Auf den Hund gekommen

04. September 2014

Nach monatelanger Haustier-Planung ist es endlich soweit: Unser Welpe ist da! Wie biber-Redakteurin Alexandra Stanic durch ihn gelernt habe, einen Hundehaufen erhobenen Hauptes wegzuräumen, warum sie Mütter jetzt besser versteht und seit wann Jugos auf den Hund gekommen sind, lest ihr hier.

Alexandra Stanic und Marko Mestrovic (Fotos)

„Braver Hund, schau dir diesen Haufen an! So stolz bin ich auf dich!“ Ich hätte nie gedacht, dass ich mich jemals so über einen Hundehaufen freuen würde. Aber hier stehe ich nun. Mit breitem Grinsen, in der einen Hand ein Sackerl fürs Gackerl, in der anderen ein Leckerli für den Welpen, der vor mir sitzt und nicht versteht, warum ich mich so über das erledigte Geschäft freue. Sein Name ist Tito, er ist eine englische Bulldogge und vier Monate alt. „Stattlich“, „majestätisch“ aber vor allem „ „zuckersüß“ sind die Wörter, die meinem Freund und mir um die Ohren geworfen werden, wenn wir mit Tito Gassi gehen.

Ja, richtig gelesen: WIR! Marko und ich haben es getan. Seit vier Wochen gehören wir zu den jungen Pärchen, die einen Hund haben. Auch wir stehen jetzt morgens um sechs Uhr auf, um unseren Welpen stubenrein zu bekommen. Auch wir richten unseren Terminkalender nach Tito und kaufen ihm nur das beste BIO-Hundefutter. Tito ist nicht nur ein Haustier, er ist unser neuer Wegbegleiter. Er hat sogar die Herzen unserer Familien erobert. Denn der Hundetrend ist schon längst in den Jugo-Haushalten angekommen.

Die Jugos sind auf den Hund gekommen

Der beste Beweis dafür ist meine Tante. Noch vor ein paar Jahren hat sie sich über Österreicher lustig gemacht, die ihren Hund wie einen Menschen behandeln. „Hunde gehören nicht ins Haus“ oder „Lass dich nicht von einem Hund abschlecken, das ist eklig“ hat sie immer geschimpft. Heute spielt sie mit dem Gedanken, ihren Kindern einen Spielgefährten auf vier Pfoten zu schenken. „Sie sind eben doch die besten Freunde eines Menschen“, stellt sie jetzt fest. Wenn ich mich so in der Community umblicke, wird schnell klar: Die Jugos sind auf den Hund gekommen. Anfangs waren es Kampfhunde, mit denen Macker am Westbahnhof angeben konnten. Mittlerweile führen die ehemals so harten Jugo-Kerle Schoßhündchen wie Chihuahuas Gassi, während ihre Ehefrauen das Abendessen zubereiten.

Von den täglichen Spaziergängen können Marko und ich ein Lied singen. Alle zwei Stunden gehen wir mit Tito Gassi. Was das für Marko und mich bedeutet? Bevor wir zu Mittag essen, kriegt Tito sein Futter und wird dann rausgebracht. Freunde treffen geht nur in den Zeiten zwischen seinen Mahlzeiten. Meistens dauert die Runde um den Block länger als sie sollte, denn so ziemlich jeder, der an uns vorbeikommt, bleibt stehen und will ihn streicheln. Seien es Bauarbeiter vom Balkan, Pensionisten oder Busfahrer, die mal eben mitten auf der Straße stehen bleiben, um Tito genauer zu betrachten. Die meisten von ihnen haben einen schlauen Tipp parat: „Wenn er nicht stubenrein ist, drück’ seine Schnauze in sein Urin“ oder „Wenn er schlimm ist, hau’ ihm einfach eine mit der Zeitung übers Ohr“ sind der Renner. Bei all den Streicheleinheiten wächst Titos Ego, während unser Geduldsfaden kurz vorm Platzen ist.

