"Das ist Diskriminierung! Ist Österreich so?"

05. September 2019

Die 11-köpfigen Familie Abu El Hosna hat in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit der Medien erlangt. Und das zu Recht. Ihr Antrag zur Genehmigung eines Hauskaufs wurde von der Gemeinde Weikendorf-Dörfles abgelehnt. Die unterschiedlichen Kulturkreise der islamischen und westlichen Welt würden zu sehr auseinander liegen, hieß es in einer schriftlichen Stellungnahme des Bürgermeisters. Bei einer Tasse Kaffee erzählt  der Familienvater die Geschichte aus seiner Sicht.

von Joan Wermann

Profil, El Hosna

 
Steckbrief
Name: Khalid Abu El Hosna
Alter: 43
Geburtsort: Palästina; seit 2010 mit der Familie in Österreich
Beruf: war als Werbung und Medienmanager tätig
Ansonsten: Wollte einfach nur ein Haus kaufen
 

biber: Warum wollten Sie nach Weikendorf ziehen?

El Hosna: Ich bin Vater einer großen Familie. Meine Söhne arbeiten seit Jahren in Österreich Vollzeit. Derzeit bin ich arbeitslos. Aber nur einen Monat. Ich bin ein liberaler Vater und meine Familie hat einen sehr starken Zusammenhalt. Deswegen hatten wir die Idee zusammen in ein Haus zu ziehen, wo jeder seinen eigenen Bereich hat. Die Haussuche dauert schon lange. Wir mussten Jobs finden, Ausbildungen absolvieren und arbeiten. Viele Banken haben uns abgesagt, bevor wir endlich eine Möglichkeit bekommen haben. In Wien und Wien Umgebung, ist es nicht leicht ein günstiges Haus zu finden. In Dörfles haben wir dann endlich dieses Haus gefunden. Die Besitzer waren sehr nett zu uns. Bei uns im Arabischen heißt es: Man muss zuerst die Nachbaren suchen, dann das Haus. Denn die Hauptsache ist nicht das Grundstück, sondern die Beziehung zu den Nachbaren.  

Wann haben Sie die erste Stellungnahme erhalten?

Wir hatten schon mit der Hausbesitzerin gesprochen und alles erledigt. Über den Preis wurde auch schon gesprochen und alle Unterlagen gingen zur Bank. Der Kaufvertrag war unterschrieben und die Grundgebühr gezahlt. Bei der Schlüsselübergabe hieß es dann vom Notar, dass wir eine Genehmigung bräuchten. Ich dachte das geschieht automatisch. Ich bin keine schlechte Person, ich bin ein Hochschullehrer. Aber es ist nicht meine Entscheidung, sondern die vom Staat. Nach der Antragsstellung auf Genehmigung bekamen wir die Stellungnahme vom Bürgermeister: Sie wollten uns nicht. Warum? Weil ich Moslem bin. Das haben sie geschrieben. Die ÖVP und FPÖ wollen ganz einfach Nationalismus. Sie haben diese One-Way-Methode. Österreich gehört laut ihnen österreichischen Leuten. Es ist eine geschlossene gesellschaftliche Insel. 

Haben Sie sich auch in Wien nicht willkommen gefühlt?

In Wien ist es etwas anderes. Wien ist eine multikulturelle Stadt. Allgemein haben österreichische Leute eine offene, aber nicht extrovertierte Mentalität. Die meisten sind sehr nett und sehr zivilisiert. Dass sie sehr geschlossen und isoliert sind ist nicht ein großer Nachteil. Aber die Menschen in anderen Ländern- ich war in der Ukraine, in Malaysia, in Amerika- reden mit dir unabhängig von der Hautfarbe. Es gibt hier nette Leute, aber auch einige, die es nicht sind. Auch in Gänserndorf gibt es sicher viele nette Menschen. Leute wie der Bürgermeister repräsentieren auf keinen Fall die österreichische Bevölkerung. 

Inwiefern fühlen Sie sich diskriminiert?

