Burn-Out mit 16

08. Juni 2020
Angststörung, Sucht, Depression: Schulischer Druck, elterlicher Ehrgeiz und das permanente Gefühl, nie gut genug zu sein, führen zu Stressbelastungen in der Generation Instagram. Die Folge: Burn-out mit 16 – und jünger. „Corona“ verschärft die Situation, doch Therapieplätze auf Kasse sind Mangelware.
 
Von Anna Egger und Delna Antia-Tatić, Fotos: Tina Herzl

"Geh weg“, sagt sie, „Bitte.“ Sie wagt es nicht, aufzuschauen, will nicht das besorgte Gesicht ihres Vaters sehen, will überhaupt niemanden sehen. Kaum schließt er die Tür ihres Zimmers, versiegen die Tränen. „Alle schienen zu funktionieren, meine Eltern, meine Freunde, die ganze Welt – nur ich schaffte es nicht.“ Sie schließt sich ein, über Wochen. „Ich fühlte mich wie eine Versagerin, der man ihr Nichtstun vorhält,“ erzählt Daniela über ihren dunklen Winter 2020.

Dabei tut Daniela* nicht nichts – ganz im Gegenteil. Die ehrgeizige Schülerin sitzt nach der Schule meist bis Mitternacht an ihren Hausübungen. Am Wochenende arbeitet sie als Kellnerin. Einfach Abhängen? Dazu hat sie keine Zeit. Ihr Leben besteht aus Schule, Hausübungen, Arbeit und schlafen. Im Dezember 2019 erleidet die 18-Jährige dann ein schweres Burn-out. Sobald sie jemanden sieht, ob Lehrpersonen, ihre Eltern, ja sogar Passanten auf der Straße, gerät sie in Panik und weint unkontrolliert. „Ich habe die Wochen davor krampfhaft versucht, mich zusammenzureißen und zu lächeln. Dabei habe ich mir eigentlich überlegt, wie ich diesen Stift, diese Gabel, dieses Kabel benützen könnte, um mich umzubringen. Wie hoch müsste dieses Gebäude sein? Überlebe ich einen Sturz aus dem 6. Stock? Irgendwann konnte ich das nicht mehr überspielen.“ Schon zwei Jahre zuvor hat die AHS-Schülerin ein Burn-out erlebt, jedoch harmloser. „Ich war sechzehn, als mich das erste Mal Selbstmordgedanken aufsuchten. Aber damals habe ich mir gedacht, Daniela, du denkst Blödsinn. Im Winter 19/20 wurde Selbstmord dann mein ständiger Plan B.“ Ihr Zustand verbessert sich zunächst, als sie anfängt, weniger zu unternehmen. Sie trifft sich nicht mehr mit Freundinnen, geht nicht feiern, hört auf, neben der Schule zu arbeiten und auch ihren Boxsport gibt sie auf. Alles, um mehr Zeit für sich zu haben. Aber sie bleibt eine ehrgeizige Schülerin. „Ein Dreier hätte mich gestört, weil ich weiß, dass ich das besser kann. Dieses Gefühl, ständig gute Leistung erbringen zu müssen, hat sich in meinem Tun gespiegelt: Zuerst kam die Arbeit, dann die Pause.“ Aber was, wenn auf die Arbeit Arbeit folgt? Und es ein Leben ohne Pause wird?

Vielen Jugendlichen in Österreich geht es wie Daniela. Sie erleben einen Druck, der krank macht. Ob durch die Schule, durch leistungsorientierte Eltern oder durch Social Media – oder alles zusammen. Nie gut, schön, cool genug zu sein und immer etwas korrigieren zu müssen, das erfahren die meisten schon vor der Pubertät. Ihr Terminkalender ist voll, das Handy leuchtet nonstop, die Schule zu meistern ist ein 40-Stunden-Job. Dass die Erschöpfungskrankheit „Burn-out“ daher schon längst in den Klassenzimmern unserer Gesellschaft Fuß gefasst hat, wundert nicht. Und nun auch noch Corona. Auch wenn die Medien voll sind mit Berichten von überforderten und überlasteten Eltern, oft ergeht es ihren Kindern nicht anders. In den Zoom-Redaktionssitzungen für diese biber-Newcomer-Ausgabe tauschen sich 12- bis 18-jährige Mädchen und Buben nicht nur über die Herausforderungen von E-Schooling aus, sondern über ihre To-Do-Listen daheim: darüber, wie sie jüngeren Geschwistern bei den Schulübungen helfen, wie sie im Haushalt eingespannt sind und wie ihre Eltern ihnen jede Pause als „Nichtstun“ vorhalten. Es wundert nicht, dass solch „Manager“-Workload gepaart mit hohem Selbstanspruch für die Generation „Selfie“ sehr ungesund werden kann. Dazu belasten Schönheitsideale und Fitnessansprüche.

