

Philipp: Wenn du Chekhov hörst, denkst du an Langsamkeit und Melancholie - und Fast & Furious ist das komplette Gegenteil, der junge Part. Clash! 

Hier geht's zum gesamten Programm der Wiener Festwochen - nur noch bis zum 17. Juni!
 

Eure Arbeiten sind stets sozialpolitisch kritische Analysen. Kommentare zur aktuellen Politik in Österreich?

Caro: Im Feld der Kunst macht man sich große Sorgen, wie das weitergehen wird. Vor allem eben für Künstlern, die nicht in den etablierten Häusern auf der Welt spielen. Das ist ein großes Fragezeichen.

Philipp: Die neue Regierung wird es nicht einfacher machen für Kunst, sich zu entwickeln. Unser letztes Stück behandelte den Anstieg des Nationalismus in Deutschland. Wir hatten die Sorge, dass Marina Le Pen die Wahl in Frankreich gewinnen würde. Und das ist es nicht dort passiert, sondern hier. Aber es ist zu früh, um wirklich etwas zu sagen.

Dieses Interview ist im Rahmen einer entgeltlichen Kulturkooperation zwischen biber und den Wiener Festwochen entstanden. Die redaktionelle Verantwortung liegt allein bei biber.

Was? „Chekhov Fast & Furious“ im Rahmen der Wiener Festwochen
Wann? 15.-17. Juni jeweils um 20:30
Wo? Halle EG des Museumsquartiers
Tickets? ab 15 Euro hier.
Weitere Infos? www.festwochen.at
 

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