Das Geld liegt auf der Straße

08. Oktober 2014

Maler, Ticketverkäufer, Bettler sie gehören zum Wiener Stadtbild wie Schönbrunn und die Oper. Sie haben alle möglichen Straßen- und Marktnischen gefüllt und leben vom Geld, das Passanten ihnen freiwillig geben.

 

Von Aleksandra Kozbunarova und Christoph Liebentritt (Fotos)

 

Straßenarbeiter: Sie spielen Klavier mit einer Pferdemaske über dem Gesicht, strecken die Hand nach Münzen aus oder malen Portraits von Touristen. Sie sind auf den guten Willen der Passanten und Behörden angewiesen und verdienen ihr Brot direkt auf offener Straße. Oft sind sie mit ähnlichen Hindernissen im Arbeitsalltag konfrontiert wie wir: Mangelnde, unfaire oder interpretationsflexible behördliche Regulierungen, Vorurteile und Abhängigkeit fremder Launen. So schlecht geht es ihnen aber nicht, sagen sie. biber ist in die Welt der Wiener Straßenarbeiter getaucht:

 

 

Amir schwatzt Konzertkarten auf

Unter der Nummer Fünf auf der Facebook-Seite „1000 things not to do in Vienna“ sind sie mit „So einem Mozarttypen eine Konzertkarte abkaufen“ markiert. Sie gehen jedem Wiener täglich auf die Nerven, verwirren die Touristen und die Wirtschaftskammer duldet sie kaum. Gleichzeitig werden sie nicht fix bezahlt und sind deswegen gezwungen, aggressiver an Passanten heranzugehen.

Einer dieser Mozarttypen wollte als Kind Arzt werden, hat stattdessen Zugfahren gelernt. Heute versucht Amir zwischen sechs und zehn Stunden am Tag Konzerttickets Touristen anzudrehen. Obwohl er nur eine Provision von den verkauften Tickets bekommt, kann er sich eine kleine Singlewohnung und ein normales Leben leisten.

Der Arbeitstag von Amir fängt mit einem anständigen Frühstück und Positivismus an. Auch Probleme sieht er als Lektion: Wiener Winter kann man mit fünf Pullovern und Plastiksäcken an den Füßen teilweise durchhalten. „Jeder Morgen bringt ein Geheimnis mit sich, den Tag hast du dann, um es zu erraten“, sagt der Hobby-Philosoph. 

„Auf der Straße“, wie sein Arbeitsplatz genannt wird, muss man mehrere Sprachen beherrschen. So bedient er sich Serbisch und Arabisch als seine Mutter- beziehungsweise Vatersprache und spricht zusätzlich noch Englisch, Russisch und seit kurzem Deutsch. „Vom Beobachten der Menschen lernt man extrem viel.“ Zudem kann er blitzschnell ihr Herkunftsland erraten. Die nettesten Touristen seien übrigens die Japaner, gefolgt von den Holländern und den Schweizern. 

 

Stumme Rumänen

Es ist schwer die kleine Pantomimen-Truppe zu entdecken. Sie verstecken sich hinter Passanten, schmuggeln sich zwischen ihnen durch. Sie zwitschern, pfeifen und verschenken Wangenküsse. Paula und Andrea sind die Hauptshowfrauen. Der Boss Johny hält sich im Hintergrund. Journalisten lädt er gern an die Straßenecke ein, um mit ihnen zu quatschen. Fast so, als wäre das sein Büro.

Zu dritt ziehen sie diese Show seit zehn Jahren ab. Mit weiß beschmierten Gesichtern und schwarz-weiß-goldenen Kostümen amüsieren sie Passanten. Das Konzept ist nicht ganz klar, lustig findet es trotzdem jeder. Jeden dritten Monat wechseln sie die Bühne: mal in Frankreich, mal in Italien, mal in Österreich. Nach den gewöhnlichen Geschichten, wie mies die Situation in Rumänien sei, erzählt Johny, dass sie auf den Touren sehr gut verdienen und ihre Familien so erhalten können. Durchschnittlich verdienen sie mit ihrer eigenartigen Kunst 30 bis 40 Euro pro Tag pro Person. Die Russen seien die großzügigsten. Nichts gibt es, wenn die Polizei ihnen das ganze Geld abnimmt. „Weil wir keine Genehmigung haben“, sagt Johny und wirkt nicht so, als hätte er je vor, Papiere zu beantragen.

