Ist dir nicht heiß?

17. August 2015

von Dudu Kücükgöl

Es hat 38 Grad, die Sonne brennt nieder, die Luftfeuchtigkeit tut das ihre, um es auf gefühlte 45 Grad zu bringen. Alle klagen über die Hitze und alle schwitzen. U-Bahn und Straßenbahn fahren, ist grauenhaft. Als ob die stinkende Fahrt voller schwitzender Menschen nicht reicht: Besonders selbstbewusste Männer mit unrasierten Achselhaaren in Tanktops glauben, sie müssten ihre Achselhaare lüften.

Die ganze Stadt schwitzt - es ist einfach schön sonnig und entsprechend riechen die Mitmenschen auch. Genau an solchen Tagen kommt unser aller Lieblingsfrage. Besorgte Bürgerinnen und Bürger, die Verteidigerinnen und Verteidiger der muslimischen Frauen sind besorgt um unser Wohlempfinden und rücken mit ihrer Fürsorge an: „Ist dir nicht heiß (mit dem Tuch)?“
Ich frage mich: Was willst du hören? Worum geht es dir eigentlich mit der Frage? Soll das Empathie oder Smalltalk sein? Frage ich dich im Winter, wenn du ohne Kopfbedeckung herumrennst: „Oh, ist dir nicht kalt ohne ein Kopftuch? Magst dir nicht lieber was Warmes anziehen?“ Nein, das tu ich nicht.

Aber ich frage zurück: „Ist dir leicht nicht heiß bei dem Wetter? Ist bei 38 Grad irgendwem nicht heiß?“ Werden eigentlich die Männer in Sakkos und Anzügen auch ständig gefragt oder sind wir die Einzigen, die im Sommer ständig blöde Fragen ertragen müssen? Aber bleiben wir ruhig bei Sommer und Kleidung: Ich bin doch nicht die Einzige, der das sexistische Straßenbild auffällt, oder? Während Männer sich weiterhin ganz normal anziehen und außer in der Freizeit mit Hemd und Hose unterwegs sind, laufen viele Frauen nur mehr minimalst bekleidet herum. Wir sind ja alle so modern und so im Westen, aber der Mode- und Körperwahnsinn betrifft hauptsächlich Frauen und die Folgen sind mit bloßem Auge sichtbar. Ich habe als islamisch gekleidete Frau nicht wesentlich mehr an als ein normal gekleideter Mann. Der Unterschied ist erst im Vergleich zu den Frauen sichtbar.

Ich meine: Jeder das Ihre. Es geht mich ja nichts an, aber ob das in der brennenden Hitze wirklich gesund für die Haut ist? Besonders peinlich finde ich die ultra-kurzen Höschen, bei denen die Innentaschen vorne rausschauen. Und vielen Frauen sieht man an, dass ihre Haut von der Sonnenbelastung der Jahre bereits deutlich gealtert ist (Stichwort: „Lederhaut“). Oder liest hier irgendwer das erste Mal über Hautalterung durch Sonneneinstrahlung?! Wenn ja: Schaut, was ein Experte sagt: Man kann viel von Nonnen – oder eben von Kopftuchträgerinnen - lernen: Quelle: http://www.netdoktor.de/Gesund-Leben/Haut/Hautpflege/Interview-zu-Hautal...

Wie fändet ihr es, wenn Wildfremde eure alltägliche, individuelle Entscheidung für ein Kleidungsstück ständig hinterfragten? Enthusiasmus sieht wirklich anders aus. Hier einige vorbereitete vorwurfsvolle Fragen um sich mal in die Lage einer Frau zu versetzen, die in den warmen Tagen diese Frage immer wieder hören muss: Was, wenn eine Minirockträgerin von unbekannten Menschen ständig gefragt werden würde: „Hey, findest du den Rock nicht etwas zu kurz?“ Oder wenn Leute in engen Hosen tagtäglich hören müssten: „Engt es dich nicht ein in so enger Kleidung?“ Die ultrakurzen HosenträgerInnen: „Ist es dir nicht unangenehm verschwitzt am U-Bahnsitz kleben zu bleiben?“ Und unsere selbstbewussten, unrasierten Tanktopträger: „Kannst du deine Achselhaare rasieren oder dir was Langärmeliges anziehen um die Menschen vor Geruchsbelästigung zu schützen? Lass die Arme einfach unten…“

Ich hoffe, ihr hört solche Fragen nicht. Und so wie ich euch zumute für eure Gesundheit, Hygiene und Haut selber zu sorgen, solltet ihr persönliche Entscheidungen anderer Menschen – eben auch Frauen, die ein Kopftuch  tragen – respektieren und sie nicht ständig mit dieser dummen Frage belästigen. Ihr meine lieben Schwestern, ärgert euch nicht! Macht es wie Menerva: Ignoriert die Grantler dieser Welt! In den Burkini & ab ins kühle Wasser!
 

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Kommentare

 

dass es eben nicht darum geht, ob man mit zweierlei Maß misst, oder ob das jetzt Widerstand gegen gesellschaftlich erzwungene sexistisch-freizügige Frauenkleidung ist, oder ob eine Frau das Kopftuch aus freier Entscheidung oder aufgrund von Zwang trägt. Nein.
Wenn das Kopftuch aus religiösesn Gründen getragen wird geht es darum, dass es ganz unabhängig von der persönlichen Geschichte der Trägerin ein Symbol ist.
Ein Symbol für Unterdrückung und für Ungleichbehandlung.
Ein Symbol dafür, wie Religion sich über rechtsstaatliche Grundrechte hinwegsetzt und genutzt wird um Frauen zu kontrollieren.
Es ist ein Symbol gegen Feminismus und für das Patriarchat.

Und zwar, weil es ein religiöses Gebot ist, nachdem sich nur die Frauen, aber nicht die Männer richten sollen. Die Frauen müssen, die Männer müssen nicht. Soisses. Das ist eine Ungleichbehandlung. Punkt. Wenn der Stoff aus religiösen Gründen getragen wird kann man das objektiv-logisch nicht anders sehen und auch nicht in ein ich-wehre-mich-gegen-sexistisches-Modediktat umfärben.

Wenn man es nur tragt, um sich extra von den Mitmenschen abzuheben, weil man meint, man wäre damit was "Besseres", was "Reineres", oder weil man zeigen will, dass man sich von der Gesellschaft abgrenzt - der kann sowieso niemand mehr helfen...

 

Merke gerade, dass die Urheberschaft des Textes nicht angegeben wurde. Dieser Text ist mein Text: Dudu Kücükgöl

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