So wohnst du richtig ethno

16. März 2011

Häkeldeckchen am TV, künstliche Glitzerblumen oder 30 Paar Schlapfen im Haus. Ethno-Wohnen ist eine Frage des Details. biber zeigt dir, wie Balkanesen, Türken und sonstige  Österreicher wirklich wohnen.

Von Ivana Martinovic und Lucia Bartl (Fotos)

Slavica kauft sich eine neue Couch aus „echt Leder“ und haut eine fette Decke mit Pferdemotiv drüber. Willkommen bei den Jugos. In Murats Vorraum hängt das böse Auge das böse Nachrede von seinem Haus fernhalten soll. Willkommen bei den Türken. Beim Franzl isst du die Wurst vom Holzbrettl und sitzt auf ana Eckbank in da Kuchl. Willkommen bei den Österreichern.
Auch wenn alle drei in österreichischen Haushalten wohnen, woher sie kommen, verraten oft die Wohnaccessoires, die spezifisch für ihre Herkunftsländer sind. Machen wir eine Reise in die Welt des Ethno-Wohnens!

 

 

 

 

 

Essen vom Brett
In ihrem Zuhause ist alles normal und nicht erwähnenswert, sagt Sabine zum Wohnstil ihrer Eltern. Aber was für sie normal ist, mutet manchem Migranten exotisch an. Brettljause während die Familie auf der Eckbank in der Kuchl sitzt? Der österreichische Wohnstil hat so seine Eigenheiten –  mehr als es den Österreichern überhaupt bewusst ist.

„Habt ihr zu Hause auch eine Holzverkleidung an der Wand? Gibt’s eine Eckbank? Esst ihr von Holzbrettern, wenn die Jause am Tisch steht? Habt ihr einen Kachelofen? Und haben deine Eltern ausgestopfte Tiere im Haus?“ Sabine ist ein Kind vom Land und bejaht alles. Sie isst ihre Jause noch immer gerne vom Holz, statt von einem Blümchenteller, den Türken und Balkanos bevorzugen. Der Kachelofen wärmt das ganze Haus. Und der Fuchs auf dem Kasten ihrer Eltern hat mal die Hühner in deren Hühnerstall gekillt. Als ihn der Jäger erlegte, stopften die Eltern das Tier aus und stellten es sich ins Wohnzimmer. Und einen Türkranz an der Haustür haben Sabines Eltern auch. Für uns Migranten typisch österreichisch.

Das mit der praktischen Eckbank hat sich mittlerweile auch bei den Jugos herumgesprochen und wurde in den letzten Jahrzehnten zu einem beliebten Wohnaccessoire. „Auf einmal war’s der Renner bei uns in Serbien, so was im Haus zu haben“, erinnnert sich Ivana. „Für die Nachbarn war das was ganz Neues und voll cool. Und so wurden einige Eckbänke aus Österreich auch in das Ferienhaus runtertransportiert, damit die Nachbarn was zum Schauen hatten.“

Sladjana beschwert sich über die österreichische Gastfreundschaft, weil sie jedes Mal bei ihren Ösi-Schwiegereltern hungrig bleibt. „Zu jedem Familienfest tischen sie viel Deko auf, aber wenig Essen. Bei uns Jugos sind Obst und Süßigkeiten am Tisch alltäglich. Und bei Festen wird dann der ganze Kühlschrank aufgetischt, um die Gäste zu bewirten.“

 

 

 

 

 

 

 

 

Jugoistisch, türkistischer Style
Bosnische Kroaten stylen ihre Wohnungen gerne mit tradi-tionellen folkloristischen Sachen, wie etwa der „plećka“ – eine Holzflasche für Schnaps, die bei Hochzeiten zum Anstoßen herumgereicht wird. „Unsere plećka hat ein kroatisches Schachbrett drauf. Die ist bei jeder Hochzeit dabei. Auch die kleine Fahne im Wohnzimmer hängen zu haben, ist bei den meisten Kroaten normal“, sagt Goran. Er kennt auch das typische Wohnaccessoire, das bei Türken und Balkanesen zur Hauptausstattung gehört. „Die kleinen Tischdeckchen, die liebevoll von der Oma oder der Mama gehäkelt wurden,
sind in den Haushalten überall zu finden, wo sie dekorativ Platz haben.“

 

Auf der Couch, in jeder Vitrine oder sogar am Fernseher liegen die Häkeldeckchen. Als noch die fetten Fernseher in den Wohnungen herumstanden, fand sich nicht selten noch eine Kristallfigur oder eine Vase am Flimmerkasten. Mit den Flatscreens ist aber auch die Deko vom Fernseher verschwunden – bleiben immer noch die Couch, der Tisch und die Glasvitrinen  zum Schmücken.