 

Alessandro fährt die Dicken durch die Stadt

 

Wie er sagt, ist Alessandro ein Jahr in Wien und fährt in den Sommermonaten eine Rikscha. Mit den Fahrgästen hat er nicht immer Glück: „Zu mir kommen immer die Dicken“, sagt er lachend. „Manchmal dauert so eine Fahrt über zwei Stunden.“ Auf der Straße ist er sechs Tage die Woche, je zwölf Stunden. Mit seinem durchschnittlichen Verdienst von 1500 Euro im Monat ist er ganz zufrieden. „Es ist auf jeden Fall mehr als in der Gastro“, sagt er.

Ja, der Job ist nicht im perfekten Einklang mit seiner BWL-Ausbildung. Für immer will er das Rikscha fahren auch nicht machen. Manche Kunden scheinen auch nicht zu verstehen, dass sein Job ziemlich anstrengend ist. „Meine Rikscha ist für zwei Leute gedacht, viele versuchen aber zu dritt einzusteigen.“ Meistens wartet er, bis die Leute zu ihm kommen. Aber wenn wenig los ist, muss er proaktiv sein und auf sie zugehen. Ab und zu gibt’s sogar Trinkgeld, aber wenn, dann nur von Frauen.

Warum er nach Wien gekommen ist? Er hat viele Freunde hier: „Wir Italiener sind überall.“ Es gefällt ihm sogar so gut, dass er für immer bleiben würde.

 

 

Zwischen Kunst, Kapitalismus und Integration

Marian wirkt auf den ersten Blick zurückhaltend. Er sitzt neben seinem Stand voller unterschiedlicher Bilder, die Wiener Sehenswürdigkeiten zeigen, und zeichnet den Schönbrunner Park. Vor 25 Jahren ist er vor dem Kommunismus nach Österreich geflohen. Nach der Kunstschule in Sofia wollte er nur zeichnen und so kam er voller Begeisterung in die Kulturstadt Wien. Leicht war es allerdings nicht. Am Anfang konnte er kaum Deutsch, deswegen musste er auf der Baustelle arbeiten. Im Laufe der Zeit wurde alles besser. In der Oper arbeitete er eine Zeitlang als Dekorationsdesigner und Restaurateur. Die letzten sieben Jahre ist er in der Fußgängerzone im ersten Bezirk zu finden, wo er seine eigene Kunst verkauft. An einem Ort darf er nicht länger als zwei Stunden bleiben, die Polizisten erinnern ihn immer rechtzeitig daran. Eine Miete für die von ihm besetzten Flächen zahlt er der Stadt Wien, das findet er aber gar nicht so schlecht: „In Österreich ist ja alles streng geregelt.“

Von seinen Bildern kann Marian leben. Unter den netten Japanern sind sie übrigens nicht so beliebt, die stehen eher auf Ballerinas. In den kälteren Wiener Monaten bleiben ihm die Restauration und die Vorbereitung auf die nächste Straßensaison.

Auf die Frage, ob er sich integriert fühlt, hat er eine eigenartige Antwort: „Kein Bulgare kann sich hier wirklich integrieren. Wir sind zu anders, sogar körperlich.“ Das Leben in einer westlichen Gesellschaft hat ihn aber auch ein bisschen verändert: So idealistisch denke er nicht mehr, eher kapitalistisch. „Ich war ein junger romantischer Idealist. Österreich hat mich dazu gebracht, wie ein Kapitalist zu denken“, sagt Marian nachdenklich.

 

Oh, du lieber Augustin

Mit einem großen Lächeln begrüßt er morgens alle in der U-Bahn-Station Volkstheater. Als Viano vor vier Jahren aus Nigeria kam, konnte er kein Deutsch und durfte als Asylwerber nicht arbeiten. Damals hat er von einer Freundin gehört, dass man als Verkäufer der Straßenzeitung „Augustin“ ein wenig Geld verdienen kann. Mit zwei Stunden in der Früh und am Abend verdient er bis zu 40 Euro pro Tag und Trinkgeld gibt es auch manchmal. „Natürlich nur von Frauen“, sagt er grinsend. Einen Job als Hilfsarbeiter hat er noch, schließlich muss er sich um seine Frau und seine zwei Töchter kümmern.

