Der Alman ist kleinlich, distanziert und pseudo-tolerant.

17. Oktober 2018

von Samira Hartl

„Zahlen wir deutsch oder normal?“

Getrennt oder zusammen. Alle lachen. Das ist die erste Antwort, als ich meine Freunde mit Migrationshintergrund frage, was sie denn an Österreichern und Deutschen am meisten stört. Wenn ich mit ihnen essen gehe, wird regelrecht darum gestritten, wer die Rechnung bezahlen darf. Das Prinzip getrennt zu zahlen finden sie alle befremdlich und typisch deutsch. So wie die Nachbarn, die schon um 20 Uhr aus dem Fenster schreien, dass es zu laut ist. „Wenn die um Mitternacht mit ihren bellenden Hunden Gassi gehen, geht kein Ausländer raus und schreit „Pscht, meine sechs Kinder schlafen!“. Während die Diskussion zu Beginn noch sehr humorvoll abläuft, kommen nach und nach die Emotionen hoch. Dann beschwichtigen meine Freunde mit Sätzen wie „Natürlich sind nicht alle so, nur die richtigen Almans“.

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Für alle Almans: Der Begriff sorgt momentan für viel Empörung, obwohl er ähnlich wie das eher akzeptierte „Švabo“ recht harmlos ist. „Švabo“ kommt vom Balkan und wurde tatsächlich erfunden, um Deutsche und Österreicher zu beschreiben. „Alman“ ist lediglich die türkische Bezeichnung für „deutsch/Deutsche*r“ und wird in der migrantischen Community unter anderem dafür verwendet, typisch „deutsches“ Verhalten zu bezeichnen. Ich als Österreicherin kann es ihnen auch gar nicht übelnehmen.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst

„Österreicher und Deutsche sind sich selbst am nächsten“, meint meine Freundin Milana. „Wenn es um Menschen außerhalb der eigenen Familie geht, wird ganz gern beschämt weggeschaut.“ Außer es geht darum, eine Meinung zu haben und andere zu belehren, dann sind sie gern an erster Stelle dabei. „Mein österreichischer Nachbar beobachtet immer, wie ich den Müll wegschmeiße, um sich dann darüber aufzuregen, dass ich falsch trenne.“ Jelena lacht. Ihre Nachbarin beschwert sich auch, wenn sie mit ihr gemeinsam in den Lift einsteigt, weil sie jung ist und somit auch zu Fuß gehen kann. „In Massenstudien habe ich außerdem oft den Eindruck, die Leute missgönnen einander den Erfolg, weil jeder selbst um seinen Studienplatz kämpft.“

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Alle Ausländer sind so, außer die, die man kennt

„Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich mich verstellen muss, um mit Österreichern befreundet sein zu können“, meint Yasemin. Die wenigsten würden die kulturellen Einschränkungen verstehen. Zu Beginn ihres Studiums hatte sie noch österreichische Freunde. Die Probleme fingen aber bei 08/15-Szenarien wie dem Fortgehen an. Dass ihre Eltern ihr das nicht erlauben, versteht niemand. „Sie meinten, ich soll doch einfach ausziehen, dann kann mir keiner mehr sagen, was ich darf und was nicht“, erzählt Yasemin lächelnd. Nie kommt von ihren Freunden ein verständnisvolles „Okay, dann lass uns einfach tagsüber was machen.“ Also verwendet Yasemin lieber Ausreden wie „Ich kann heute nicht, aber das nächste Mal bin ich fix dabei“, oder „Ich hab Kopfschmerzen, ich glaub ich werde krank“. Nur dann kommen verständnisvolle Antworten und sie muss sich nicht rechtfertigen, wieso sie mit Anfang 20 noch auf ihre arabische Mutter hören muss.