Welpenschule statt Uni

Mit den Ratschlägen der Passanten kann ich nichts anfangen, dafür habe ich durch Tito viel gelernt. So weiß ich jetzt zum Beispiel, wie ich beim Gassi gehen einen Hundehaufen erhobenen Hauptes wegräume. Außerdem setze ich meine Prioritäten anders. Schnell man ein bisschen Shoppen gehen? Nein, lieber in den Hundepark, um Tito mit anderen Hunden anzufreunden. Uni-Zeug vorbereiten? Ach was, ich übe lieber für die Hundeschule. Meine Handtasche ist nicht mehr nur ein Accessoires, sondern dient vor allem dazu, Tito’s Zeug mitzuschleppen. Da wären ein Wassernapf, Reinigungstücher, Sackerl fürs Gackerl, Spielzeug und Leckerlis, die immer mit dabei sein müssen.


Die Schattenseiten

Aber Tito hat nicht nur den Inhalt meiner Tasche drastisch verändert. Er ist vor allem eins: Der Beziehungstest. Nachts aufstehen, über Erziehungsmaßnahmen diskutieren und Kotze wegräumen - klingt wie ein Baby, oder? Ich kann jedem, der sich nicht sicher ist, ob er ein Kind haben will, wärmstens empfehlen, erstmal einen Hund zu adoptieren. Es ist im Prinzip das Gleiche. Und wer besonders aufmerksamkeitsgeil ist, wird sich selbst bald in der ich-bin-eifersüchtig-auf-mein-Haustier Situation wiederfinden. Da kommt man nach einem anstrengenden Arbeitstag Heim, erhofft sich die nötige Zuneigung des Partners und was erwartet einen? Zwei schnarchende Typen, die die gesamte Couch für sich beanspruchen. Und wer sonst immer unternehmungsfreudig ist, kann sich auf Folgendes einstellen: In den erstem Monaten werden Freunde in hundefreundliche bzw. -unfreundliche Gruppen geteilt, das Gleiche passiert mit den Lieblingsrestaurants und das eigene Leben richtet sich plötzlich nach der Pinkel-Routine eines Welpen.

Tito ist zwar so lieb und verschont uns (fast immer) mit seinem Geschäft in der Wohnung. Dafür hat er aber alles, was er nicht anknabbern soll, zu seinem Spielzeug ernannt. Der teure Betontisch, der ein Einzelstück ist? Viel interessanter als sein Kauknochen. Meine braunen Lederschuhe, die ich am liebsten trage? Die zerkaut er am liebsten. Und wer das alles für „halb so schlimm“ hält, soll für ein paar Tage Hundemama für einen Welpen spielen. In der ersten Woche habe ich meine Jogginghose gegen Jeans eingetauscht, nur um mich zumindest ein wenig gesellschaftstauglich und „schick“ zu fühlen.

Komm zu Mama!

Wenn ich mir das alles so durchlese, komme ich mir wie eine schlechte Mutter vor, die über ihr eigenes Kind lästert. Ich verstehe Mamas übrigens viel besser, seit Tito da ist. Bisher habe ich die täglichen Fotos alter Schulkolleginnen von ihren Babys auf Facebook überheblich belächelt. Ich habe mich immer gefragt, ob sie nichts Besseres zu tun haben, als dauernd irgendwelche Fotos von ihren Kindern zu posten. Aber jetzt wo Tito auf meinen Schoß vor sich hin döst und aussieht wie ein kleines Faltenschwein, entschuldige ich mich innerlich für all die herablassenden Sprüche gegen die stolzen Mütter. Ich schieße durchschnittlich 50 Fotos von Tito pro Tag und wenn ich nicht genau wüsste, dass mich meine Freunde auslachen würden, würde ich sie auf allen Social Media Kanälen online stellen. Ich habe sogar mit dem Gedanken gespielt, einen eigenen Instagram-Account für Tito zu erstellen. Denn mal ehrlich: Tito ist doch der süßeste Hund auf der ganzen Welt. Er würde Instagram im Sturm erobern.
 

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