Obwohl der Beruf als Zeitungsverkäufer nicht sein Traumjob ist, versucht er es von der positiven Seite zu betrachten. „Zumindest habe ich einen Job.“ Einen weiteren Vorteil als Augustin-Verkäufer gibt es: „Ich habe viele Freunde gewonnen.“ Tatsächlich grüßen ihn sehr viele von der Ferne, während wir sprechen. „Österreicher sind nicht alle freundlich, ich grüße sie und bekomme oft keine Antwort“, meint er. Auf die Frage, ob es für ihn auf Englisch leichter wäre, wirkt er ein bisschen beleidigt: „Ich muss Deutsch sprechen und hören. Das ist besser für mich.“

Sein größter Wunsch ist es, hier zu bleiben und eine Lehre zu machen. Das Augustinprojekt hat ihn durch schwierige Zeiten gebracht, sein Traum bleibt es aber, als Automechaniker in einer Werkstatt zu arbeiten.

 

Sie spielen für das Leben

Sie sind 2.300 Kilometer in einem kleinen Auto samt einer Zymbal, einem Bajan und einer Kontrabass-Balalaika von Jaroslavle, Russland, nach Wien gefahren. Während andere im Urlaub Sonne tanken, verdienen sich Evgenij, Anna und Alexei ein wenig Geld dazu.

Die drei, auch bekannt als Artlang Trio, sind ehemalige Unikollegen aus dem Konservatorium. Nun sind sie Musiklehrer und spielen in einem Orchester. Im Urlaub touren sie quer durch Europa: Österreich, Deutschland, Tschechien und Italien. Oft nehmen sie an internationalen Veranstaltungen und Festspielen teil, die restliche Zeit beleben sie die Citystraßen mit ihrem einzigartigen Mix aus klassischen und traditionellen Liedern. Darüber freuen sich zahlreiche Passanten, unabhängig von Alter und Geschlecht. Warum sie das machen? „Wir spielen für das Leben“, lautet die zweideutige Antwort von Evgenij.

In Wien bleiben die drei nur einen Monat, aber wer sich das Trio auch zu Hause anhören will, kann sich eines ihrer zwei Alben kaufen. Die werden direkt während der Vorführung von Walter Weiß, einem Wiener Pensionist, verkauft, der sich für Artlang unentgeltlich engagiert. „Als ich sie zum ersten Mal hörte, war ich bezaubert und wollte unbedingt helfen und mitmachen“, sagt er lächelnd.

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Das Gesetz der Straße

Das Gesetz unterscheidet formal zwischen Verkauf auf der Straße, künstlerischer Darstellung und Betteln. Daher gibt es seitens der Stadt unterschiedliche Vorschriften. Allgemein darf sich jeder ab dem 16. Lebensjahr auf die Straße stellen. 

Im Fall der künstlerischen Darstellungen, sei es bildende oder akustische, braucht man in den Bezirken 1. bis 6. eine Platzkarte, die bei der MA36 zu beantragen ist. Die Platzkarte ist an einem per Computer zugeteilten Ort gebunden, gilt für zwei Stunden zwischen 16 und 20 Uhr und kostet 6,54 Euro. Pro Woche bekommt man maximal drei Platzkarten. Wer auf der Straße verkaufen will und einen Stand aufstellt, zahlt laut Gebrauchsabgabengesetzt in der Fußgängerzone im Ersten 13 bis 15 Euro pro Tag.

In Wien ist nur das stille Betteln erlaubt. Alles, was darüber hinausgeht - singen, ansprechen, mitgehen, Beine auf einem engeren Gehsteig ausstrecken - wird als aggressives oder aufdringliches Betteln klassifiziert und kann nach Abs. 2 des Wiener Landessicherheitsgesetzes mit bis zu 700 Euro bestraft werden. Die einzigen, die von Regulierung bis jetzt verschont wurden, sind die Ticketverkäufer. 

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