"Alle Gehälter offenlegen."

20. März 2019

Arbeiterkammerpräsidentin Renate Anderl über respektlosen Umgang mit Frauen in der Arbeitswelt, Ihr erstes Gehalt und warum man zu den AK-Wahlen gehen sollte.


biber: In Österreich wurde jüngst der ehemalige Kanzler Reinhold Mitterlehner als „links“ bezeichnet, weil er sich für Lehrlinge im Asylverfahren einsetzt. Was ist für Sie „links“?
Renate Anderl: Links bedeutet für mich solidarisch zu sein und für sozialen Ausgleich einzutreten.

Warum brauchen wir in Österreich die Arbeiterkammer?
Die AK vertritt 3,7 Millionen Beschäftigte, die dadurch stärker sind und mehr erreichen können, als jede Einzelperson. Das ist wichtig für den Interessenausgleich zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Auch wenn der Chef auf dem längeren Ast sitzt: Wenn ein Mitarbeiter zu uns kommt, weil der Chef zu wenig zahlt, dann hilft die AK ihm dabei, zu seinem Recht zu kommen.

AK-Präsidentin Renate Anderl
Sebastian Philipp

Welche Dienstleistungen bietet die AK für Migranten?
Am häufigsten wird die Beratung zum Arbeitsrecht in Anspruch genommen: Dort haben wir mehrsprachige ExpertInnen und einen Videodolmetsch-Service. Wichtig ist auch die Beratung zu Krankengeld oder Pension. Bei Problemen mit Banken und Versicherungen hilft unser Konsumentenschutz. Die Serviceleistungen der AK stehen natürlich allen Mitgliedern zur Verfügung - unabhängig von deren Herkunft.

Mit welchen Problemen sind Migranten vorwiegend in der Arbeitswelt konfrontiert?
Am häufigsten mit Diskriminierung. Damit verbunden sind niedriges Einkommen, schlechte Arbeitsbedingungen und respektloser Umgang - hier sind Frauen noch stärker betroffen.

Sind Sie für eine Transparenz, was Gehälter in Österreich betrifft?
Ja, die betriebliche Offenlegung aller Einkommen wäre notwendig, um die Lohnschere zu schließen.

Was halten Sie von einer Frauenquote im Middle- und Uppermanagement?
Sehr viel!

Mütter, die zurück in die Arbeitswelt gehen, müssen noch immer mit großen Gehaltsunterschieden zu ihren männlichen Kollegen kämpfen. Was machen Sie dagegen?
Wir beraten Frauen, wie sie ihre Rechte bestmöglich für den Wiedereinstieg nutzen können und setzen uns für Einkommensgerechtigkeit ein.

Warum sollten alle Wahlberechtigen wählen gehen?
Weil es in Österreich nicht nur um die Interessen von Wirtschaft und Industrie gehen darf und unser Sozialstaat verteidigt werden muss. Die AK steht für faire Arbeitszeiten, für faire Einkommen und leistbares Wohnen. Sie ist der Schutzschirm für alle, die jeden Tag arbeiten gehen und keine reichen Eltern haben. Je mehr Menschen wählen gehen, desto stärker wird dieser Schutzschirm.

Wie beurteilen Sie die bisherige Regierungsarbeit?
Bis jetzt lässt sie schon eine deutliche Schlagseite zugunsten von Wirtschaft und Industrie erkennen. Es fehlt außerdem das Gespür für soziale Fragen.

Wie ist Ihre Meinung zu Sozialministerin Beate Hartinger Klein?
Wir haben eine gute Gesprächsbasis, vertreten aber sehr unterschiedliche politische Positionen.

Ist der 12-Stunden-Tag tatsächlich unzumutbar? Wenn ja, warum?
Er ist nicht grundsätzlich unzumutbar. Aber das Arbeitszeitgesetz soll vor Ausbeutung schützen. Darum war der 12-Stunden-Tag bisher nur als Ausnahme mit Zustimmung des Betriebsrats möglich. Jetzt kann er jederzeit und kurzfristig angeordnet werden. Und wir wissen alle, dass es mit der Freiwilligkeit in der echten Arbeitswelt nicht weit her ist.

Mit wie vielen Jahren haben Sie das erste Mal gearbeitet?
Mit ca. elf – für die nächsten vier Jahre war ich dann Studiokind bei der damaligen ORF-Sendung „Wer bastelt mit?“

Wie hoch war Ihr erstes Gehalt?
Das kann ich heute nicht mehr genau sagen, aber ich weiß noch, wie stolz ich damals war, meine Jeans selbst bezahlen zu können. 

Wie lange möchten Sie noch arbeiten?
So lange ich meine Arbeit gerne mache, denke ich darüber nicht nach. Außerdem sind es noch ein paar Jahre bis zum gesetzlichen Pensionsalter. (Anm. der Redaktion: Anderl könnte in drei Jahren in Pension gehen)

 

Wer ist Sie?

Name: Renate Anderl

Alter: 57

Funktion: Präsidentin der Bundeskammer für Arbeiter und Angestellte (AK) seit 2018

Besonderes: Wuchs als Tochter eines Hausbesorgers in Favoriten auf

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