Zwischen Orient und Okzident - Ein Definitionsversuch

14. August 2018

Wirst du in einem bestimmten Land geboren und erhältst dann die Staatsbürgerschaft, so kannst du dich doch als Landesfrau/mann bezeichnen und dich auch so definieren, nicht? Theoretisch ja, praktisch jein.

Ich wurde in Wien geboren, meine Eltern stammen aus Tunesien. Eigentlich eine geniale Kombination à la Schnitzel meets Couscous. Zwei so unterschiedliche Kulturen vereint in einer Person. Mich macht dies allerdings zu einer österreichischen Tunesierin bzw. einer tunesischen Österreicherin? Und genau hier fängt es schon mal an, denn welches Land stelle ich an erste Stelle? Mein Austro-Tunesiertum sorgt immer mal wieder für Verwirrung und verleiht Situationen sogar manchmal eine gewisse Note Skurrilität.

Der Klassiker: Ich werde nach meiner Herkunft gefragt und antworte damit, dass ich aus Österreich oder eben Wien stamme. Mein Gegenüber hört die Antwort, scheint damit aber nicht ganz zufrieden zu sein, denn kurz darauf kommt immer wieder dasselbe: „Ja eh, aber woher denn ursprünglich?“ In diesen Situationen denke ich mir dann, dass Menschen nun mal neugierig sind. Gib jemandem ein Rätsel und die Person möchte es lösen. Je nach Kontext schwirrt mir aber auch oft die Frage durch den Kopf, warum meine Antwort denn nicht genügt und dass die Frage nach meinem genauen Ursprung so viel bedeutet wie, „Du bist keine Österreicherin“. Als Mädchen mit brauner Haut und schwarzen Locken entspreche ich anscheinend nicht der Norm.

Österreichische Volksmusiker

Für mich gilt eigentlich, dass ich mich je nach Situation mal mehr österreichisch oder mehr arabisch fühle. Österreichisch fühle ich mich dann, wenn Dinge viel zu unorganisiert und chaotisch sind und ich nun mal weiß, wie sie richtig laufen müssten. Oder wenn ich der deutschen Nationalelf  den Sieg nicht gönne. Die Araberin kommt zum Vorschein, wenn ich für Familie und Freunde koche und die gute Gastgeberin spiele. Interessanterweise auch wenn ich wütend bin und wild herum gestikuliere. Schimpfen lässt sich nun mal doch besser auf Arabisch. Ich liebe jene Situationen in denen ich unter Beweis stellen kann, dass ich mehr zu bieten habe, als das, was andere manchmal aufgrund meiner Hautfarbe/Religion/ethnischen Herkunft von mir erwarten und so hoffentlich bisherige Denkmuster aufbrechen kann. Ich erinnere mich an eine Situation mit einem älteren Herren, in der er nach einem längeren Gespräch verwundert feststellte: „Sie sprechen aber gut Deutsch.“ und ich einfach antworte: „Sie auch.“

Tunesier

Jeder bestimmt selbst, was er/sie ist. Fühlst du dich mehr der österreichischen Kultur/dem Geburtsland deiner Eltern verbunden, so akzeptiere dies. Es ist dein Leben, also kannst du sein, was immer du sein möchtest. Denn so wie sich die Welt ständig verändert, verändern sich auch die Menschen und ihre Gefühle, Einstellungen und manchmal auch ihre Werte. Ich habe die letzten Monate in Frankreich verbracht und vor einigen Wochen mit den Franzosen ihren WM Sieg mitgefeiert, indem ich laut sang: „On a gagné!“ also „Wir haben gewonnen!“.

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