DRUCK VON AUSSEN UND INNEN

„Eine neue Nase als Wunsch zur bestandenen Matura – ist alles schon vorgekommen! Der Trend unserer Gesellschaft ist die Korrektur.“ Romana Wiesinger ist Psychotherapeutin und behandelt seit Jahren Jugendliche in ihren Praxen in Wien und Niederösterreich. Ihre Klienten sind meist zwischen 14 und 27 Jahre alt, wenn sie mit Symptomen von Burn-out zu ihr kommen. „Aber sie werden jünger! Der Druck unserer Gesellschaft ist bereits in der Volksschule angekommen.“ Und Druck ist es, der Kindern und Jugendlichen immer mehr und immer früher zu schaffen macht. Burn-out gibt es in der Therapie zwar nicht als Diagnose, aber dass die Symptome der Betroffenen wie Angststörungen, Sucht, Essstörungen und Selbstmordgedanken auch durch zu viel Belastung ausgelöst werden, beobachtet Wiesinger. „Burn-out heißt, ausgebrannt zu sein – durch zu viel Druck von außen und innen. Das System kippt, wenn die permanente Überbelastung dazu führt, dass sich Kinder und Jugendliche nie genug fühlen.“ Sie fühlen sich nicht hip genug auf Social Media und nicht klug genug in der Schule. Wiesinger bemerkt dieses Gefühl schon bei Volksschulkindern. Wenn den Eltern ein Dreier nicht genug ist, wenn es unbedingt das Gymnasium sein muss, wenn schon Neunjährige das Gefühl bekommen, zu versagen und mit Nachhilfe eingequetscht werden. „Warum ist der Tischler weniger wert als der Anwalt?“, fragt die Therapeutin. Sie erlebt, dass die Schule, aber auch die Eltern eine große Rolle dabei spielen – nach dem Motto: „Keine Matura – was ist man dann?“. In ihrer Therapie arbeitet sie daher vor allem am Selbstwert der Jugendlichen und dass sie wieder lernen, Ruhephasen in ihr Leben zu integrieren. Gerade wenn es um Sucht geht, alles dient letztlich dazu, eine innere Leere zu füllen. Genau darum geht es Daniela, als sie im Jänner 2020 das erste Mal in Therapie geht. Eine Psychologin diagnostiziert ihr eine wiederkehrende, depressive Störung. Zur Therapie hat die Mutter sie überredet, die sich um ihre dauer-blasse und dünnerwerdende Tochter sorgt. Auf Empfehlung besorgt sie ihr Johanniskraut. „Nach zwei Wochen haben die Therapie und Kapseln angefangen zu wirken. Zwar kam es zu Rückfällen, aber diese Leere, die von innen heraus auffrisst, ist immer kleiner geworden. Ich habe die anderen nicht mehr nur dabei beobachtet, wie sie lachen, Small-Talk führen oder Zukunftspläne schmieden, ich habe auch selber wieder mitgeredet und mitgelacht.“

