Wer bin ich, wenn ich offline bin?

16. März 2019

Wir werden alle älter. Ab und zu fragt man sich: woran möchte ich mich gerne zurückerinnern, wenn ich auf meine faltigen Hände schaue? Worauf möchte ich stolz sein, um dieses Feuer nach 50 Jahren immer noch im Spiegelbild aufblitzen zu sehen? - Gedanken zur Social Media-Generation.


Um das zu wissen, kann man sich eventuell eine andere Frage stellen; worauf werde ich nicht stolz sein? Seien wir nicht zu hart zu uns selber, aber die Dinge auf die wir irgendwann nicht stolz sind, sind meistens auch die Dinge, die uns im Moment nicht guttun. Ein Teil von uns weiß das.

Einer der größten Erfolge, die ein Mensch jemals erreichen kann, ist die Fähigkeit, sich selber zu mögen. Ist das heutzutage schwieriger? Jede Generation hat ihre Schatten- und Sonnenseiten, dafür kann niemand etwas. Das hier, das ist die Social Media-Generation. Das ist die Instagram-Generation. Und mit ihr kam eine Epidemie der Verwirklichungs- und Selbstliebeangst, die in vielen Fällen Leben verkrüppelt und Menschen vereinsamt, sie ihres Potenzials und sogar ihres Glücklichseins beraubt. Es spielt keine Rolle mehr, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen und zu diskutieren, wer oder was genau daran schuld ist, es ist wohl eine weitgreifende Kombination von verschiedenen Faktoren, die sich auch durch verschiedene Symptome äußern. Dennoch möchte ich ungern in den Schuhen der Instagram-Erfinder stecken, die nachts im Bett genau wissen, welch Gespenstern sie durch ihre Plattform die Türen geöffnet haben und sich an unserer Sucht dumm und dämlich verdienen. Möglicherweise war dies nicht ihre Absicht. Man kann Instagram schwer zu 100% verurteilen, da das Problem ja nicht an der Plattform selbst, sondern an mancher Nutzung liegt.

Dieses Thema wird nicht alle ansprechen und nicht jeder wird sich damit identifizieren können. Dieser Teil kann sich wohl glücklich schätzen. Der Rest kennt das neue System, das System des Doppellebens. Am meisten manifestiert durch die Plattform Instagram. Einst bestimmt für bloßes Entertainment, entwickelte sich das Netzwerk zu einer Doppelwelt, folglich einem Doppel-Ich. Es wurde nun eine Grenze überschritten, in der diese Welt die Realität vieler Nutzer mehr beeinflusst, als sie es sollte. Größenwahnsinn. Ein Symptom übermäßiger Präsenz auf Social Media. Das Verlangen nach Ruhm, dem großen Durchbruch, die Enthüllung des vermeintlich wahren Potentials, Bewunderung, vielleicht sogar Rache gegenüber allen, die je an einem zweifelten. Man präsentiert sich beispielsweise als Rapper, Producer oder Model. Der Druck steigt mit der wachsenden Konkurrenz, man geht an mehr Grenzen, um spezieller zu sein. Um unverwechselbar zu sein. Durch seine schrägen Outfits, seine außergewöhnlichen Posts. Man inszeniert und man vertuscht und manche werden zum Profi. Man strebt in erster Linie nicht mehr nach Talent, sondern nach Erfolg und Ruhm. Vielleicht auch schnellem Geld. Der Gedanke ist wohl, das mit Erfolg und Ruhm Talent sowieso gegeben ist oder sich ergeben wird. Wobei sich immer mehr herauskristallisiert, dass echtes Können in vielen Fällen nicht mehr erforderlich ist. Und wir freunden uns langsam damit an, weil Gewohnheit blind macht. Die Zeit, die darin investiert wird, sein virtuelles Ich toll zu machen, ist Zeit, die verloren geht für die ernsten und wichtigen Dinge, für die Realität. Selbstliebe. Es ist der persönlichste und stillste Kampf, den wir als Mensch durchleben. Plattformen wie Instagram bieten durch die temporäre Befriedigung von Likes oder Followern einen Vorgeschmack von Selbstliebe. Doch der ist eine Täuschung. Sobald man auf den Geschmack kommt, beginnt die Sucht als Teil eines Teufelskreises. Man legt sein Selbstwertgefühl in die Hand eines virtuellen Nichts. Man will in erster Linie toll für die anderen sein, es für sich selber zu tun ist zweitrangig.

Ich stelle mir oft die Frage: wenn ich der einzige Mensch auf dieser Welt wäre, welche Dinge von denen, die ich gerade tue, würde ich dann immer noch tun? Oder wenn alle Plattformen abstürzen und nichts mehr davon existiert? Die Antwort auf diese Frage ist der Schlüssel zur Selbstverwirklichung. Wenn ich alles, was ich bin, von der Bestätigung Anderer abhängig mache, wer bin ich dann, wenn ich alleine bin? Warum streben so viele junge Menschen nach Aufmerksamkeit anstelle von Frieden und wahrer, stiller Glücklichkeit? Warum reicht unser Wissen um die Tatsache, dass wir einzigartig sind, nicht aus, uns selbst wertzuschätzen? Warum braucht man ein Publikum und ständige Bestätigungen, warum haben wir so sehr Angst davor vergessen zu werden? Was wir tun und wer wir sind, ist ausreichend und braucht kein virtuelles Publikum, um wertvoll zu sein.

Ehrliche Künstler wissen, dass es ihre Aufgabe ist, ihre Kunst zu teilen. Denn sie inspiriert andere Menschen zu zeichnen, zu lesen, zu reisen oder einfach zu lächeln. Aber: Ehrliche Künstler würden genau so viel Mühe in ihre Arbeit, in ihr Talent stecken, wenn sie die einzige Person auf dieser Welt wären, unabhängig vom Publikum, vom „gesellschaftlichen“ Status, vom Geld. Der Unterschied ist haarfein, aber ausschlaggebend. Wieso mache ich das, was ich mache? Ist es das eigene Ego, das in dem Teil in uns lebt, der nur an materielle Existenz und die Bestätigung durch Andere glaubt, oder ist es unser wahres Ich, das danach strebt, zu wachsen, zu inspirieren und zu lieben?

Irgendwann werden wir alle von dieser Welt gehen und wenn wir alt sind, dann möchten wir Trost in der Tatsache finden, dass wir für uns selbst und für die Dinge und Menschen gelebt haben, die wir lieben. Irgendwann realisieren wir, dass wir die Zeit, die wir investiert haben, um die Zahl unserer virtuellen Anhänger zu vermehren, die perfekten Bilder von uns selbst, unserer teuren Kleidung und unseres perfekten Doppellebens zu inszenieren, nie wieder zurückbekommen werden. Wir werden eine Lücke erkennen, die wir immer schon gespürt haben, aber permanent mit den falschen Dingen gefüllt haben. Zwar ist es nie zu spät, um sich zu ändern, aber vielleicht wünschen wir uns dann, dass wir früher damit begonnen hätten.

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