Wer bist du?

28. Januar 2019

Keine Sorge, wir tun alle nur so als wüssten wir genau wer wir sind, wer wir sein möchten oder was wir mal machen wollen.


Für viele ist die Frage "Wer bin ich eigentlich?" der Grund, der uns nachts manchmal stundenlang kein Auge zudrücken lässt. Sie erscheint in verschiedenen Formen, Kontexten, Szenarios und im Zusammenhang mit so manchen Sorgen. Das Schlimmste daran: Man denkt immer, dass man die einzige Person ist, der es so geht. Denn alle anderen scheinen genau zu wissen, was sie wollen, scheinen das gefunden zu haben, was ihnen gefällt. Sie scheinen ein genaues Ziel vor Augen zu haben und zu wissen,wer sie sind, oder zumindest wer sie sein wollen.

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Wenn ich tiefergehende Gespräche mit jungen Menschen führe, dann weiß ich, dass es oft nicht so ist, wie es scheint. Viele von uns studieren zwar oder sind in einer laufenden Ausbildung, aber wissen trotzdem nicht, ob es das Richtige für sie ist. Wir stellen uns immer wieder die Frage, wer wir sind. Wer wir sein wollen. Was wir machen wollen. Das Problem dabei ist nicht, dass wir die Antworten auf diese Fragen noch nicht wissen, sondern der Druck der Gesellschaft, der uns das Gefühl gibt, wir müssten es so bald wie möglich wissen. Aber wie zur Hölle soll man eine der wichtigsten Fragen so schnell beantworten können? Oft passiert es dann, dass man sich nach der Schule direkt in ein Studium oder eine Ausbildung stürzt, dann aber abbricht oder wechselt, oder sogar in einem Bereich arbeitet oder studiert, ohne sich wirklich vorstellen zu können, in Zukunft etwas damit anfangen zu können oder zu wollen.

Fast so als würden wir uns in die nächstmögliche Sicherheitszone flüchten, um dem Druck der Gesellschaft zur entkommen.

Es fängt mit der Frage an: „Und was machst du so?“ oder in einer Kennenlernrunde: „Stellt euch mal kurz vor“. Die gängigste Antwort sieht dann in etwa so aus: „Mein Name ist Blabla, ich bin Blabla Jahre alt und ich studiere Blabla“. Ich bin dann meistens eine der wenigen, die antwortet: „Ich bin Samar, bin 20 Jahre alt.“ Und dann folgt da diese kurze Stille, als würde man erwarten, dass da noch was kommt. Dass da was fehlt. Und zugegeben, fühle ich mich dann komisch, weil ich nicht studiere. Obwohl ich nichts an der Entscheidung ändern würde. Die Jahre nach meiner Matura 2016 waren die spannendsten und besten meines Lebens bisher. Ich habe mein eigenes Zuhause aufgebaut, bin viel um die Welt gekommen, habe an meiner Kunst gearbeitet, mal hier mal da gearbeitet, die interessantesten Menschen kennengelernt und vor allem: mich selbst erforscht. Trotzdem wirkt es dann in so einer Situation so, als hätte ich bis jetzt noch nichts aus meinem Leben gemacht. Weil ich nicht studiere oder keine bestimmte Ausbildung mache.

Als wäre all das, was ich in den letzten Jahren nach der Schule gelernt und erlebt habe, nichts wert im Vergleich zu einem Studium.

Doch ich weiß, dass, wenn ich dem Druck meiner Familie, Freunde und so ziemlich allen, die gemeint haben, ich verschwende meine Zeit, nachgegeben hätte und das Erstmögliche studiert hätte, ohne eigener Überzeugung, jetzt noch weniger wissen würde, was ich im Leben will. Das Problem hat nichts mit dem Studieren zu tun. Manche wissen genau, was sie machen wollen und setzen das in Form eines Studiums um. Das ist wunderbar. Das Problem ist nur, dass nicht alle Menschen gleich ticken. Man kann eine Ausbildung oder ein Studium auch nur als Sicherheitspolster oder unter familiärem Druck angehen, aber schlimm ist es, wenn man diese Komfortzone ein Leben lang nicht mehr verlässt und das Herz eigentlich nicht ganz dabei ist.

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 Ich denke nicht, dass ich, wenn ich irgendwann alt bin, zurückdenken und bereuen werde, die Welt bereist und mein eigenes Ding gemacht zu haben.

Denn genau in dieser Zeit hat sich ein innerer Kompass in mir entwickelt. Das Problem ist wohl, dass heutzutage alles sehr schnell geht und kaum mehr auf das individuelle Tempo geachtet wird. Das „perfekte Alter zum Reisen“, „das perfekte Alter zum Studieren“, das „perfekte Alter zum Heiraten“ und und und. Als wären wir alle ein und dieselbe Maschine. Es gibt natürlich bestimmte Verantwortungen, die jeder Mensch zu tragen hat, egal wie zach die sind. Aber im großen Bild ist es so wichtig, auf das Herz zu hören. Und je mehr man sich durch gesellschaftliche Normen ablenken lässt, desto unhörbarer wird die Stimme in uns drinnen, die eigentlich genau weiß, wie wir unser wahres Ich und unsere Leidenschaften entdecken können.

Vielleicht ist es für den Anfang nicht so wichtig zu wissen,

wer wir sind, sondern wer wir nicht sind.

Es mag angsteinflößend wirken, in einer Gesellschaft mit so einseitigen Erwartungen sein eigenes Tempo bestimmen, seine eigenen Vorstellungen verwirklichen zu wollen. Wenn auf dem  Weg dann mal etwas schief geht, heißt es aber nicht dass es der falsche ist oder dass man versagt. Versagen tut man nur, wenn man aufhört es zu versuchen.

Stellen wir uns einfach die Frage: ist es besser nach ein Leben in Sicherheit zu streben oder den eigenen Traum zu leben?

 

 

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