Wo Genozidleugnung salonfähig wurde

16. August 2022

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Srebrenica, Genozid, Särge
Foto: Srebrenica Memorial Center

“Ich musste Beruhigungstabletten schlucken und trotzdem zitterte ich nach dem Gespräch”, schreibt Melina Borčak. Die deutsche Journalistin war in einer Sonderausgabe des SWR-Podcast “Sack Reis” eingeladen, um aufzuklären. Zuvor gab es eine Folge, in der eine Genozidleugnerin eingeladen wurde und den Genozid gegen Bosniaken leugnet.


Im März veröffentlichte der Podcast “Sack Reis - was geht dich die Welt an?” eine Folge mit einer jungen bosnischen Serbin aus Banja Luka. Sie leugnet in der Folge den Genozid an Bosniaken aus den 90er Jahren und “möchte nichts von dem Konflikt wissen”. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied, sich mit einem Thema bewusst nicht auseinanderzusetzen oder verdrehte historische Fakten zu verbreiten. Die 22-jährige ethnische Serbin hat sich auch zu dem Genozid in Srebrenica geäußert: “Ich war nicht dort und kann nicht sagen was passiert ist“, sagt sie dazu.

Dafür darf in der Medienlandschaft kein Platz sein. Schon gar nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Es sollte in unserer aller Verantwortung liegen, zu diesen Fakten aufzuklären und Leugnern keine Plattform für ihre Verschwörungstheorien zu bieten. Nach der Folge gab es auf Sozialen Medien Aufschrei und Kritik – angetrieben von Melina Borčak.

Borčak ist eine freischaffende Journalistin aus Deutschland. Sie wuchs in Bosnien auf und studierte dort auch an der Universität in Sarajevo. Bekannt ist sie dafür, auf falsche Medienberichterstattung hinzuweisen. Auch Themen, die in Mainstream-Medien zu kurz kommen, behandelt sie regelmäßig auf Twitter und Instagram. Speziell historisch-politische Themen am Westbalkan und in der Ukraine hat sie in den letzten Monaten fokussiert.

Beim SWR-Podcast blieb sie auch nicht ruhig. Monatelang hat sie auf die faktischen Fehler hingewiesen. Die Folge blieb trotz 70 Faktenfehlern und schweren internationalen Vorwürfen der Genozidleugnung noch immer auf der Website. Seit letztem Jahr ist Genozidleugnung in Bosnien sogar mit bis zu 5 Jahren Haft strafbar. 

Kein konstruktiver Dialog und kein Interesse an Aufarbeitung

Gestern wurde die Sonderausgabe mit Borčak veröffentlicht und hat für Aufsehen gesorgt. In der Folge wird ihr durchgehend das Wort abgeschnitten und ihre Kritik merkbar nicht ernst genommen. Die Fakten, die von Melina eingebracht werden, werden abgewertet.

Bei Punkten, die der Redaktion zu unangenehm sind, wird auch schnell versucht das Thema zu wechseln. Wie etwa die Tatsache, dass die Folge aus dem März faktisch falsch ist. In der Podcastbeschreibung steht sogar nach Korrektur: “Damals haben sich Menschen wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit bekämpft.“ So stimmt das aber leider nicht ganz. „Damals wurde ein Genozid an Bosniaken verübt, und Menschen aller Ethnien und Religionen kämpften in der Armee Bosniens gemeinsam gegen die Völkermörder. Mehr als 90 Prozent der Kriegsverbrechen wurden von der serbischen Seite verübt, 6 Prozent von der kroatischen und 4 Prozent von allen anderen zusammengezählt. Den Krieg und Genozid als ethnischen Konflikt darzustellen, an dem alle Seiten gleichermaßen beteiligt waren, ist geschichtsrevisionistisch, falsch und gefährlich.“, schreibt Borčak in ihrem Artikel für journalist.de.

Es ist ein Paradebeispiel wie Journalismus nicht funktionieren sollte. Anlass für das Gespräch waren die falsche Recherche, Ungenauigkeiten und historisch-politischen Fehleinschätzungen. Anstatt auf diese einzugehen, wird auf den Podcast-Gast eingeredet und das Thema gewechselt.

 

Fehlende journalistische Recherche als Ausdruck fehlenden Respekts

Fälle wie diese zeigen auf, wie normalisiert die Leugnung des Genozids an Bosniaken im deutschsprachigen Raum ist. Eines scheint aber häufig aus dem Rampenlicht zu treten: Der Genozid ist mit Hunderten von Zeugenaussagen und Expertenanalysen vor den renommiertesten Strafgerichtshöfen und Tribunalen bewiesen und als solcher eingestuft. Die forensische Forschung, die bei der Suche der Vermissten betrieben wurde, gilt als das größte DNA-Identifikationsprojekt der Weltgeschichte.

Natürlich sind die Fakten der Jugoslawienkriege kompliziert und die Strukturen, die damals herrschten, verwirrend. Aber genau für diese Fälle gibt es Expertinnen und Experten, die mit ihrer jahrelangen wissenschaftlichen Arbeit aufklären können. Auch das Srebrenica Memorial Center etabliert sich nach und nach als Bildungseinrichtung und kann bei diesen Fragen herangezogen werden.

Die Fakten zu beweisen sollte kein Thema mehr sein. Es geht auch nicht darum, die Sichtweise der anderen Seite zu verstehen. Niemand kommt auf die Idee einen Holocaustleugner als Gesprächspartner einzuladen. Für einen würdevollen Umgang mit dem Thema und den Opfern sollten richtige Fakten und gute journalistische Recherche das Mindeste sein.

 

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