Die Glasvitrine ist ganz besonders wichtig, um darin das edle Geschirr zu platzieren, welches nur, wenn überhaupt, zu besonderen Anlässen herausgenommen wird. Neslihan ist aufgefallen, dass Türken gerne Figuren mit Glitzersteinen von Swarovski kaufen und in der Glasvitrine aufbewahren.
„Das scheint der neue Trend zu sein.
Und Beleuchtung durch blaue LED-Lampen gibt dann den letzten Schliff im Kasten.“

Bist du trendy, hast du Zepter
Von den 90er-Jahren bis in die Gegenwart prägte eine Geschirrmarke die balkanesischen Haushalte. Beim Stichwort „Zepter“ verdrehen einige Jugokinder die Augen, weil sie sofort an ihre Mütter denken müssen, die sich zahlreich zu Geschirrpräsentationen trafen. „Trommle deine Freundinnen zusammen und dann kriegst ein Teeservice“ gratis, war die Werbestrategie. Das ist auch der Grund, warum Marinas Mutter heute noch das edle Teeservice von Zepter in der Glasvitrine hat. Selbstverständlich kommt es nur selten auf den Tisch. Schließlich wäre es schade, das edle Zeug jedem beliebigen Gast zu servieren. „Ich glaube, dass ich nur ein Mal aus dieser Teetasse getrunken habe“, erinnert sich Marina. „Dann ist das Ganze wieder schön poliert in die Glasvitrine verschwunden und ziert seitdem das Wohnzimmer meiner Mama.“ Die Vitrine ist natürlich beleuchtet und mit Tischdeckchen ausgelegt, fügt Marina hinzu.

 Auch die Töpfe von Zepter waren der Renner und wurden Hausfrauen mit dem Argument angepriesen, dass man damit gesünder kochen könnte. Und willst du als Balkantochter mal heiraten, musst du entweder ein ganzes Set Tupperware oder Zepter haben – das Prestige-Geschirr vom Balkan schlechthin.

Nur keine nackte Wohnung
Bei Ali erlebt der Gast sogar im Badezimmer eine Dekoüberraschung: Die Waschmaschine hat einen Plüschüberzug und sorgt für ein grelles Farberlebnis. In seinem Wohnzimmer sticht einem die Vase ins Auge, aus der künstliche Glitzerblumen quellen. „Eine Wohnung ohne Teppiche und schöne Vorhänge ist nackt“, sagte Alis Vater immer. Deshalb sorgen jetzt zahlreiche Teppiche und schön verzierte Vorhänge für das entsprechende Ambiente. Auch fürs Ehebett muss die richtige Verkleidung her – wenn der Besuch mal ungeplanterweise ins Schlafzimmer schielen sollte. Am Bett findet sich eine Tagesdecke, ein Traum aus Satin und Perlenstickereien.

 

 

Bei Balkanesen und Türken sind Teppiche sehr wichtig – Gästeschlapfen sind aber noch wichtiger. Schließlich soll sich kein Gast auf dem kalten Fußboden den Tod holen, auch wenn dieser durch Teppiche ausgepolstert ist. Auf der anderen Seite sollen diese sollen nicht durch schmutzige Socken strapaziert werden. Eine Win-Win-Situation auf beiden Seiten.
Es hat oberste Priorität für jeden Besucher ein Paar bereitzuhalten. Kündigt sich die gesamte Verwandtschaft zu einem Besuch an, kann das schon mal zu einem logistischen Problem werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und wenn dann alle da sind, wird der türkische Teekocher (caydanlik oder semaver) angeschmissen. Hast du den nicht im Haus, bist du kein Türke. Balkanos kochen gerne türkischen Kaffee und servieren ihn schwarz in kleinen Tassen (fildzani). Gekocht wird er in einer Kaffeekanne (dzezva), in der erst Zucker angeröstet wird, um dem Kaffee einen karamelisierten Geschmack zu geben. Aber Nespresso und die Bequemlichkeit der Hausfrauen machen dieses Erlebnis zu einem immer selteneren Genuss.