Das Problem in meinem Fall ist, dass es um das Wohnen geht. Die Ablehnung hatte aber politische und religiöse Hintergründe. Das ist diskriminierend, denn das hat mit den Voraussetzungen für die Genehmigung gar nichts zu tun. Ich bin gebildet, ich weiß was eine Genehmigung ist. Ob ich Moslem, Jude oder Christ bin, ist irrelevant. Ich bin Palästinenser und Muslim und sehr stolz darauf. Freunde von mir sind christlich und jüdisch. Palästina gehört mir, Österreich auch. Ich bin staatenlos und behalte Palästina in meinem Herzen und Österreich in meinem Kopf.

Wurden wirklich 100 Unterschriften gegen den Zuzug gesammelt?

Bei den Leuten, die gegen uns unterschrieben haben, haben zwei Faktoren mitgespielt. Erstens akzeptieren solche Leute nicht nur muslimische Leute nicht, sondern alle Ausländer. Der zweite Punkt ist, dass die Medien nicht immer sagen was stimmt. Diese 100 Unterschriften sind nicht nur aus Dörfles. Das ist eine Gesamtzahl aus mehreren Ortschaften.
 
Wie war die Medienaufmerksamkeit für Sie?

Bisschen zu viel. Die haben über meinen Datenschutz gesprochen. So viele Sachen waren jedoch falsch und gelogen. Die haben zum Beispiel gesagt, dass ich mit drei Frauen verheiratet bin. Wenn ich meinen Namen auf Social Media eingebe, kommen so viele Sachen. Gerade habe ich keine Zeit, das alles anzuschauen, aber wenn ich mal zur Ruhe komme, werde ich es lesen und mit meiner Anwältin reden. Wenn sie Sachen schreiben und keine Beweise haben, klage ich.

Haben Sie schon mal mit dem Bürgermeister persönlich gesprochen?

Nein. Und ich will nicht. Ich habe es oft versucht, bin dort hingegangen, war sehr sanft und nett. Aber er ist sehr rassistisch. Was soll ich tun? Wir waren sehr höflich, aber nach der ersten Stellungnahme, macht er eine zweite, die er persönlich unterschreibt. Das ist Diskriminierung. Heute hat eine Umfrage gemacht und 70% stehen auf der Seite des Bürgermeisters. Was ist da los? Ist Österreich so?

Ist der Zuzug jetzt genehmigt worden?

Nach der zweiten Ablehnung habe ich dem Bundespräsidenten und der Kanzlerin geschrieben. Ich habe auch endlich mit meiner Anwältin Muna Duzdar (SPÖ) gesprochen. Sie hat den Fall privat genommen. Nach 2-3 Wochen habe ich dann einen positiven Bescheid von der Landesregierung bekommen, dass wir einziehen dürfen. Den Kaufvertrag habe ich ja schon im März unterschrieben. Aber der Bürgermeister hat schon wieder Einspruch eingelegt. Ein drittes Mal! Jetzt ist es schon beim Verfassungsgerichthof. Und das dauert zwischen sechs Monaten und einem Jahr. Und ich muss warten.

Wird jetzt gewartet, oder haben Sie keine Lust mehr?

Das Ganze ist eine schwierige Situation. Ich habe keine andere Alternative. Vielleicht sagt ein anderes Dorf auch, dass sie uns nicht wollen und dann beginnt es von vorne. So viele Leute kennen jetzt außerdem meine Geschichte und Adresse in Dörfles. Wer sichert das Leben meiner Kinder? Die meisten Leute in Österreich sind nett, aber es gibt auch Verrückte. Ich und meine erwachsenen Söhne haben keine Angst davor. Aber was ist mit meinen kleinen Töchtern?

Gibt es etwas, das Sie allen sagen wollen?

Wir sind Menschen. Viele Leute aus dem mittleren Osten haben sich in Europa gut integriert und einen guten Eindruck gemacht. 



Noch nicht genug von der Story? Wir haben Weikendorf-Dörfles besucht.
 
 

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