Per Anhalter mit der Olympiasiegerin

07. Februar 2014

Ich bin unabsichtlich zu einer bulgarischen Olympiasiegerin in's Auto gestiegen. Anstatt sie mit Fragen zu durchlöchern, bin ich friedlich eingeschlafen.

Es war Winter und es regnete eisig. Ich habe umsonst mehr als eine Stunde neben der Straße auf eine Autostopp-Möglichkeit gewartet. Ich war ganz nass und ich hasste die ganze Welt. Deshalb traute ich meinen Augen nicht, als endlich ein Auto anhielt. Hinter dem Lenkrad saß eine kleine Frau. Im Auto war es warm. Von der Klimaänderung wurde mir schnell warm. Ich konnte nur das Banalste fragen: "Was ist ihr Job?" "Ich beschäftige mich mit Sport", war die Antwort. "Dafovska, vielleicht haben sie schon mal was davon gehört..." Alter, dachte ich mir, das ist die olympische Goldmedaillengewinnerin im Biathlon Ekaterina Dafovska, die für Bulgarien die bisher einzige Medaille von Olympischen Winterspielen heimgebracht hat! Und genau sie hatte mich mitgenommen. Von der Wärme im Auto wurde ich weich wie Butter und schlief ein.

In Nagano ganz oben

Ich wachte in Sofia auf, wo es schneite. Ich dankte der Olympiasiegerin verlegen und verschwand. Ich bin so ein Trottel! Ich habe meine einzige Chance zu fragen, wie es so ist als Bulgarin bei Olympischen Wintterspielen ganz vorne dabei zu sein, verpasst. Wie sie sich wohl im japanischen Stadt Nagano gefühlt hatte, als sie aufs Podest getreten war...

Österreich hat traditionell große Erwartungen bei Olympischen Winterspielen. In Bulgarien ist es genau umgekehrt. Trotz einiger Winterkurorte gibt es in Bulgarien wenig Möglichkeiten, Wintersport auf Weltklasseniveau zu betreiben. Das macht die Goldmedaille von Dafovska noch wertvoller. Bei den diesjährigen Olympischen Spielen liegt Bulgariens meiste Hoffnung auf dem Skispringer Zografski. Allein seine Teilnahmme ist schon ein Riesenerfolg, wenn man bedenkt, dass es in Bulgarien keine einzige Skisprungschanze gibt. Die bulgarischen Sportler kämpfen heroisch für ihre Teilnahme gegen Kollegen aus Ländern mit jahrelanger Wintersporttradition. Aber vielleicht genau deshalb werden sie sich in Sotschi gut schlagen.

Chaos als Vorteil

Die Olympiade hat noch nicht angefangen, aber die sozialen Netzwerke werden bereits von kuriosen Fotos aus dem olympischen Dorf überflutet: Zimmer, die keine Glühbirnen haben (oder gar keine Elektrizität), Mineralwasser, das in Gin-Flaschen verkauft wird, seltsame Unterweisungen, auf welche Art man die Toilette zu besuchen hat... Ich weiß, dass die westlichen Sportler all das mit Schrecken und Verwunderung betrachten. Sie werden sich nicht gut konzentrieren können, um aus ihren Fähigkeiten das Maximum herauszuholen. Vielleicht hat jetzt die Stunde meiner Landsmänner und -frauen geschlagen, die sich in dieser postkommunistischen Welt, wo man alles im letzten Moment macht und nichts normal zu funktionieren scheint, wirklich zu Hause fühlen. Ich werde den österreichischen Athleten die Daumen drücken, dass sie mit der Unordnung gut zurechtkommen. Ich werde auch den bulgarischen Sportlern die Daumen drücken, auf dass sie die Unordentlichkeiten als Vorteil nutzen können mögen. Aber eigentlich ist ja nur das Dabeisein wichtig, nicht der Sieg, oder?

Ich habe leider die Möglichkeit verpasst, Ekaterina Dafovska dazu zu befragen. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass sie mich ein zweites Mal per Anhalter mitnimmt. Aber, wer weiß?

 

 

Todor Ovchtarov ist Kolumnist bei dasbiber und FM4. Die gesammelten Geschichten gibt es im Buch "Die Leiden des jungen Todor". Biber verlost drei brandfrische Exemplare! Schickt uns eine Mail mit der Antwort auf die Frage "In welcher Stadt wurde der Low-Life-Experte geboren?" an redaktion@dasbiber.at

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