Biber Babyboom: Die Ehrfurcht, mein Busen und ich

22. Oktober 2018

UNSER 1. KIND: 

Das Leben der biber-Vizechefs Delna Antia und Amar Rajkovic, sowie der Chefkolumnistin Ivana Cucujkic hat sich seit der Geburt des ersten Kindes schlagartig verändert. Drei Geschichten über ergonomische Schnuller, Busenobsessionen und Babyphone als Militärinstrument.

Fotos: Marko Mestrovic

In dieser Folge lest ihr, wie Delna sich als Neu-Mama so schlägt.

Hier geht's zu Part 2 (Amar)

und hier zu Part 3 (Ivana) 


Babyboom
Foto: Marko Mestrović

 

von Delna Antia-Tatić

Mein Sohn ist 10 Monate alt, er trägt Schuhgröße 22, besitzt 7 Zähne und gerade besucht er mit seinem Vater einen „Pikler“-Krabbelkurs. Mein Sohn ist mein erstes Kind und ich könnte jede Seite dieses Bibers mit ihm füllen. Denn es gibt nichts Spannenderes auf der Welt als ihn. Bloß weiß ich nicht, ob euch das alles interessiert?

Etwa ob er heute Früh schon gekackt hat und wie viel, ob er gut gegessen hat und wie viel und ob ihm eh nicht kalt ist. Oder zu heiß? Ich könnte euch auch erzählen, dass er der größte Busenfreund ist und wir ihn Nuckelkönig nannten, dass er rasend wütend wird, wenn er etwas nicht will, aber muss (wie wickeln), und dass er am allerliebsten an Kinderwagenreifen lutscht. Zum Geburtstag wünscht er sich seine eigene Waschmaschine und in meiner Nase zu bohren beruhigt ihn. Mein Sohn hat mein Leben (und die Wohnung) auf den Kopf gestellt und ich liebe ihn einmal zum Himmel und zurück bis in die Unendlichkeit. Denn er ist der süßeste Sohn der Welt.

So, das zu ihm. Nun zu mir. Denn davon möchte ich erzählen, vom Mamasein. Es ist nämlich gar nicht so süß wie gedacht. Wusstet ihr, dass Babys nicht naturgemäß niedlich im Stubenwagen schlafen, während Mama rundherum alles schupft? Ich war überrascht – vor allem darüber, wie wenig ich schupfe. (Grenzenlos naiv hatte ich ja geplant, während meiner Karenz den Doktor zu machen. LOLLL!) Nun, dafür lerne ich anderes:

Die Ehrfurcht

„Das ist unser Sohn, kannst du es glauben?“. Mein Mann sagt oft diese Worte, meistens wenn Darian schläft. Dann schauen wir uns an und kichern selig berührt vor lauter Ehrfurcht über unser Wunder des Lebens. Verantwortlich zu sein, dass ein anderer Mensch lebt, gut und glücklich, ist die größte Aufgabe, die es gibt. Was dazu führt, dass ich in ständiger (Für-)Sorge bin und tendenziell angespannt. Selbst in Momenten scheinbarer Pause, etwa nachts, schrecke ich hoch und kontrolliere: Zugedeckt, warmer Nacken bzw. eh kein Fieber – und liegt er überhaupt noch im Bett? Tagsüber muss ich aufpassen, dass er nicht stürzt, Finger einklemmt, in Kabel beißt oder an Heizungsrohren nuckelt. Zwischendurch natürlich füttern, hoppern, wickeln und es ist wohl kein Wunder, dass ich auf die Frage „Wie geht es Dir?“ oft keine Antwort weiß. „Mir? Ich? Wer soll das bitteschön sein?“

Babyboom
Foto: Marko Mestrović

Die Dankbarkeit

Mein „Ich“ ist bescheiden geworden. Als ich etwa das erste Mal wieder auf dem Bauch einschlief, empfand ich ein geradezu berauschendes Glücksgefühl. Nicht nur die Schwangerschaft hatte mich daran gehindert, auch mein Baby. Es schlief nämlich selbst am liebsten auf meinem Bauch, bzw. die ersten acht Wochen ausschließlich dort. Ähnlich empfand ich damals tiefe Dankbarkeit, wenn ich mit geschlossener Tür aufs Klo gehen konnte oder „ganz normal“ am Tisch aß und nicht in meiner Sofastillecke (ich nannte sie Babyknast) gefüttert werden musste.

Überhaupt, essen, trinken, duschen, all das wird zum Luxusmoment, Haare waschen gleicht einem Wellnessprogramm. Selbst heute, Monate später und total erwachsen, ist jede U-Bahnfahrt, die ich alleine unternehme, ein Kurzurlaub. Einfach zu sitzen und ins Handy zu starren, ohne ständig in Habachtstellung zu sein: Ist er müde, ist ihm fad, weint er bitte nicht, weil ein Mann ihn anlächelt...

