Was ist mit dieser Kahba auf Beyda?

28. September 2018

„Und die Kahba auf Beyda, sie leckt an meinem Yarak und nicht an meinem Paper“. Eine Gruppe zwölfjähriger in der S-Bahn neben mie grölt den Refrain von Capital Bra’s „Neymar“. Ob die Kids wissen, dass „Kahba auf Beyda“ nichts anderes als „Die Nutte auf Koks“, und „Yarak“ „Schwanz“ bedeutet, sei dahingestellt. Den Kids wird es vermutlich ohnehin egal sein, den Radiostationen und Menschen, die sich dafür verantwortlich fühlen, dann schon weniger.

Der altgermanische Rap, du Kalb 

Die CSU hat in Deutschland nach Farid Bangs Holocaust-Zeilen-Skandal erläutert, dass Deutschrap-Texte unter Hate Speech fallen, und deshalb zensiert werden sollten. Schimpfwörter und Beleidigungen im Rap gab es immer und wird es immer geben, na no na ned. Aber: Während in meiner Jugend im Deutschrap auf deutsch oder auf englisch geschimpft wurde, wird heute auf türkisch oder auf arabisch geflucht.  Egal ob  Capital Bra, Summer Cem, Miami Yacine, Massiv, Haftbefehl, Xatar, Nazar, Fard, RAF oder 187 Strassenbande – Anscheinend ist es nichtmehr en vogue, „Bitch“ oder „Hure“ zu rappen: „Sharmuta“ und „Kahba“, die arabischen Äquivalente, sind da noch nicht so abgenutzt. Wenn man Beef mit Rap-Kollegen hat, sind sie keine „Hurensöhne“ mehr, sondern werden mit „Kalb“ oder "Hayvan" adressiert, was auf arabisch respektive türkisch „Hund“ bedeutet. Statt den "motherfucker" schleichen sich immer wieder ein paar "AMK's" ein. Bedeutung vom selben mutterbeleidigenden Kaliber, falls das jemand nicht weiß. Aber es geht nicht nur ums Schimpfen: Aus den "Bro's" und "my Niggas", also aus denjenigen, mit denen man keinen Beef hat zu "Bratans", "Habibos" und "Abis." Phrasen werden unterstrichen durch klangvolle Wörter "Tamam" , "Haram" und "Salam". Für mich alles tamam, aber: Wie lange es dauern wird, bis der große Aufschrei wegen der Islamisierung, Kulturbereicherung, unzutreffendes streichen, im Deutschrap kommt, kann man nur abwarten. Wann sich wohl die ersten aufregen, dass unsere Jugend vom Deutschrap noch mehr verdorben wird? Jetzt wo die orientalischen Einflüsse im Mainstream angelangt sind. Es geht ja um die Beibehaltung der Kultur und der Werte, vor allem, weil Rap an sich ja schon eine Alt-Germanische Tradition ist, natürlich. Mal im Ernst: Wer im Rap nach Werten und Moral sucht, kann lange suchen. Aber dazu kommen wir noch.

 

Parental Advisory zu Zeiten von MTV 

Ich habe zu Rap-Songs von Eminem und 50 Cent mitgegrölt, als meine Englischkentnisse noch irgendwo auf den Sphären der ersten Seiten des „You & Me“ Englischbuchs schwebten.  Das resultierte dann darin, dass ich außer den offensichtlichen  omnipräsenten Schimpfwörtern wie  „Bitch“ oder „Motherfucker“ unwissendlich eine ganze Tirade an Beschimpfungen und Beleidigungen mitgezogen habe, deren Bedeutung ich damals nicht kannte. Das waren die Lieder, die ich mir illegal von LimeWire auf meinen iPod Nano geladen habe, versteht sich von selbst.  Das kam ja alles aus den USA; auf den „Clean Versions“, die es auf iTunes zu kaufen gab und die auf MTV liefen, war die Zensur schon im vollen Gange: Wörter wurden ersetzt oder ausgelassen. Aus „Bitch“ wurde „Gurl“, aus „fucking“ wurde „freaking“ und so weiter. Oder es kam einfach dieses immerwährende „Pieep“, umgekehrt phonetisch transkribiert wahrscheinlich so: ***. Beispielsweise wenn 50 Cent wieder mal darüber sang, was er denn mit seinem *** in einer *** von einer *** anstellen will. Parental Advisory und so, wir erinnern uns alle.

  

Sidos Block und Haftis Yarak 

Woran wir uns auch alle erinnern, ist das wahrscheinlich erste mainstream Deutschrap-Lied unserer Generation: Sidos „Mein Block“. Als es 2004 erschienen ist, haben wir es von unseren mp3- Playern, first-Generation-iPods und aus unseren Zahnspangen-Mündern geblasted, bis die Luft wegblieb. Ich habe es mit meiner damaligen Sitznachbarin in einer langweiligen Geografie-Stunde zur Aufgabe gemacht, den Song bildlich darzustellen, sprich: Wir haben Sidos Block gezeichnet. Also einfach ein Hochhaus gemalt, und dann das nachgemalt, was Sido in seinem Werk besungen hat: Den Hausmeister im ersten Stock, den Porno-Stock im Achten, die Sekte-Fans aus dem Neunten, und den Junkie aus dem vierten, der zum Frühstück erstmal zehn Bier trinkt. Als Vorlage dazu diente uns eine zensierte Version des Liedes, woher wir die hatten, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls waren auch hier die „schlimmen“ Wörter alle zensiert, in dem Fall statt dem „Pieep“ mit „Ahs“ und „Ohs“, die Sexgeräuschen ähnelten. Wahrscheinlich damit es irgendwo noch dirty bleibt oder was weiß ich. Jedenfalls war uns damals bewusst, wieso diese Stellen zensiert wurden. War ja alles auf Deutsch. Irgendwie beneide ich dann wieder diese „Kahba auf Beyda“-Helden von heute. Sie lernen mehr Ausdrücke, mehr Wörter und mehr Redewendungen, als wir es in unserer Jugend getan haben. Auch wenn es nicht unbedingt salonfähige Ausdrucksweisen sind, waren es bei uns damals ja auch nicht. Aber: Sie lernen trotzdem Wörter auf anderen Sprachen. Wenn auch auf diese unkonventionelle Art. Entwicklung, Horizonterweiterung und so. Außerdem: Es hat wohl noch nie jemandem geschadet, auf vier anstatt auf einer Sprache Mütter zu beleidigen. Spaß beiseite, ich finde die sprachliche Diversität im Deutschrap top – Wenn schon geschimpft und geflucht wird, warum dann nicht auf allen möglichen Sprachen? Also bitte, macht kein Auge, ich will noch in einer Welt leben in der „Kahba“ nicht mit „Mädchen“ zensiert wird, ihr Kalbs. 

Blogkategorie: 

Das könnte dich auch interessieren

Kirche Religion Masse
Am Wochenende beteten zehn Tausend...
Orašje
Vor ihrem ersten Besuch bei der Familie...
Eine lebenslange Liebe: Schwestern
Man kann nicht mit ihnen. Man kann auch...

Anmelden & Mitreden