Clash of Generations

30. Oktober 2018

Was Frau bewegt

Zeig mir dein Insta-Profil und ich sag dir, wer du bist. Und wie alt! Stimmt diese Logik? Hängt unsere Posting-Persönlichkeit von unserer Generation ab? 1 Tag, 1 Auto,1 Thema – und 4 Frauen, die losfahren, den Kopf freikriegen, ordentlich PS genießen und sich austauschen darüber, was Frau bewegt. Diesmal: Mutter vs. Tochter auf Social Media.

Von Delna Antia-Tatić und Julie Brass (Fotos)


haha
Foto: Julie Brass

Wir Alten checken es langsam. Wer erfolgreich sein will, im Beruf oder sonst wo, der sollte sich auf Social Media zum Besten geben. Bescheidenheit bringt nämlich keine Follower. Da kann man sich auf den Kopf stellen und an die Stirn greifen, man kann sich die Haare raufen und die Augen verdrehen, selbst wegschauen und belächeln, es hilft ja letztlich alles nichts – irgendwann holt uns die Matrix ein. Seufz. Außer, man hat 435 PS. Da kann man dem Blödsinn einfach davonfahren. In 4,4 Sekunden von 0 auf 100. Follower kriegt man automatisch, nämlich alle, die hinterherschauen. Wir sitzen zu viert in unserem diamantweißen E-Coupe 53 4MATIC AMG und reißen die Augen auf. Dieses Auto ist leider geil. Von Bescheidenheit kann keine Rede sein. Hier hat Luxus die Gestalt eines Sportwagens – mit Sinn für schönes Herbstwetter. Das Panoramaglasdach über unseren Köpfen ist so riesig wie himmlisch. Und das ist unser Ziel auch: Wir fahren los, zum „Himmel“ von Wien und lassen die Sonne rein. Auf dem Gürtel holt uns die Realität ein. Stau. Die Mittdreißigerin im Auto – das bin ich – scrollt resigniert über ihren Instafeed. „Ich bin jetzt offiziell dabei“, verkünde ich. Das bedeutet, ich schäme mich nicht mehr vor meinem Mann und meinen Freundinnen, wenn ich etwas poste, womöglich sogar ein (schönes) Foto von mir. Diese Hemmung – ich blicke in den Rückspiegel - liegt sie am Alter, der Generation, dem Charakter oder daran, dass ich Protestantin bin?

haha
Julie Brass

DIE PEINLICHKEIT

Niely lacht. „Vielleicht. Ich bin auch Protestantin und mir ist es in der Tat peinlich.“ Die 47-Jährige Designerin von Brautkleidern und Kopfschmuck hat sich letztes Jahr intensiv mit der Bloggerszene auseinandergesetzt, aus beruflichen Gründen. Danach war ihr schlecht. Die erfolgreiche Unternehmerin spürte, dass sie die Präsenz auf Social Media braucht, weil klassische PR und Magazinwerbung längst nicht mehr so wirkungsvoll sind. Aber auf Instagram plötzlich einen auf Bloggerin zu machen, funktionierte auch nicht. „Ich habe Schwierigkeiten, mich persönlich einzubringen, auch wenn ich glaube, dass es nützlich wäre. Und ein schönes Produktfoto allein reicht nicht.“ Also suchte sie Expertenrat, flog nach Portugal und traf eine ihr über Ecken bekannte Star-Bloggerin. Sie wollte nicht nur das Medium als Businesstool begreifen, sondern auch die Mentalität dahinter. „Ich musste eine Bloggerin vor mir haben, ich musste verstehen, wie sie tickt und ich musste fragen, ob ihr das nicht peinlich ist.“ Damit meint sie die bloggertypische Dokumentation von banalen Alltagssituationen: Kühlschrank öffnen und OMG, sich fragen, was man kochen soll. Niely schüttelt entgeistert den Kopf. „Nachdem ich mit ihr gesessen bin, war ich wirklich deprimiert. Ich bin dafür zu alt!“ Ist das Insta-Gen also eine Generationenfrage? Ich blicke zu Nielys Tochter. Carmen ist 17 Jahre alt. Doch sie zuckt die Achseln. „Das letzte Foto habe ich vor zwei Monaten gepostet.“ Carmen betont, dass sie nicht stellvertretend für eine Generation sprechen kann und dass es ja auch wirklich tollen „Content“ gibt, aber wie ihre Mutter findet sie Bloggertypisches oft peinlich. Selfies und Strandfotos – „die womöglich auch noch bearbeitet sind!“ – oder den Hinweis „Check out my new post“. Das bewirkt bei ihr das Gegenteil: Sie schaut es sich nicht an. Die Schülerin der Graphischen ist sehr selektiv, wem sie folgt, und sehr exklusiv, wer ihr folgen darf. „Ich poste fast gar nichts und schon gar nichts Privates.“ Die junge Frau möchte nicht, dass jemand jetzt oder in Zukunft ihren Namen eingibt und alles über sie erfährt. Aber das sei nicht unbedingt typisch für ihre Generation. Sie hat auch Freundinnen, die die Bestätigung von Männern in den Kanälen suchen. Bestätigung suchen wir gerade nicht, sondern eine Allee. Wir sind nämlich da und wollen shooten. Die Männer kommen von allein, inzwischen der dritte Wagen, der anhält. Hach, nerv, typisch. Frauen und AMG-Leichtmetallräder, ein ewiges Klischee. Dabei ist es ein Familienshooting. „Wollt ihr keinen Mama-Tochter-Blog gründen!?“ Das Potenzial der beiden ist offensichtlich, geradezu ein Flash of Generations! Die brasilianische Muttereleganz mit der austro-brasilianischen Matrixtochter, ich sehe den Kanal schon vor mir. „Nein, zu peinlich“, Carmen schüttelt den Kopf. Ach ja, die Peinlichkeit. Trotzdem hat sie zwei Kanäle. Einen privaten für Freunde (und leider nicht die Mama!) und einen offiziellen als eine Art Portfolio: „Wenn jemand fragt, was ich so mache, schicke ich mein Insta-Profil.“