Die Wurschtigkeit

Andererseits, soll er doch! Babys weinen nun mal, sie schreien und brüllen. Mir wird dann zwar heiß, aber ich habe einen eingespielten Aktionsmodus: Ich singe laut das Benjamin Blümchen Lied, ich spiele enthusiastisch mit den Halteschlaufen der Wiener Linien (aus Kinderwagenperspektive wackeln sie wie tolle Mobiles), ich bugsiere das sich aufbäumende Kind in die Bauchtrage und schnaufe wie eine Lokomotive gleichmäßig wippend „Sch, sch, sch“. Und zur Not, wenn gar nichts mehr geht, dann pack ich aus: Brüste raus, kein Problem. Egal ob in der U-Bahn, beim Chef oder sonst wo, ich stille überall und in jeder Lebenssituation. Ob stehend, gehend oder im Auto: Ich kann jede einzelne ins Maxi-Cosi halten und andocken. Was die anderen sagen oder denken: Is mir wuarscht.

Der Busen

Womit wir beim Wichtigsten wären. Dem Busen. Ich hätte nie gedacht, dass meine Zwei jemals so eine prominenente Rolle spielen würden. Mein Busen ist Segen und Fluch zugleich. Einerseits bietet er griffbereit Essen, Trinken, Schnuller und Beruhigungsmittel in einem, andererseits wird ein Leben ohne ihn (d.h. ohne Mama) unmöglich. Vor allem nachts.

Seit 10 Monaten wünsche ich mir nichts mehr als eine Nacht – eine einzige Nacht Schlaf. Daher und wegen ausartender körperlicher Defzite will ich abstillen. Wenn dann Alarm geschlagen wird, kann endlich auch jemand ohne Busen – wie der Vater – die Schicht übernehmen. Bis dahin bin ich dankbar über drei Stunden, die ich am Stück schlafe. Aber es ist ja nicht nur der Schlafmangel:

Das Funktionieren

Ich knie auf dem Sofa. Zwischen den Zähnen klemmt mein T-Shirt. Mit einer Hand stütze ich mich auf, mit der anderen massiere ich meine rechte Brust. Unter mir schreit mein Sohn. Ich probiere sein Kinn in Richtung des roten Flecks auf meiner Brust zu positionieren. Dazu muss ich logisch denken: Wenn der Fleck innen unten ist, dann muss es wie herum liegen? Ich hantiere mit dem schreienden Baby herum. Ich lege es vertikal, dann horizontal, dann knie ich mich in die andere Richtung horizontal. Draußen schneeregnet es. Mein Mann

ist auf Dienstreise. Ich habe Durst, ich habe Hunger und ich habe Milchstau. Irgendwann klappt es. Mein Sohn trinkt, ich massiere den Knoten. Die Milch fließt und eine Träne tropft. Körperlich schwach zu sein, fühlt sich mit Baby schlimmer an als je zuvor. Denn ich muss doch stark sein, stark wie nie zuvor.

Babyboom
Foto: Marko Mestrović

Die Oma

Nicht nur in solchen Momenten vermisse ich meine Eltern, ja meine Familie in Deutschland. Ich wünschte, sie würden um die Ecke wohnen, wenigstens in der gleichen Stadt, ich wünschte, ich könnte anrufen und fragen: Mama, Papa, könnt ihr kommen? Ich brauche gerade Beistand oder Milchreis, oder ich muss zum Frauenarzt. Zwar habe ich eine liebe Schwiegermutter, die extra aus Wöllersdorf anreist, wenn mein Mann eine Woche weg ist, aber logischerweise ist das nicht das Gleiche.

Daher lautet meine oberste Babybekommlektion: Habe eine Oma in Petto, am besten sogar zwei. Eine, die dir das Baby abnimmt, damit du Fußnägel schneiden oder schlummern kannst, die andere um dir warme Pasta zu kochen. So haben wir Urlaub gemacht und es war herrlich. Mein Mann und ich waren nämlich GEMEINSAM im Wasser und ich habe ein komplettes Buch gelesen. Apropos Mann: Über den bin ich am allerdankbarsten. Sobald er kann, bindet er sich das Baby um den Bauch, spaziert los und schenkt mir Pausen.

Die Sehnsucht

Die Ironie ist allerdings: Sobald ich „endlich“ ohne Baby bin und entspannen könnte (oder aufräumen), werde ich unruhig. Dann schaue ich mir Fotos und Videos von ihm an. Dieses Mamasein mag unfassbar anstrengend sein, aber wenn mein Sohn lacht, ist alles vergessen – sein Glucksen ist das Öl für meine Muttermaschine. Ich bin selig dankbar, dass Darian auf der Welt ist.

 

 


 

 

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