Willkommen im Flüchtlingsheim Wien Favoriten!

18. Februar 2019

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Flüchtlingsheim Wien Favoriten
Foto: privat

Bilder an der Wand, jeder Stock unterscheidet sich farblich vom anderen, Waschküchen im Keller, Gemeinschaftsküchen in jedem Stock und eine Rezeption, die dich nett empfängt. Wo bin ich? Ich bin verwirrt. In meinem Studentenheim in Döbling oder in einem Flüchtlingsheim in Favoriten?


Donnerstag Mittag. Es ist kurz nach 12. Ich sitze im Küchenbereich einer Eckzimmerwohnung. Wir trinken hausgemachten „Qahua“ (Arabisch: Kaffe) ohne Milch und Zucker. Ganz bitter, ganz stark,  ganz echt Arabisch eben. Rasha hat mich am Flur sprechen gehört, die Tür aufgerissen und mich in Sekundenschnelle zu sich hereingebeten. „Fadalu“ (arabisch für "Willkommen")sagt sie lächelnd und bittet uns Platz zu nehmen. Sie kocht den Kaffee auf dem Gasherd auf und stellt ihr schönstes Geschirr auf den Küchentisch. Es folgen Kekse, Salzstangen, Nüsse und eine Vase mit Blumen. Wir sagen ihr, dass das alles nicht nötig sei, aber sie besteht darauf. Das ist eben die kulturelle Gastfreundlichkeit, die die meisten Araber auszeichnet. Die Zeit vergeht und plötzlich sitzen wir zu acht, trinken "Qahua", lachen und vergessen die Zeit in der kleinen bescheidenen Küche. 

Ihr Sohn, Abdelwahab, ist etwas redescheu - ganz im Gegensatz zu seiner Schwester, Janat, die zusammen mit ihrer Mutter dafür sorgte, dass wir uns wohl fühlen. Wir unterhalten uns über Österreich, ihre Kinder und den Viktor Adler Markt.  Aus einem Mix aus gebrochenem Deutsch und irakischem Arabisch ihrerseits und fließendem Deutsch und gebrochenem ägyptischem Arabisch meinerseits (Meine Mutter ist zwar Ägypterin aber ich habe in meiner Kindheit mit ihr immer Deutsch geredet). Sie fühlt sich in Österreich, besonders hier im zehnten Bezirk, sehr wohl und das hört man auch. „Tagsüber wenn die Kinder in der Schule sind, gehe ich zum Souk (Arabisch: Markt) und in den Deutsch-Kurs. Am Nachmittag, wenn die Kinder fertig sind, mache ich das, was sie machen wollen. Sie führen mich herum, ich hinterher.“, so die Irakerin. Die 35-Jährige scheint die Energie und Lebensfreude eines jungen Mädchens zu haben - anders kann ich mir ihr häufiges Lachen nicht erklären. Da könnten sich einige grantelnde Wiener ein gutes Beispiel an Rasha nehmen. 

Flüchtlingsheim Wien Favoriten
Foto: privat

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An der Rezeption vorbei werden wir zum Aufzug geführt. Die Rezeption wird von zwei jungen Zivis geschupft. Sie erledigen alles möglich im Haus, von Hausaufgaben mit den Kindern oder Umzugstransporte für die Bewohner. Sie sind erst seit ein paar Wochen hier, aber es gefällt ihnen sehr gut. „Nur scheitern tut´s manchmal an der Kommunikation. Manche Erwachsene sprechen noch kaum Deutsch, aber wir tun was wir können.“, erzählen sie mir. Neben der Rezeption befindet sich das Mitarbeiterbüro. Zwei Mitarbeiter in Vollzeit und einer in Teilzeit kümmern sich um 130 BewohnerInnen, alleinstehende Männer und fünfköpfige Familien. Umgerechnet sind die einzelnen MitarbeiterInnen jeweils für 55 Personen zuständig. Die Flüchtlingseinrichtung der Volkshilfe Wien wird vom Fonds Soziales Wien gefördert. Von den Fördermitteln werden die Mitarbeiter bezahlt und alle Ausgaben der Einrichtung beglichen.

Rote Türen, rote Wände, alles Rot. Schnell erkennt man, dass jeder Stock seine eigene Farbe hat (und der 5. ist eben rot). Sami, 43, wohnt im Zimmer am Ende des Ganges. Er wird mit einem Fünf-Euro Stundenlohn entlohnt. Allerdings dürfen Asylwerber nur 110 Euro pro Monat verdienen, solange sie noch keinen positiven Asylbescheid haben. Auf 16qm teilt er sich das Zimmer mit einem anderen Mann, der zu dieser Zeit nicht im Heim war. Mit einem netten ‚Fadalu‘ und einer den Weg weisenden Hand leitet er uns in sein Zimmer. Hier wohnen also zwei Personen auf 16 Quadratmetern – und ich tu mir schon schwer mit meinen 18, denke ich mir.

