Wir Millenials und das Liebesleben

30. Oktober 2018

Über uns Millennials wurde schon genug berichtet, geschrieben und geurteilt. Dass wir keine Beziehungen haben wollen, nicht wissen, wie man Reis kocht, oder dass wir irgendein seltsam inniges Verhältnis zu Avocado-Toasts pflegen. Zumindest liest man das überall. Aber vielleicht trifft das alles nur auf mich zu und ich ziehe meine ganze Generation mit.  Dabei kann ich eh Reis kochen.

Sind wir wirklich so tolerant, wie wir uns gerne präsentieren?

Wie dem auch sei: Wir alle kennen die gängigen Klischees über die Generation Y, die guten wie die schlechten.  Aber abgesehen von Wohnungsmarkt-, Unternehmerdasein- und Strohhalm-Problemen gibt es einen Aspekt, der mir bei meiner Generation besonders sauer aufstößt. Nämlich der, dass wir uns alle gegenseitig ständig verurteilen. Besonders in Sachen Liebes- und Sexleben. Und das äußert sich bei uns Millennials viel schlimmer als bei Baby-Boomern, der Generation X und allen, die davor kamen: Wir sind die Generation, die für die gesellschaftlichen Revolutionen der letzten beiden Jahrhunderte zu spät dran ist. Wir sind quasi schon in die bequeme Welt hineingeboren worden. Eigentlich stünden uns alle Türen offen, mit unserem Selbstverwirklichungswahnsinn und unseren endlosen Möglichkeiten das zu machen, worauf wir Lust haben. Wir preisen unsere Generation ja so gerne damit an, dass wir so frei sind, so offen, dass wir so viel in der Welt bewirken und uns alle dabei akzeptieren und tolerieren. Aber die Wirklichkeit gestaltet sich dann doch wieder anders, vor allem, wenn es um Persönliches geht. 

Slut-Shaming hinter verschlossenen Whatsapp-Gruppen

Stichwort Liebesleben:  Es wird nach außen alles toleriert, aber wehe, du passt nicht in die Norm. Mit Norm meinte ich hier keine heteronormative, sondern die Norm, die in den Köpfen der Millenials entsteht. Diese Norm bei Millennials scheint mittlerweile eine fixe Beziehung zu sein, aber nicht länger als zwei Jahre.  Man wohnt nicht zusammen, verbringt aber mehr Zeit bei dem jeweils anderen, als bei sich zuhause. Auf Urlaub fahren passt auch. Aber heiraten oder Kinder? Nein, niemals, unrelatable. Und für Singles? Es wird behauptet, dass One-Night-Stands heutzutage kein Tabu mehr sind. Eh nicht. Tinderdates sind schon so gesellschaftlich akzeptiert, dass sie wieder out sind. Langweilig. Aber irgendwie wird von dir als Millenial-Single erwartet, dass du jeden Sonntag in einer anderen WG aufwachst. Warum auch immer. Sonst bist du langweilig oder irgendwas stimmt nicht mit dir, wenn du schon keine Beziehung haben magst. Aber hinter verschlossenen Whatsapp-Gruppen ist Slut-Shaming im Jahre 2018 dann aber präsenter denn je. Das wissen wir sowieso alle, also kann ich es auch einmal hier aussprechen. Die Leute scheinen aus dieser Generation Gspusi herausgewachsen zu sein. Gut für die Leute, denen das gefällt. Aber bitte dann tolerieren wir in unserer ach so offenen Gesellschaft auch die, die da anders denken. Egal in welche Richtung, es gibt ja zwei, man möchte schon fast sagen, Extreme. 

Warum keiner mehr fix zam ist. 

Das Millennial-Liebes-Tribunal

Ich für meinen part gestalte mich hier problematisch für mein Umfeld:  Ich mag keine One-Night-Stands und ich mag auch keine Beziehungen. Diese Ansicht vertrete ich seit Jahren, dennoch ist sie für viele schwierig zu verstehen. Ich werde mit Fragen und Ratschlägen bombardiert, als wäre ich eine Bravo-Hotline. Wie ich so sein kann, wieso, weshalb, warum. Mein Bewerbungsschreiben für's Kloster muss ich noch optimieren, dann könnt ihr eure gutgemeinten ungefragten Kommentare dorthin schicken.

Als Gegenzug dazu: Wenn jemand mit 25 heiratet und schwanger wird – geplant und gewollt – kommt gleich ein Schwarm von Millennials mit ungefragten Ratschlägen angeflogen. Wieso, weshalb, warum. Aber Karriere, aber Selbstoptimierung, aber „Oh Gott meine Küchenpflanze stirbt schon, wie soll jemand in meinem Alter auf ein Baby aufpassen“. Ja, meine stirbt auch. Die meisten von uns sind eh kaum fähig, sich selbst am Leben zu erhalten. Mit mir an der Spitze. Was nicht heißt, dass es andere nicht können. Und genau das sollte doch uns Millennials eigentlich auszeichnen, oder?

Wir sind die Generation, die nicht mehr in diesen Rollenbildern lebt, und die versucht, aus Mustern auszubrechen. Dann lassen wir bitte auch dieses verdammte verurteilen, das bringt keinen von uns weiter. Lasst die Leute doch heiraten, lasst sie Single sein, lasst sie One-Night-Stands, Ten-Night-Stands oder Babys von Tinderdates haben. Liebe Millennials, kümmern wir uns doch lieber wieder um die Plastikstrohhalme. Die gehen uns nämlich wirklich alle was an.  Aber darüber sprechen wir nächstes mal. 

 

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