Heiliges Wohnen
Der typische Haushalt der Ex-Jugoslawen ist religiös geprägt. Bei den Katholiken sind es Madonnenstatuen, meist aus dem Wallfahrtsort Medjugorje, die als Souvenir gekauft oder von Verwandten geschenkt wurden. (In Medjugorje soll die Jungfrau Maria erschienen sein. Der Vatikan hat das Wunder aber nicht anerkannt). 

Kreuze an der Wand sind ein „must have“ für jeden gläubigen Katholiken. Das beliebteste Bild in katholischen Haushalten ist „Das letzte Abendmahl“.  Bei den Orthodoxen findet man Ikonen von Jesus und der Jungfrau Maria im byzantinischen Stil. Bei Serben spielen die jeweiligen Schutzheiligen ihrer Familien eine große Rolle. Jede Familie hat einen eigenen Schutzheiligen und ehrt diesen. Und wohnst du richtig heilig, dann hast du eine Bibel im Bücherregal.

 

 

 

 

Bei gläubigen Moslems aus Ex-Jugoslawien hat stattdessen der Koran einen Ehrenplatz. Besonders beliebt sind außerdem Koranverse, die auf Tellern, Uhren und Bildern im Wohnzimmer abgebildet sind. Und wenn Moslems die Pilgerreise nach Mekka gemacht haben, sollte ein prunkvolles Wasser-Service im Schrank stehen, in dem man den Verwandten das heilige Zem-Zem-Wasser aus der Quelle in Mekka auftischt. Alis Eltern brachten nach der sogenannten Hadsch-Reise gleich einen ganzen Kanister Wasser mit, der jetzt im Abstellkammerl auf besondere Anlässe wartet. „Das Wasser hat eine heilende Wirkung. Das hält viel länger als normales Wasser. Man bietet es seinen Verwandten an, damit die Sünden reingewaschen werden. Dieses Wasser sollte nur in seltenen Fällen getrunken werden, wenn etwa ein Verwandter krank  ist und gesund werden soll“, sagt Ali.

Bei den Österreichern geht’s auch ziemlich heilig zu. In ländlichen Gegenden hängt nicht selten ein Weihwasserbehälter, in den man die Finger eintunkt, wenn man das Haus betritt. Lucia erzählt von einer Madonnenfigur aus Plastik, in der Weihwasser aufbewahrt wird und die im Haushalt ihrer Verwandten zum Spülmittelbehälter umfunktioniert wurde. „Irgendwie fing eine Tante damit an, Spülmittel in die Madonna zu füllenund das wurde dann auch bei anderen Verwandten zum Trend“, sagt Lucia. Für Kroaten wäre das ein No-Go. In die Madonna kommt nichts außer Weihwasser. Und ist der Behälter klein und taschentauglich, wird das Weihwasser auch mal mitgeschleppt. Man weiß ja nie!

 

 

 

 

Ethno-Einkaufsliste

Willst du deine Wohnung im jugoistisch-türkischen Style dekorieren, brauchst du das:

- Tagesdecke für die neue Couch
- Tagesdecke für das Ehebett aus Satin, mit Perlen bestickt
- Waschmaschinenüberzug aus Plüsch
- 20 Häkeldeckchen für Fernseher & Co
- Zepter-Töpfe oder Ding wo Zepter draufsteht
- Madonna aus Plastik für Weihwasser
-Kunstblumen mit Glitzer
- große Kreuze und Rosenkränze
- Bibel, Koran
- Glasvitrine mit Swarovski-Kristallen und LED-Beleuchtung
- das böse Auge, als Schutz vor böser Nachrede
- Landesfahnen
- Teller, Uhren und Bilder mit Suren und Gebeten drauf
- Bild „Das letzte Abendmahl“
- Viele Teppiche
- Schöne bunte Vorhänge aus Satin und Seide
- 30 Paar Gästeschlapfen
- Obst- und Zuckerschale in einem
- Set mit Blumentellern
- Teekocher (caydanlik oder semover)
- Dzezva i fildzani (Kaffeekanne und kleine Tassen)

Und willst du ein richtiger Österreicher sein:

- ausgestopfte Tiere
- Holzverkleidung an der Wand
- Pendeluhr
- Holzbretter für die Jause
- Plastiktischdecke
- Eckbank für die Kuchl (Küche)
- Türkranz (auch wenn nicht Weihnachten ist)
- Kreuze und Madonnenstatuen (falls gläubig)
- Hundebettchen eventuell Hundekleidung
- viel Dekoration für den Esstisch
- und ein paar Geweihe, die machen sich immer gut

Kommentare

 

kann wohnen wie er will, aber dieses "in der ecke sitzen" mag ich überhaupt nicht. keine ahnung warum...