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Das Flüchtlingsheim ist mit 130 Bewohnern und 32 Zimmern gut ausgelastet. Dass das nicht überall so ist, hat damit zu tun, dass immer weniger Flüchtlinge ins Land kommen. Seit Jahren sinken die Neuanträge auf Asyl. Wo es 2015 noch um die 88.000 Anträge österreichweit waren, waren es 2018 (letzter Stand 31. Dez 2018) nur noch um die 13.000. Von den 130 Bewohnern im Haus sind die meisten aus Afghanistan, dem Irak und der russischen Föderation. Scheinbar Harmonisch leben sie zusammen. „Das höchste aller negativen Gefühle ist es wenn sich zwei wegen der Waschzeiten beschweren, aber dabei bleibt‘s auch.“, so Hafiz.

Hafiz kam selbst im Kindesalter als Flüchtling aus Afghanistan nach Wien. Heute ist der 30-Jährige stolzer Heimleiter des Flüchtlingsheim in Wien 10. Er kennt nicht nur alle Bewohner beim Namen, er hat zu jedem und jeder einzelnen eine Geschichte zu erzählen, wie zB. über eine geschiedene Frau mit zwei Kindern, die in einem alleinstehenden Bewohner des Heimes ihre Liebe fand und dann zusammen mit ihm in eine Wohnung einzog. Die Bewohner und Bewohnerinnen vertrauen Hafiz, er ist mittlerweile für die meisten mehr Freund als Heimleiter.

Blau Wände, blaue Bilder, im 4ten Stock angelangt, begegne ich wieder Abdelwahab und seinem Freund Rashid. Beide im Alter von 12,typische Lausbuben eben. Die Jungs sind dabei mit Rollerskates durch die Gänge herumzusausen. Auch sie haben, wie die restlichen SchülerInnen in Wien, die Woche nichts zu tun. Schließlich ist gerade schulfrei. Alle Kinder des Heims gehen in umliegende Schulen. Die meisten sprechen fließend und fast fehlerfrei Deutsch. Nach dem regulären Unterricht, bleiben die Schüler und Schülerinnen drei Extra Stunden am Nachmittag in den Schulen, um am Deutschförderkurs teilzunehmen. Rashid, aus Afghanistan, unterhält sich in fließendem Arabisch und Deutsch mit Abdelwahab. Er hat die Sprache im Umgang mit anderen Gleichaltrigen in den Flüchtlingsunterkünften am Weg nach Österreich gelernt. 

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Schließlich treffen wir auf Tawfeek. Er sieht mit seinen 55 Jahren älter aus als er ist. Das liegt daran, dass ihm wahrscheinlich seine Schicksaalsschläge etliche Sorgenfalten verpasst haben. Er ist schon länger hier mit seiner Familie, ein Teil lebt in den Vereinigten Staaten. Er bekommt regelmäßig Geld von ihnen geschickt, da sein ausbezahltes Geld hier nicht reicht. Die Volkshilfe zahlt den Heimbewohnern jeweils 215 Euro pro Monat, wovon 165 Euro Verpflegungsgeld, 40 Euro Taschengeld und 10 Euro Freizeitgeld ausmachen. Jährlich erhalten sie noch ein Bekleidungsgeld von 150€ sowie Schulgeld für schulpflichtige Kinder bzw. verpflichtendes Kindergartenjahr in Höhe von 200 Euro pro Jahr. Damit müssen sie sich komplett selbst versorgen. Wenn ich mir vorstelle, dass also eine 4 köpfige Familie von knapp 860 Euro lebt, fühle ich mich schlecht. Denn welcher österreichische Durchschnittsmensch kommt mit dem Geld klar?

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Tawfeek (mitte) umgeben von biber-Kolleginnen Johanna (links) und Samar (rechts)

Im Erdgeschoss sind wir am Ende unserer Tour angelangt. Trotz einiger Momente, in denen ich mich schlecht gefühlt habe, verlasse ich physisch als auch mental gestärkt das Heim. Ich fühl mich hier nicht fremd, sondern willkommen. Nicht abgestoßen, sondern aufgenommen. Fast sarkastisch, wenn man daran denkt, dass es anders rum meistens nicht so ist.

 

Volkshilfe Wien

Gründung: 1947
Ort: Wien
Tätigkeitsbereiche: Pflege und Betreuung, Wohnungslosenhilfe, Delogierungsprävention, Arbeitsintegration, Flüchtlingsbetreuung, Kinder- und Jugendbetreuung
MitarbeiterInnen: ca. 1700
Mitglieder im Verein: ca. 3000


 

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die fleissigen arbeitenden Steuerzahler würde das gesamte Asylwesen keinen einzigen Tag überleben.

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