Burn-Out Selfie
Tina Herzl

FALSCHE SCHULE MACHT KRANK

Kann Schule also so krank machen, dass sich selbst gute Schülerinnen und Schüler als Versager fühlen? Ja, nickt die 18-jährige Aurora*. Die AHS-Absolventin trägt dezentes Makeup und ein weißes Top, das eine Spur zu locker sitzt, während sie von einem ihrer letzten Zusammenbrüche erzählt. Wenn es ihr schlecht geht, höre sie auf zu essen. Dieses Jahr war das mindestens eine Woche im Monat der Fall. „In der Unterstufe habe ich das Lernen noch geliebt. Irgendwann in der Oberstufe hat das aufgehört.“ Da hat es dann angefangen, zuerst mit leichten Depressionen, später dann mit stärkeren. Vor allem um die Schularbeitsphasen herum wurde es schlimm. „Andauernd wird man abgeprüft, bewertet. Es geht gar nicht mehr wirklich um den Stoff, sondern darum, wie gut man ihn abrufen kann. Im Schulsystem verlieren die Inhalte ihre Substanz.“ Dabei hatte Aurora mit dem Stoff selbst nie ein Problem. Es ist die Art, wie er vermittelt wird, die sie überfordert. Das hat Folgen. Aurora fühlt sich dauerhaft erschöpft, gestresst, schläft viel nach dem Unterricht. Immer wieder gerät sie in eine Abwärtsspirale. „Es braucht irgendwann nur 
mehr etwas Kleines, dass es draußen kälter wird oder dass ich die Schlüssel vergessen habe, und ich breche zusammen.“ In der 8. Klasse war es besonders schlimm. Sie erzählt, wie sie eine ganze Nacht an ihrem Graphic Novel gearbeitet hatte. Zuerst fein mit Bleistift, dann mit Wasserfarben, abschließend mit Fineliner. Nicht gut genug, urteilte die Lehrerin. Aurora verschwand daraufhin auf dem Klo, ihre Hände zitterten, sie weinte – vor Frust. Doch die Lehrerin fand nur wenig Verständnis. „Manche Lehrer sind völlig weltfremd und überhaupt nicht empathisch.“
 
Dass Lehrern zum Teil die Empathie fehlt, bestätigt auch Nadja*. „Schüler und Schülerinnen können keine Burn-outs oder Depressionen kriegen“, habe einmal ein Lehrer behauptet. Bei der 18-Jährigen wurde vor einem Jahr eine Borderline-Störung diagnostiziert. Das erklärt ihre Depressionen, ihren Selbsthass und die Selbstverletzung, mit denen sie seitdem sie vierzehn ist zu kämpfen hat. Seit einer Überdosis mit Antidepressiva im letzten Oktober lässt sie sich stationär behandeln. Es schüttet, als die Schülerin mit den kurzen, blondgefärbten Haaren unter dem Vordach des Anmeldecontainers vom Krankenhaus davon erzählt, wie unaufgeklärt und falsch informiert manche Lehrer über psychische Krankheiten sind. „Es kommen so Aussagen wie, ‚Jeder ist mal traurig‘ oder ‚Stell dich nicht so an‘. Vieles wird auch einfach auf die Pubertät geschoben. Nicht nur Depressionen, auch gewisse Meinungen. Jugendliche werden einfach nicht ernstgenommen.“ Wirklich ernst nimmt man Nadjas Symptome erst seit der Diagnose. Trotzdem, ihr Vater, den sie selten sieht, ist weiterhin überzeugt, dass sie in Wahrheit nur an einem Vitaminmangel leidet. Nadja ist dankbar für die professionelle Hilfe, die sie nun durch staatliche Unterstützung bekommt. Im Juli wird ihr im Rahmen von betreutem Wohnen eine eigene Wohnung zur Verfügung gestellt. Sie lächelt erstmals.
 
