Wieso Entscheidungen treffen so schwer ist

30. Juni 2017

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Foto: geralt / Pixabay
Foto: geralt / Pixabay

Bestellst du Dinge im Internet, von denen du weißt, dass du sie definitiv nicht gut finden wirst? Fällt es dir nach einem Marathonshopping schwer, die Klamotten nicht am nächsten Tag wieder zurückzubringen? Du hast weder eine Lieblingsfarbe noch ein Lieblingsessen? Dann willkommen im Club der Entscheidungsfeiglinge.

Ich kenne keinen Menschen, der so unfähig wie ich ist, sich auf etwas Bestimmtes festzulegen. Das beginnt schon bei den ganz kleinen Dingen im Alltag. Ein gutes Beispiel: Es ist Samstag und der Blick in meinen Kleiderschrank verrät mir: „Oh nein!“ Ich zische ins SCS. Es folgt schnell ein Überdrüber an Glücksgefühlen und die Einkaufstaschen beginnen sich zu häufen. Die Klamotten werden gekauft, ohne sie davor anzuprobieren, da ich einen großen Bogen um die grellen neonbelichteten Killer-Umkleidekabinen mache, die mindestens so creepy sind wie das tote schwarzhaarige im Nachthemd schleichende Mädchen aus „The Ring“. Ich bin nicht mehr zu bremsen. Am Ende des Tages packe ich 15 volle Einkaufstaschen ins Auto. Die Ernüchterung folgt am nächsten Morgen, als ich die ergatterte Beute durchchecke und zum ersten Mal anprobiere. Mehr als die Hälfte der Sachen piekst mich, vieles ist mir entweder zu groß oder viel zu eng, oder es sieht nur unglaublich bescheuert aus. Das meiste davon muss wieder retour.

Wenn die Wahl zur Qual wird

Warum ist es so, dass wir manches Mal aufgrund der endlos erscheinenden Auswahl überfordert sind? Wenn man zB beim Eissalon Schlangesteht und das drängende Bedürfnis hat, alle Sorten auf einmal zu bestellen, oder in der Mittagspause vor der großen Frage steht: italienisch, mexikanisch oder doch ein Dürüm? Studien haben belegt, dass unsere Zufriedenheit immer weiter sinkt, je mehr Entscheidungsoptionen zur Verfügung stehen. „Das klingt auf den ersten Blick paradox, macht aber bei näherer Betrachtung auch Sinn. Habe ich unterschiedliche Optionen, muss ich viel Energie investieren, um zu vergleichen, komme vielleicht zu dem Schluss, dass mehrere Möglichkeiten gute Lösungen wären. Das kann ein echtes Dilemma auslösen und zur Unzufriedenheit beitragen. Auch die Angst, Dinge zu verpassen ist ganz präsent, weil die Wahlmöglichkeit so unendlich erscheint“, erzählt die Psychologin Karin Busch-Frankl.

Gefühle trügen oft unseren Verstand

Nach drei Jahren Beziehung beschließen mein Freund und ich zusammenzuziehen – eine Spontanentscheidung. Es ist die erste gemeinsame Wohnung, die natürlich etwas ganz Besonderes sein muss. Anfangs noch 100%ig sicher, schleicht sich, je näher der Termin rückt, eine tiefe Unruhe ein. Viel zu spät realisiere ich, dass ich mich nach fast einem Vierteljahrhundert von Mama, Papa und Seki (übers. Schwester) trennen muss. 36 Kilometer, die sich wie eine Million anfühlen, werden zwischen uns liegen. Obwohl mir klar ist, dass das Leben viele unvermeidbare Veränderungen mit sich bringt, fühle ich trotz alledem eine tiefe innere Zerrissenheit: Einerseits bin ich unendlich dafür dankbar, endlich mit meinem Freund in unsere gemeinsame Bude zu ziehen, spüre neben meiner großen Freude auch Neugier aufs Neue, während ich zugleich am schlimmen Heimweh leide, noch bevor ich überhaupt ausgezogen bin. Am letzten Tag des Umzugs „verabschiede“ ich mich von meiner Familie. Mit jedem weiteren Meter, den ich zurücklege, spüre ich, wie mich etwas zu ihnen zurückzieht. Es ist das Herz, das „bleib“ schreit, während mein Kopf „geh“ sagt.