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So hat sie ihr erstes Semester an der Uni verbracht. Als sie dann doch einmal mitging, wollte ein Mädchen aus ihrem österreichischen Freundeskreis nach einer halben Stunde den Club wieder verlassen. Auf dem Heimweg meinte diese dann mit einem Döner in der Hand „Ich bin ja nicht rassistisch oder so, aber der Club war mir einfach zu voll mit Ausländern.“ Als Yasemin auf ihre braunen Arme schaute, sagte sie nur „Gegen dich hab ich nichts, du bist ja nicht SO. Du gehörst zu uns.“ Sie war wirklich überzeugt davon, nicht rassistisch zu sein. Im nächsten Semester hat Yasemin ihre österreichischen Freunde dann wieder gegen Ausländer eingetauscht.

Die gute und die schlechte Muttersprache

Eine Erfahrung haben ohne Ausnahme alle meine Freunde gemacht: dafür angegangen zu werden, ihre Muttersprache zu sprechen. Milana erzählt von einer Studienkollegin am Juridicum, die sie nach einem Telefonat mit ihrer Mutter gefragt hat, ob sie öfter vor anderen in ihrer Muttersprache reden würde. „Sie meinte, sie findet das unglaublich unhöflich und generell ist es ihr unangenehm, wie viele andere Sprachen als Deutsch sie mittlerweile in der U-Bahn hört“, schüttelt Milana ungläubig den Kopf. „Was geht es sie an, was ich mit meiner Mutter bespreche?“.

Das Phänomen, dass Menschen offenbar Angst davor haben, dass über sie gesprochen wird, scheint weit verbreitet zu sein. Auch auf Twitter findet man zahlreiche Geschichten von Migrant*innen, die genau damit konfrontiert werden. Interessanterweise habe ich noch nie davon gehört, wie jemand zurechtgewiesen wird, weil er französisch spricht. Eine Art Sprachenrassismus, die „guten“ und die „schlechten“ Ausländer. Mehrsprachigkeit war bei uns eigentlich immer eine bewundernswerte Eigenschaft, wieso also wird meine Freundin angegangen, die übrigens fünf Sprachen spricht, darunter fließend Deutsch, Russisch und Türkisch? Ich vergaß, Arabisch und Bosnisch sind bei uns nun mal nicht so viel wert wie Spanisch oder Italienisch.

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Die Österreicherin mit ihren Ausländern

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mich die Vorurteile von meinen ausländischen Freunden gegenüber Österreichern und Deutschen überrascht oder gestört hätten. Im Gegenteil, vieles davon ist mir selbst schon aufgefallen. Als ich erwähne, dass ich bei Biber arbeite, höre ich von Bekannten immer wieder Aussagen wie „Warum tust du dir das eigentlich an?“. Auf meine Nachfrage, was genau sie damit meinen, kommt dann „Wieso belastest du dich so sehr mit diesen Problemen?“. Was ist das für eine Frage? Noch nie hat es jemand hinterfragt, wenn ich mich um die Probleme meiner österreichischen Freunde gekümmert habe.

Und dann gibt es die Menschen, die mich dafür loben. „Wahnsinn, wie du als emanzipierte Frau dich mit diesen Kulturen beschäftigst.“ Als hätte ich einen Friedensnobelpreis dafür verdient, dass ich mich dazu herablasse mit Ausländern abzuhängen. Als würde ich meine Freunde nur danach aussuchen, ob sie eine möglichst tragische Fluchtgeschichte zu liefern haben. Es ist kein besonderer Verdienst, den Menschen in seinem Umfeld zuzuhören. Ich suche Freunde auch nicht nach Herkunft aus, es ergibt sich in einer Großstadt wie Wien nun mal. Wie wäre es damit, weniger geblendet davon zu sein, dass jemand Wurzeln in einer anderen Kultur hat und den Menschen dahinter zu sehen. Meine Freunde sind mehr als ihr Migrationshintergrund.

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Kommentare

 

Hab einige Male schmunzeln müssen und finde es richtig und mutig, dass du auch Selbstkritik am "eigenen" Volke ausübst. 

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