 
PATCHWORK -KEINE SICHERHEIT DAHEIM

Schulischer Druck spiele sicher eine große Rolle, bestätigt die Psychotherapeutin Wiesinger, aber auch ein instabiles Zuhause belaste ihre jungen Klienten zunehmend. „Der Trend der Patchworkfamilie und die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche dadurch oft zwei „Zuhause“, zwei Familien und Elternpaare haben, birgt nicht nur zusätzlichen Stress, sondern verunsichert. Sie verlieren die Sicherheit und, was Beziehungen betrifft, die Vorbilder.“ Dadurch falle es Jugendlichen auch immer schwerer, sich auf Beziehungen einzulassen. Positiv beobachtet die Therapeutin allerdings, dass Psychotherapie viel weniger als früher ein Tabu ist für Jugendliche. Einige 14- bis 17-Jährige melden sich sogar ganz von selbst bei ihr. „Auch Lehrer und Schulärzte sind durchaus aufgeschlossen für psychische Erkrankungen, aber leider ist das ganze System Schule völlig überlastet. Vor allem die Lehrer!“, so Wiesinger. Daher sind es dann doch meistens die Mütter, die anrufen. Weil sie Anzeichen bemerken, etwa weil bei der Tochter plötzlich die schulischen Leistungen abfallen oder weil der Sohn sich jedes Wochenende ins Koma säuft. Denn Burschen sind genauso betroffen, auch wenn in diesem Artikel nur Mädchen zu Wort kommen. Rund 35 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Österreich haben laut einer Studie der Universität Wien und des Ludwig Boltzmann Instituts eine hohe Wahrscheinlichkeit, zumindest einmal im Leben psychisch zu erkranken. Wenn Eltern jedoch nicht reagieren und vor allem nicht aufgeschlossen für Therapie sind, ist das schlecht für die betroffenen Kinder und Jugendlichen. Gerade in bildungsfernen Haushalten sei das der Fall, so Wiesinger. Aber auch kulturelle Gründe können eine Rolle spielen, wie die biber-Geschichte „Schrei nach Therapie“ thematisiert. In vielen Familien mit Migrationshintergrund sind psychische Erkrankung ein großes Tabu. Oder wenn einfach das Geld dafür fehlt.

Amra*, mittlerweile eine 21-jährige Studentin, kennt dieses Problem: Therapeutische Hilfe kostet. Mit 16 Jahren hat sie sich die meisten Stunden zur Behandlung ihrer Angststörung selber gezahlt. Herzrasen und Schwindel im Angesicht von beängstigenden Nachrichten oder Lerninhalten über Krieg: Ihre Eltern sind der Meinung, dass sie übertreibt und dass Amra ihre Angstanfälle, die sie damals täglich plagen, selbstständig überwinden soll. Die finanzielle Unterstützung fehlt und ihr eigenes Geld reicht selten für zweimal im Monat. „Therapiestunden sollten zugänglicher und leistbarer werden, vor allem für Jugendliche“, fordert sie deshalb. „Außerdem sollten Schüler bereits im Unterricht lernen, dass ihr psychisches Wohlbefinden wichtig ist und wie sie mit Stresssituationen umgehen können.“ Ohne Behandlung, betont auch Therapeutin Wiesinger, können Ängste sich ausweiten. „Deshalb ist es so wichtig, die Kassenplätze aufzustocken – sowohl die psychotherapeutischen als auch die psychiatrischen.“ Denn die Tarife vieler privat behandelnder Psychiater sind kaum leistbar: Zwischen 140 und 200€ kostet ein Erstgespräch von einer Stunde, danach etwas weniger, weil nur mehr 30 Minuten lang behandelt wird. Psychotherapiestunden kosten um die 100 €, wovon man als Krankenkassenzuschuss 28 € jeder Therapieeinheit zurückerstattet bekommt. Eine wirkungsvolle, regelmäßige Therapie geht meist über den Zeitraum eines Jahres.