Dass mir damals meine Gefühle einen Streich spielten, bestätigt mir die Psychologin: „Es kann unter Umständen passieren, dass die Gefühle den Verstand täuschen. Wir treffen niemals Entscheidungen, rein aufgrund von kognitiven Überlegungen, und umgekehrt. Es ist immer ein Zusammenspiel von Gefühlen und Verstand. Die besseren Entscheidungen werden überwiegend mit dem Verstand gelöst, die emotionale Ebene ist quasi fehleranfälliger.“

Angst als Folge von Entscheidungsfreiheit

Den Umzug stelle ich mir so wie in den Hollywoodfilmen vor. Anfangs noch auf ungemütlichen Matratzen pennen, in Karohemd und Latzhosen den Pinsel in der Hand halten und die Wände bis in die frühen Morgenstunden streichen und Unmengen an Pizza sitzend auf Kartons bei romantischem Kerzenschimmer verschlingen. Natürlich sieht’s in Wirklichkeit ganz anders aus, weit weg von Perfekt. Da wir uns spontan für die Wohnung angemeldet haben und kurz danach die unerwartete Zusage folgt, müssen wir uns unter großem Stress und totalem Druck schnellstmöglich für die passenden Möbel entscheiden und zumindest das Wichtigste für den Anfang besorgen. Denn ganz ehrlich, monatelang auf einer blöden Matratze schlafen und nicht einmal einen Spiegel im Bad haben, ist doch nicht so angenehm. Küche, Bad, Schlafzimmer und wenigstens eine gute Wohlfühl-Sitzecke müssen her. Die Folge meines irgendwie-nicht-mein-Elternhaus-verlassen-Wollens ist, dass ich nicht nur unglaublich verwirrt bin, sondern mich auch unzufrieden an den Möbelkauf mache. Woche für Woche verbringen wir in zig Möbelgeschäften – ohne Aussicht auf Entscheidung, weil ich diejenige bin, die einfach nicht weiß, was sie will. Es folgen Diskussionen ohne Ende. Irgendwie schaffen wir es dann doch noch, Kompromisse einzugehen. Ganz zufrieden bin ich mit einigen Sachen bis heute nicht. Dieses Beispiel zeigt ganz gut, dass Entscheidungsfreiheit nicht unbedingt glücklicher macht, da sie „immer mehr Angst als Zwang bewirkt. Angst, die falsche Entscheidung zu treffen, dass vielleicht eine andere Option besser gewesen wäre“, erklärt mir Busch-Frankl.

Das Streben nach der perfekten Entscheidung

Spätestens jetzt werden viele denken, dass ich der egoistischste und undankbarste Mensch auf dem gesamten Planeten bin. Nein, ganz im Gegenteil, denn ich gehöre genau zu jenen Personen, die oft von panischer Angst übermannt werden, sobald sie vor einer wichtigen Entscheidung stehen, die den Rest ihres Lebens betrifft. In solchen Situationen fühle ich mich in die Ecke gedrängt und wie gelähmt. Ich bekomme Schweißausbrüche und Bauchkrämpfe. Der Druck ist groß, denn die Wahrscheinlichkeit, eine Fehlentscheidung zu treffen, steigt im Minutentakt. Letzen Endes ist es vollkommen egal, wofür ich mich entscheide: Ich denke immer, dass es falsch war. Was also hinter meiner Entscheidungsphobie steckt, ist das drängende Bedürfnis, das beste Urteil treffen zu wollen. „Entscheidungen zu treffen, bedeutet auch Verantwortung zu übernehmen. Damit haben Menschen oftmals Schwierigkeiten. Unsere heutige Leistungsgesellschaft ist in Hinblick Ausprobieren und Fehler machen auch immer intoleranter geworden“, begründet die Psychologin.

Dass die eigene Unschlüssigkeit häufig etwas mit dem Charakter zu tun hat, ist für Busch-Frankl offensichtlich: „Manche Menschen sind spontan und risikofreudig und agieren mehr aus dem Bauch heraus. Sie verlassen sich auf ihr Gefühl und müssen nicht alles überprüfen. Andere Menschen benötigen Zeit um alle Vor- und Nachteile abzuwägen. Wie nun jemand vorgeht ist maßgeblich von der Einschätzung über die Gefahr bestimmt. Mischt sich Angst in eine Entscheidung, benötigen wir mehr Zeit.“

 

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