Auf einen Spritzer mit Michael Häupl: Über Wahlen und Finsterlinge

12. September 2019

Er regierte 24 Jahre Wien: Michael Häupl. Biber-Gründer Simon Kravagna geht mit dem Ex-Bürgermeister regelmäßig auf einen Spritzer. Diesmal zum Thema Wahlkampf.

von Simon Kravagna, Fotos: Marko Mestrovic

Foto:Marko Mestrovic
Foto:Marko Mestrovic

BIBER: Herr Häupl, am Anfang gleich der gern zitierte Spruch von Ihnen: „Wahlkampf ist eine Zeit fokussierter Unintelligenz“. Gilt das heute mehr als früher?

HÄUPL: Besser geworden ist es jedenfalls nicht.

Es ist der erste Nationalratswahlkampf, den Sie als Ex-Politiker erleben. Fiebern Sie noch mit?

Mit zunehmendem Politalter bin ich ruhiger geworden. Hyperventiliert habe ich sowieso nie.

Wie stressig ist es, selbst Spitzenkandidat zu sein?

Extrem! Als Nummer Eins ist man für alles verantwortlich.

Ist es schwieriger, den Gegner zu bekämpfen oder die Zweifler in der eigenen Partei?

Das mag ein bisschen autoritär klingen: Vor dem Wahlkampf wird das Programm diskutiert und die Liste besprochen. Der Wahlkampf selbst ist dann schon eher demokratiefreie Zeit.

Warum?

Als Spitzenkandidat führt man de facto eine Heerschar.

In einem Wahlkampf gegen HC Strache haben Sie einmal gesagt: „ Man schickt mich in den Krieg gegen diesen Finsterling. Okay. Dann darf man mich nicht schimpfen, wenn ich aus einer Schlacht verschwitzt, leicht blutig und gelegentlich mit groben Worten zurückkomme.“

Es kann eine sehr harte Sache sein, wie ich aus meinem Wahlkampf 2015 weiß. Wenn rund eine Million Flüchtlinge durch die Stadt ziehen, ist die ursprüngliche Strategie zu kübeln. Es war eine organisatorische Leistung, dass wir erschöpften und hungrigen Menschen geholfen haben. Und es war eine politische Leistung, der FPÖ nicht das Feld zu überlassen.

Haben Sie damals überlegt, wie viel Stimmen Sie dieser Kurs kosten könnte?

Ich habe damals keine Stimmen gezählt. Ich habe mich eher an das legendäre Luther-Zitat erinnert: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“

SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner erzählt aktuell im Wahlkampf gerne, dass sie im Sommer mit so vielen Menschen geredet hat. Mit wem redet sie sonst? Mit Androiden?

Das macht Sebastian Kurz ebenfalls. Für besonders glücklich halte ich diese Formulierung aber nicht, nachdem die künstliche Intelligenz noch nicht so fortgeschritten ist, dass wir uns auch mit Robotern prächtig unterhalten könnten.

Die ÖVP ist nicht zu schlagen. Ist die Wahl bereits entschieden?

Nein. Entscheidend ist, ob es eine Mehrheit jenseits von Schwarz-Blau gibt.

Wie viele Prozent wird die SPÖ mindestens bekommen?

27 Prozent.

Das glauben Sie selbst nicht.

Erinnern wir uns an 2015. Zwei Wochen vor der Wiener Wahl wurde mein politischer Tod prognostiziert. Schon deshalb glaube ich Umfragen nicht.

Sie sind jetzt 70 Jahre alt und damit im richtigen Bundespräsidenten-Alter, wie Presse-Chefredakteur Rainer Nowak festgestellt hat. Würde Sie dieses Amt reizen?

Also das können wir kurz machen: Ich will nicht!

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