„Kunst alleine macht verrückt“

05. Februar 2013

 

Ҫiğdem Soyarslan singt die Mimi in Puccinis Oper „La Bohème“ und hört zu Hause Tarkan. biber traf die Sopranistin der Wiener Kammeroper und sprach mit ihr über Insekten, Bühnennazis und Urgroßmutterglück.

 

Wir betreten das Cafè des Hotels „Post“ im ersten Bezirk, wo uns die lächelnde Ҫiğdem Soyarslan begrüßt. Sie trägt eine graue, kuschelige Mütze, einen Schal und ist ganz natürlich und ungeschminkt. Die zierliche junge Frau wirkt gar nicht wie eine Operndiva.


Die klassische Frage: Warum bist du Opernsängerin geworden?
Mit 13 haben mir meine Mitschüler eine Kassette von Maria Callas (bedeutende griechische Opernsängerin) geschenkt und ich war sofort verzaubert. Ihre Stimme hat mich zu Tränen gerührt und dann fasste ich den Entschluss: „Ich möchte so sein wie sie.“

Wie hat deine Familie in der Türkei auf deinen Berufswunsch reagiert?
Meine Familie ist überaus offen und stand immer hinter mir. Die Ausbildung war sehr kostenintensiv, sie haben alle zusammengelegt, damit ich meinen Traum verwirklichen kann.

Was wäre aus dir geworden, wenn du keine Sopranistin geworden wärst?
Ich wäre wohl Kinderpsychologin geworden wie meine Mutter oder hätte etwas mit Insekten gemacht. Mich faszinieren diese kleinen, zarten Wunder. Ich möchte auf jeden Fall noch Biologie studieren.

Worauf musstest du aufgrund deines Berufs verzichten?
Auf die Querflöte, die Technik drückt auf die Stimmbänder. Ich gehe auch nicht Eislaufen, die Verletzungsgefahr ist einfach zu groß. Bei Kälte im Wald oder im Park spazieren kann ich leider auch nicht. Wir leben generell wie Leistungssportler - gesunde Ernährung, kein Alkohol, viel Sport. Man muss Stress vermeiden und auf die Psyche achten, denn alles geht auf die Stimme. Sie ist das empfindlichste Instrument der Welt.

Rassismus in Österreich – hattest du schon negative Erlebnisse?
Leider zu viele. Ich musste zum Beispiel bei einer Probe mit einem Kollegen ein Ehepaar spielen. Er wollte das nicht, weil ich Türkin bin.

Wie gehst du damit um?
Ich empfinde eigentlich Mitleid mit Rassisten, weil sie Grenzen sehen, wo keine sind. Es ärgert mich aber auch sehr, dass so viele Türken nicht Deutsch sprechen. Das Problem ist, dass Türken sehr fest an ihrer Kultur halten, weil sie Angst haben, dass wenn sie sich auch nur ein bisschen anpassen, sie ihre ganze Identität verlieren. Das stört die Österreicher natürlich. Zum Glück habe ich in meinem jetzigen Ensemble keinerlei Probleme mit Rassismus

Und was gefällt dir an Wien?
Vor allem die Musik! Hier gibt es an jeder Ecke Straßenmusiker, die sehr gut sind. Manchmal gehe ich spazieren und höre jemanden Bariton üben. Auch Wiens Architektur ist atemberaubend, ich fühle einfach die Geschichte. Wien ist die einzige Stadt, in der ich leben möchte. Hier fühle ich mich am meisten zuhause.

Was fühlst du, wenn du auf der Bühne stehst?
In der Oper fühle ich mich frei. Ich liebe es eine Rolle zu spielen, das nimmt mir den Druck. Ich fühle mich aber als Konzertsängerin ganz und gar nicht wohl. Mit meinem eigenen Namen und meiner Privatkleidung zu singen finde ich sehr schwierig, weil ich eine schüchterne Person bin.

 

 

@Armin Bardel

 

Kann jeder singen lernen oder muss man mit diesem Talent geboren werden?
Singtechniken kann man sicherlich lernen – aber nicht jeder kann ein Künstler sein. Mit dem Talent Gefühle zu vermitteln, muss man geboren sein.

Welche Musik hört eine Opernsängerin privat?
Auf gar keinen Fall Opern! (lacht) Ich höre gerne türkische Volksmusik. Ich lasse auch gerne ein Internet-Radio laufen, das Blues, Jazz und Rock aus den 60ern und 70ern spielt.

Was hast du mit deiner Rolle Mimi gemeinsam?
Mein Freund sagt, wir werden beide ständig krank (lacht). Ich bin nämlich Asthmatikerin.

Karriere oder Familie?
Sind auf jeden Fall vereinbar. Man darf die Arbeit nur nicht mit nach Hause nehmen. Ich trenne Arbeit und Privates ganz streng - ich übe nicht einmal zuhause. Ich will auf keinen Fall als Opernsängerin, sondern als Urgroßmutter sterben. Kunst alleine macht egoistisch und verrückt, deshalb ist Familie sehr wichtig. Man braucht einen Stamm, an den man sich anlehnen kann.

Was kommt nach der großen Bühnenkarriere?
Naturgemäß nimmt die Stimme der Frau mit 45 Jahren ab, obwohl es Ausnahmen gibt, die mit 67 noch singen. Ich hätte gerne nach der großen Karriere ein Blumengeschäft. Mein Vorname bedeutet Krokos. Oder vielleicht ein Terrarium mit Insekten.

 

Infos zur Person: 

© Lukas Beck

Die 29-jährige Ҫiğdem Soyarslan kam in Ankara zur Welt und wuchs in Istanbul auf.
Vor sechs Jahren kam sie als Opernsängerin nach Wien und studiert an der Uni für Musik und darstellende Kunst. Ҫiğdem spielt derzeit die Rolle der Mimi in Puccinis Oper „La Bohème“, die nun in einer modernen Variante am Theater an der Wien aufgeführt wird. Es geht um das Leiden, Leben und Lieben in unserer Zeit. Die Vorstellungen laufen noch bis 24. Februar. 

 

 

 

 

Jelena Pantić und Maria Matthies

Anmerkung der Redakteurinnen: Wir waren uns sicher, dass auf internationalen Opernbühnen Rassismus kein Thema wäre. Anscheinend kennt Rassismus keine Grenzen und trifft jeden Ton.

 

 

 

 

 

 

 

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