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Julie Brass

ICH AUF INSTA

Die Mama nickt. „Es ist keine Generationenfrage, es ist eine Frage der Zeit.“ So könnten selbst ihre Bekannten und Freunde, also Leute in ihrem Alter, nichts mehr tun, ohne es zu posten. Das nervt Niely ebenso wie die „Egoblogger und ihre Allüren“. Durch das Braut-Business ist Niely mit vielen in Kontakt und diagnostiziert ab 10.000 Followern eine Art „Machtgefühl“. Apropos Allüren und Machtgefühl: Jede Bloggerin hätte eine wahre Freude an unserem Auto. Man kann nicht nur die Farben der Interieurbeleuchtung individuell einstellen, sondern auch die Beduftung (!), man kann sich nach einem anstrengenden Selfie-Shooting massieren lassen und in Sachen Machtgefühl muss man bei dem EQ Boost Motor wohl nicht lang reden. Wir wollen reden, daher setzen wir uns zu Apfelkuchen mit Kakao hin. „Eigentlich liebe ich Social Media“, gesteht Mama Niely dabei. „Ich bin eine Ausländerin von der anderen Seite des Ozeans und noch weiter – es ist meine Brücke zur Heimat.“ Als Privatperson postet und kommentiert sie leidenschaftlich gern. Tochter Carmen grinst. „Ich bin ihr Gegenteil! Die Kommentarfunktion habe ich sogar abgestellt.“ So ist das eben: Irgendwo ist es auch eine Charaktersache. Die Mama ist halt der Typ, der die Pferde begrüßt, wenn sie vorbeikommt. (Brasilianisches Sprichwort) Wie läuft denn das Geschäft nun durch Social Media? „Ich verkaufe in der Tat besser, seitdem ich auf Instagram bin.“ Niely hat nach dem ersten Schock drei junge Frauen engagiert, die ihr bei ihrem Kanal helfen. „Sie pushen mich, dass ich mein „Ich“ mehr einbringe.“ Aber leicht fällt es ihr nicht. Wie das Kommentieren auf anderen Kanälen, das sogenannte „Engagement“, das für die Reichweite eines Insta-Channels so wichtig ist. „Ich muss vier Wörter schreiben – aber es gibt manchmal einfach keine vier Wörter, um diesen Blödsinn zu loben!“ Wir lachen. Dafür fallen uns sofort vier Wörter ein, um unser Engagement mit dem E-Coupe auszudrücken: Ja, wir wollen ihn. „Es ist nicht nur Blödsinn!“ Carmen bricht nochmal eine Lanze für den Zeitgeist: Es hat auch viel Gutes. Trends für ein bewussteres Leben oder etwa der einst verstaubte Feminismus erfuhren plötzlich eine ungeahnte Breitenwirkung. Das ist in der Tat gut. Wir Alten nicken einsichtig. Die Jugend hat recht. Wollen wir uns mal nicht wie grantige Wiener Omis geben. Also Massagefunktion an, Sonnenbrillen rauf und im Sportmodus wieder runter auf die Erde.

 

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