AUF NACH UNGARN

01. Februar 2012

Die Ungarn leiden darunter, dass ihr Geld in der Krise immer weniger wert wird. Shopping-Touristen aus Österreich profitieren vom Verfall des Forints.

 

Ein großes Rindsgulasch mit Nockerln um vier Euro, danach zwei Palatschinken mit Marmelade und Zimt um 1,20 Euro und zum Abschluss einen Café Latte um 1,30 Euro: Selten war es so günstig, in Ungarn einzukaufen und sich den Bauch vollzuschlagen. Der Grund ist die wirtschaftliche und politische Krise in Ungarn und der Verfall der ungarischen Währung Forint. Vor einem Jahr noch lag der Wechselkurs bei 260 Forint pro Euro. Derzeit erhält man in den Wechselstuben schon 310 Forint für einen Euro. Shopping-Touristen bekommen also deutlich mehr für ihr Geld als noch vor einem Jahr. Das gilt auch für die beliebte Zahnhygiene, die Pediküre oder die Stange Salami.

 

Tschick-Tourismus

Günstig wie selten ist auch die Stange Tschick für den Kofferraum. In Ungarn kostet ein Packerl Marlboro 2,20 Euro. In Österreich sind die Preise seit Jahresbeginn um 20 Cent pro Packung gestiegen, damit zahlen Raucher in Österreich mehr als doppelt so viel wie in Ungarn. Für Alexander F. ist das allein schon ein guter Grund, sich ins Auto zu setzen. Bereits seine Oma machte ihre Großeinkäufe in Ungarn. „Ich mache mir gerne den Weg. Ungarn ist ja auch nicht so weit von Wien entfernt und die meisten Waren sind jetzt noch billiger.“

Nicht nur Glimmstängel und Lebensmittel sind Schnäppchen, sondern auch der traditionelle Besuch im Kosmetikstudio oder Frisörsalon. Durchschnittlich kostet ein Basispaket mit Waschen, Schneiden und Föhnen an den Grenzregionen in Ungarn bei 10–15 Euro. Eine Maniküre zwischen fünf und acht Euro und der Preis für Gel-Nägel liegt bei 13–20 Euro. „Grundsätzlich sind die meisten Produkte aus Ungarn sowie Dienstleistungen günstiger als in Österreich. Mit dem Verfall des Forint gilt diese Faustregel umso mehr“, erklärt Marc Vecsey, Universitätsassistent am Forschungsinstitut für mittel- und osteuropäisches Wirtschaftsrecht an der WU.

 

Gulyas und Mundhygiene

Für Gabi B. ist die Reise nach Ungarn immer mit einem Familienbesuch verbunden. Mit ihrem Mann fährt sie ein Mal im Monat nach Budapest, wo ihre Mutter und Schwiegermutter leben. Nach dem Besuch im Frisörsalon steht der Großeinkauf in einem der Supermärkte an. Da kann es auch schon mal passieren, dass Unnötiges im Wagerl landet. „In Ungarn sehe ich immer wieder neue Produkte, die es in Österreich nicht gibt – von Keksen bis hin zu Getränken. Noch dazu sind diese Sachen auch sehr günstig“, erklärt sie. Ihren Zahnarztbesuch hat sie nach Ungarn verlagert. „Die Qualität dort ist nicht schlechter als hier, aber im Gegensatz zu Österreich kann ich mir die Behandlungen dort leisten“, sagt sie. Der Preis für eine Mundhygiene liegt in Ungarn bei ungefähr 60 Euro. Eine Keramikkrone kostet im Schnitt um die 100–250 Euro, in Österreich blättert man bis zu 800 Euro dafür auf den Tisch.

 

Des einen Freud, …

Doch wie sagt auch schon ein Sprichwort? Des einen Freud, des andren Leid. Die Menschen in Ungarn leiden, denn ihr Geld ist kaum noch etwas wert. Aus Angst vor der Zukunft haben schon mehrere Ungarn ein Konto im Burgenland eröffnet und ihr Erspartes in Euro umgetauscht.

Die jetzige Wirtschaftslage trifft besonders Pensionisten hart. Die ehemalige Lehrerin Anna M. erhält umgerechnet monatlich 281 Euro vom Staat. Seit der Talfahrt des Forints kann sie sich damit kaum noch über Wasser halten. Nachdem sie ihre Rechnungen für Strom, Gas und Wasser abbezahlt hat, ist kaum mehr die Hälfte ihres Geldes übrig. Dann kommt jedoch noch die Telefon- und Fernsehrechnung hinzu und natürlich die Kosten für Lebensmittel. Trotzdem ist sie eine der Wenigen, die es noch gut getroffen haben. Ihr Sohn, der mit seiner Familie in Wien lebt, schickt ihr monatlich 60 Euro. „Ohne dieses Geld wüsste ich nicht, was ich tun sollte“, erzählt sie.

Während die Einkommen der Ungarn gleich bleiben – sie liegen unter der Hälfte der österreichischen Löhne – passen die internationalen Supermärkte die Preise für Grundnahrungsmittel wie Öl, Zucker und Milch nach oben an, damit sie der Forintverfall nicht so stark trifft.

Viktória S. arbeitet bei einem Mode-Label in Budapest. Bisher haben die Mitarbeiter immer Vergünstigungen erhalten, wie zum Beispiel Prozente bei den Einkäufen. Aufgrund der Einsparungen mussten auch diese gestrichen werden. Ihre Mutter hat das Arbeiten in Ungarn aufgegeben und arbeitet für Firmen im Ausland. „Wir können unsere Rechnungen und Kredite nicht mehr mit einem ungarischen Gehalt bezahlen“, berichtet sie.

 

Mit gutem Gewissen?

Die Zukunft schaut nicht rosig aus. „Das Schicksal des Forint hängt kurzfristig davon ab, ob Ungarn vom Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Union noch Kredite bekommt“, sagt Vecsey. Wird Ungarn der Kredit verwehrt, so würde der Forint ins Bodenlose fallen und dies würde aus mehreren Gründen einen Staatsbankrott zur Folge haben. Kann sich die ungarische Regierung mit dem IWF und der EU schlussendlich doch einigen, so ist der Forint vorerst stabilisiert, jedoch wohl auf einem niedrigen Niveau.

Schlechtes Gewissen brauchen die Shopping-Touristen nicht zu haben, wenn sie von der schwachen Währung des Nachbarn profitieren ­– denn die Geschäfte in der Grenzregion und ihre Mitarbeiter freuen sich gerade jetzt über jeden Kunden.

 

 

Von Réka Tercza und Philipp Tomsich (Fotos)

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