 

ich würd mir auch nie eine eckbank kaufen. :D

 

die Eckbank ist so beliebt, weil sich die Sitze hochklappen lassen und man unnötiges Zeugs verstauen kann. check, man denkt doch nur praktisch :)

und apropos, die Jugohaushalte sind schon ur gemixt eingerichtet. Wir zum Beispiel haben in Bosnien nen Kachelofen. :))

 

aber hast du den kachelofen zum zimmer wärmen, oder diesen mix zum kochen, backen, onaj pravi SPORET :D ?

ein goblen hängt bei mir zuhause. der ist 30 jahre alt. von pijaca.

 

:D

hahaha... nije sporet, den Sporet hat meine Oma. :)

nein, es ist ein richtiger Kachelofen (dunkelbraun) den mein Papa unbedingt haben wollte.

Meiner Mama ist es ein Dorn im Auge, sie hasst das Ding... es ist ur groß und nimmt viel Platz ein.

seit ein paar Jahren schon ist der Ofen nicht mehr in Betrieb. Da mein Papa nach einiger Zeit draufgekommen ist... "ufff, jebote cijepati drva za to... ist anstrengend für nen alten Mann." :D

das arme Ding wurde abgelöst von ner zentralen Heizung und ist jetzt nur noch ein teurer Staubfänger.

 

Šporet kommt vom duetschen "Sparherd" (ugs. Spoarherd)

 

na oarg. hätt ich nie gedacht.
macht aber sinn. das ding wärmt, kocht, bäckt.
ich liebe diese dinger.

 

kennt ihr diese "goblene"...? (ich weiß nicht einmal, ob man das so schreibt)

also, auf jeden Fall auf so nem "goblen" sind religiöse Sachen, Blumen-, Landschaftsmotive... (was auch immer, alles kann drauf sein) aufgedruckt.

Und so ein "goblen" ist jedoch unvollendet... es ist so etwas wie "Malen nach Zahlen". Nur das man statt dem Malen, Nadel & Faden hat, um das Bild fertig, zu stellen. Später, rahmt man es sich ein und hängts an die Wand.

das hängt in allen jugo Haushalten, die ich kenne...

 

Meine Mama hat viertausend großes sehr pathetisch wirkende Kreuze (Kruzifixe), irgend so eine komische Stickerei dieser komischen kleinen Kirche in Zagreb (Agram) vierzigtausend Mutter-Gottes Statuen und Bilder, also ich könnte da jetzt echt einen Devotionalien-Laden aufmachen. Hrhr.

 

Wahnsinn, ich bin gerade begeistert wie sehr euer Bericht zutrifft! Zumindest kann ich die Liste mit der Schwabo-Einrichtung und die der Türken (zumindest sieht es in tunesischen Haushalten genauso aus) nur bestätigen :D Ein paar Unterschiede sind mir noch aufgefallen:

bei den Schwabos:
- Blumenkisterln mit Geranien vor den Fenstern oder am Balkon
- ein Packerl speckige und abgenützte Piatnik Spielkarten
- auch Blumenteller, allerdings von der Meissner Porzellanmanufaktur
und... ein prall gefülltes Bücherregal, teilweise auch mit Schmökern, bei denen man sich fragt wer das liest?!

bei den Tunesiern (und Türken?)
- eine Toilette und ein Badezimmer, die so aussehen als hätte sie noch nie jemand benutzt
- der Fernseher ist im Dauerbetrieb
- gekocht wird wie für eine Fußballmannschaft - kein Wunder, für irgendetwas braucht man ja die Unmengen an Tupperware-Geschirr!
und... kein einziges Buch im Haus, höchstens eine Zeitung oder ein bunter Haufen an Werbezeitschriften.

 

wir haben uns letztens darüber unterhalten, warum bei den türken (auch balkanesen) die toiletten (ah was der ganze haushalt) wie abgeleckt aussehen muss.
unangekündigter besuch ist eben noch üblich. da muss die bude blitzblank sein.
ich persönlich bin eher von der hab-kein-bock-jeden-tag-aufzuräumen-sorte und hasse unangemeldeten besuch.
unsere mamas allerdings kennen es von früher aus dem dorf. irgendein nachbar klopft an, und da muss die decke auf der couch perfekt sitzen.

und stimmt. fernseher ist wirklich ständig an. und das ist auch der grund, warum bei manchen leuten so wenig mit gästen gesprochen wird. alle starren den fernseher an.

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