Wir machen das jetzt selber!

 
Wenn zu viele Medien damit leben können, ein junges, diverses Publikum nicht zu erreichen, in Ordnung – ich kann es nicht. 

Foto: Vedran Pilipovic
Melisa Erkurt: Programmdirektorin Biber Newcomer Netzwerk (BNN)

Ich habe in Interviews, Kolumnen, Podcasts, im Fernsehen und in einem Buch erzählt, wieso der Journalismus viele Junge und Migrant:innen nicht erreicht. Ich habe Kolleg:innen, auch in den Chefredaktionen, in Gesprächen erklärt, was wir ändern müssten, damit wir unserer Aufgabe, alle Menschen in diesem Land zu informieren, nachkommen. Ich habe mir wieder und wieder angehört, dass man sich eh bemühe, aber die Jungen und vor allem die Migrant:innen wären so schwer zu erreichen - man fände ja kaum welche für die eigene Redaktion.

Auf der anderen Seite habe ich mehrere Jahre lang den biber Newcomer, ein Journalismusprojekt an Schulen, geleitet und auch als Lehrerin gearbeitet. Die über 500 Schüler:innen aus den verschiedensten Schulen haben immer dasselbe gesagt: Klassische Medien wären zu kompliziert und weit weg von ihrer Lebensrealität, „nichts für uns“.

Ich bekomme immer wieder Nachrichten von jungen Menschen, vor allem jenen mit Migrationsgeschichte, die meinen, sie würden gern im Journalismus Fuß fassen, aber hätten das Gefühl, dass es für sie, ihre Perspektiven und Zugänge keinen Platz gäbe. Dass sie höchstens Geschichten erzählen dürfen, die in das Bild der anderen passen.

Wenn wir uns schon in den meisten Redaktionen nicht sehen, dann gründen wir eben eine eigene Chefredaktion und zwar dort, wo auch die sind, die andere Chefredakteur:innen sonst nicht erreichen: auf Instagram. Dort kann uns jeder bei der Gründung der Redaktion bis zum Making-of der Storys zusehen. Ihr seht, wie wir unser Team zusammenstellen - ob es wirklich keine Migrant:innen gibt -, wie wir in Redaktionssitzungen auf Geschichten kommen und wie wir die machen: Weshalb wir Politiker:innen interviewen und welche von ihnen uns das „Du“ anbieten. Die fertige Story gibt es obendrauf und die ist davon bestimmt, was unsere junge Zielgruppe gerade bewegt – politische und gesellschaftsrelevante Themen für die, die sonst in Politik und Gesellschaft wenig Mitsprache haben. 

die_chefredaktion auf Instagram ist aber erst der Anfang. Als Programmdirektorin des Biber Newcomer Netzwerks (BNN)ist es mein Ziel, stetig neue digitale Formate und Zugänge zum Journalismus der Zukunft zu entwickeln und Talente zu scouten. Denn, wenn ich eines in meiner Arbeit in Schulen begriffen habe, dann, dass es nicht nur die Themen und die digitalen Zugänge sind, die wir an sie anpassen müssen: Junge Menschen sehnen sich nach einer völlig neuen Art von Journalismus. Es reicht nicht, alles wie bisher zu machen und einen „Jung-Stempel“ draufzudrücken.

Ich möchte nicht mehr jammern. Ich möchte nicht mehr anderen erzählen, was sie anders machen sollen. Wenn zu viele Medien damit leben können, ein junges, diverses Publikum nicht zu erreichen, in Ordnung – ich kann es nicht. Das entspricht nicht meinem Verständnis von Journalismus für eine junge Generation. Das definieren wir jetzt neu. 

 

Melisa Erkurt, Programmdirektorin BNN

 

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