Burnout
Foto: Tina Herzl
CORONA KANN TRAUMATISIEREN
 
Der Bedarf an Kassenplätzen wird durch „Corona“ noch verschärft. Der Lockdown und seine Folgen treffen Kinder und Jugendliche besonders hart. Plötzlich daheim „eingesperrt“ zu sein, ohne Zufluchtsorte wie Freunde oder die Schule, dazu die permanente Ungewissheit, wie es weitergeht, und das steigende Konfliktpotenzial zuhause. Und zu all dem schulischer Druck. So kritisiert Stefan T. Hopmann, Professor für Bildungswissenschaften an der Universität Wien, schon Ende März in einem Gastbeitrag in „Die Furche“:  Die politische Konzentration auf Bildungsversäumnisse bei Schülern würde in keinem Verhältnis zu der Wichtigkeit stehen, Kinder und Jugendliche während der Krise psychisch und physisch gesund zu halten. „Selbst in Familien, die vom Schlimmsten verschont sind, machen die Kinder und Jugendlichen eine oft traumatische Erfahrung, in der ihr Vertrauen in Gott und die Welt, in ihre Eltern und in ihre eigene Zukunft nachhaltig gestört wird.“ Er betont, dass unter solch Katastrophenbedingungen wie dieser Pandemie ein normales Lernen nur eingeschränkt möglich ist. Zudem belastet der Wegfall der Freunde. Denn soziale Kontakte zu pflegen gehört bei Kindern und Jugendlichen zum Grundbedürfnis. Bei Nadja verstärkte sich in der Quarantäne ihre Depression – durch die ständigen Streitereien mit ihrer Mutter und weil das Mädchen mit der Borderline-Störung nicht wie sonst auf ihr Support-System zurückgreifen konnte, wie sie das stützende Netz ihrer Freundinnen bezeichnet.
 
Aber eben auch nicht psychisch vorbelastete Kinder und Jugendliche sind durch die Pandemie nun anfällig. „Die Angst nimmt allgemein zu“, bestätigt Birgit Satke, Leiterin von „Rat auf Draht“ in einem Interview. Die Buben und Mädchen, die sich bei Österreichs Notruf für Kinder und Jugendliche melden, sind im Durchschnitt elf bis sechzehn Jahre alt. Um 30 bis 35 Prozent haben ihre Anrufe bereits Mitte April zugenommen, 250 bis 300 Beratungsgespräche wurden täglich geführt. Alle anonym. Einige Jugendliche flüstern, weil sie nicht ungestört reden können, oder wählen die Chat-Funktion. Die Eltern sollen nicht wissen, dass sie sich melden. „Zugleich übertragen sich die Ängste der Eltern um Jobverlust, um Existenz und die Zukunft auf die Kinder.“ Auch beobachtet Satke eine Zunahme von familiären Konflikten und Gewalt. Gerade die psychische Gewalt an Kindern und Jugendlichen habe in der Quarantäne zugenommen. „Es wurde mehr geschrien und erniedrigt“, berichtet sie über die Gespräche. Welche Folgen das haben wird, werden wir alle erst später sehen. „Es ist ja nicht so, dass alles mit den Lockerungen prompt besser wird. Im Gegenteil: Folgewirkungen merkt man oft erst viel später.“ Das können psychosomatische Erscheinungen sein, Rückzug und Abfall von schulischen Leistungen.
 
Die WHO warnt vor steigender psychischer Belastung durch die Corona-Auswirkungen. Doch schon vor der Krise fehlen österreichweit tausende kassenfinanzierte Therapieplätze für Kinder und Jugendliche, und die Wartezeit beträgt oft mehrere Monate. Auch was die psychiatrische Behandlung betrifft sind Kassenplätze Mangelware. Psychiater unterscheiden sich von Therapeuten vor allem dadurch, dass sie aufgrund ihres Ärztestatus Medikamente verschreiben können. Was in schweren Fällen wichtig ist. Doch in manchen Bundesländern gibt es nach wie vor keinen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit Kassenvertrag. Auch in Wien stehen den etwa 350.000 Kindern nur sechs Kinder- und Jugendpsychiater mit Kassenvertrag zur Verfügung – nötig wären aber laut unabhängiger Gesundheitsexperten bis zu 30, so Johannes Steinhart, Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte und Vizepräsident der Ärztekammer für Wien. Im Februar diesen Jahres lehnte die Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) eine Aufstockung um nur fünf weitere Kassenordinationen einfach ab. „Eine Katastrophe“, so Steinhart. Seit Jahren weist die Ärztekammer auf die Unterversorgung der Wiener Kinder und Jugendlichen in diesem medizinischen Fachgebiet hin. Bestätigt wird der Warnruf sowohl von Gesundheitsexperten als auch vom Stadtrechnungshof, vom Leiter des Psychosozialen Diensts der Stadt Wien und auch vom Gesundheitsstadtrat selbst, heißt es dazu in der APA-Aussendung von Februar diesen Jahres. Steinhart kritisiert hier, dass letztendlich auf Kosten der jüngsten und ärmsten Patientinnen und Patienten versucht würde, das durch die Kassenfusion verursachte Defizit mit Einsparungen bei der Gesundheitsversorgung zu reduzieren.
 
Trotzdem, Wien tut etwas. So wurde im Februar 2020 das neue kinder- und jugendpsychiatrische Ambulatorium in Hietzing eröffnet, ein Baustein im Rahmen des psychiatrischen und psychosomatischen Versorgungsplans Wien: „Bis 2030 wird es, zusätzlich zu einem noch weiter ausgebauten stationären Angebot, sechs spezialisierte Ambulatorien für Kinder- und Jugendpsychiatrie in ganz Wien geben“, so der Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien, Ewald Lochner. Doch bevor Kinder und Jugendliche im Spital landen, sollte an der Prävention gearbeitet werden – auch aus Kostengründen. Die Therapeutin Romana Wiesinger rechnet vor, wie viel Psychotherapiestunden sich für das Tagesgeld im Spital ausgehen würden. Immerhin koste ein Bett im Spital am Tag bis zu 4000 Euro, so Wiesinger. Daher sorgte Gesundheitsminister Rudolf Anschober für große Hoffnung, als er Mitte Mai den generellen Ausbau von Psychotherapieplätzen in Aussicht stellte. Das Ziel sei, Psychotherapie auf Krankenschein zu verschreiben. Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie zeigte sich darüber sehr erfreut und versprach Unterstützung durch Expertise. Dass in Anschobers Amtszeit die psychische Gesundheit eine wesentlich stärkere Rolle spielen wird, mag auch an persönlicher Erfahrung auf diesem Gebiet liegen. Der Politiker erlitt 2012, mit Mitte 50, ein Burn-out. Er verweist in der Öffentlichkeit darauf, dass Burn-out eine hartnäckige Erkrankung und dem Ausbruch ein mehrjähriger Prozess vorangegangen sei.

 

BITTE ERNSTNEHMEN!
 
Bei Politikern oder Managern mag eine Stressüberlastung heutztage nicht mehr verwundern, bei 16-jährigen Schülern schockiert es. Aber genau das erleben immer mehr Ärzte und Therapeuten. Der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort schreibt in seinem Buch „Die Burnout-Kids“, wie das Prinzip Leistung die Kinder unserer Gesellschaft zunemend überfordert. Gleichzeitig warnt er vor einem effekthascherischen Umgang mit dem Begriff. Auch Wiesinger betont: „Schnell werden Begriffe zu Modeerscheinungen. Doch nicht jede Müdigkeit ist ein Burn-out, genauso wenig wie nicht jede Unruhe gleich ADHS bedeutet oder nicht jede Beleidigung gleich Mobbing ist.“ Zudem sind am „Ausbrennen“ der Jugendlichen nicht per se unsensible Lehrer und förderwütige Eltern schuld – sondern die Ursache ist komplexer und liegt viel an unser aller Werte. Für die Therapeutin gilt daher: „Ernstnehmen!“ Wenn Kinder und Jugendliche Anzeichen zeigen, dann ist ihr Appell an die Erwachsenen: „Nehmt sie ernst! Kinder und Jugendliche haben tatsächlich Probleme.“ Kleinreden macht es nur schlimmer. Außerdem leben Erwachsene oft „ungesunde“ Werte vor: Wenn sie selbst ständig am Handy sind, ungesunden Schönheitsidealen hinterher fiebern und ihre Terminkalender zum Bersten voll sind, dann beeinflusst all das ihre Kinder. „Es kommt einfach keiner mehr runter!“ sagt sie. So war die Corona-Situation für manche auch ein Geschenk. Wie für die beiden Mädchen Daniela und Aurora. Befreit vom schulischen Ballast erlebten sie eine heilende Auszeit in der Quarantäne. Und auf einmal taten sie etwas, das sie jahrelang nicht mehr gemacht hatten: Nichts. 
 
*Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.
 
 
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