Das Satire Kalifat

21. März 2017

Muslime sind unintegriert, radikal und humorlos? Mit diesem Klischee wollen die Satiriker „Datteltäter“ und Noktara.de aufräumen und beweisen: Humor und Islam sind eine echt fetzige Kombi.

von Nour Khelifi

Die „Datteltäter“ sind frech, erfolgreich, radikal lustig und rufen den Vorurteilen den „Bildungsdjihad“ aus. Mit bereits über 22.000 Abonnenten auf YouTube brechen die vier jungen Berliner mit ihren satirischen Videos kulturelle Klischees auf. Ob IS-Kämpfer, AfD-Boy oder klassischer „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Kommentator auf Facebook - bei den Datteltätern bekommt jeder Troll sein Fett ab.

Sheikh Google und die nicht vorhandene Steinigung
Was, wenn Google ein Imam wäre? Ein Mann in typisch arabischer Kleidung, weiße lange Robe und Kopfbedeckung, bekannt als der Google-Imam, stellt sich diversen Suchanfragen zum Islam. "Suche mir: Steinigung im Koran", lautet die Anfrage eines Jungen. Der Google-Imam durchforstet seine Akten und Mappen, findet aber nichts: Die Steinigung wird im Koran nicht erwähnt. Etwas genervt versucht es der Junge mit anderen Keywords: "Koran. Ehebruch. Steine. Werfen." Und weil Google immer noch streikt: "Koran Steinigung ... Videos!" Sheikh Google wird in diesem Sketch von Datteltäter Fiete Aleksander gespielt. Überspitzte Rollen wie Trump oder Djihadi-Boys hat der 26-jährige Konvertit und Erzieher drauf. Er und der ebenfalls 26-jährige Barbesitzer Marcel Sonneck sind die einzigen „Ur-Deutschen“ in der Gruppe und überzeugen vor der Kamera mit ihren Schauspiel-Skills. Obwohl Marcel der einzige Christ in der Gruppe ist, sind „Alhamdullilah“ und „Mashallah“ schon fixe Vokabel in seinem Sprachgebrauch. Das ist dann wohl diese „Islamisierung des Abendlandes“.

Die Datteltäter
Die Datteltäter

Der 31-jährige Younes Al-Amayra ist für Kamera und Schnitt zuständig. Der Islam-und Politikwissenschaftler hat syrisch-palästinensische Wurzeln und die meisten der Videos werden bei ihm zuhause gedreht. Farah Bouamar ist die gute Seele, das Brain und die einzige Madame in der Truppe, weitere weibliche Power wird aber bereits rekrutiert. Die Aktivistin und Studentin mit marokkanischem Background ist für die Organisation im Hintergrund zuständig. Wenn sie doch in einem Video vorkommt, reist sie extra aus Bielefeld an. Die Akteure kennen wir nun, aber welche Message steckt hinter den Datteltätern?

Durch Provokation den Spiegel vorhalten

Als 2015 die ersten Flüchtlinge in Österreich und Deutschland ankamen, ist die Debatte rund um den Islam, die Muslime und den IS wieder aufgeflammt. „In Deutschland gibt es Muslime seit fast 60 Jahren und ich habe den Eindruck, dass man bis heute nicht viel dazu gelernt hat“, sagt Younes. „Deutschland ist multiethnisch, mehrsprachig, multisexuell, multireligiös und was weiß ich nicht alles. Trotzdem sind die Millionen Muslime in den deutschen Medien immer noch unterrepräsentiert“, bemerkt Farah. „Wenn die Medien der Spiegel unserer Gesellschaft sind und Muslime nicht abgebildet werden, heißt es, Muslime werden nicht zur Gesamtgesellschaft mitgezählt“, kritisiert die 24-jährige Studentin. Deswegen wollen die Preisträger des deutschen Webvideopreises 2016 ein „Satire-Kalifat“ errichten, erzählt Marcel. “Und ganz viel Kohle damit machen und fame werden! Spaß“, fügt er lachend hinzu. Die vier Deutschen setzen bewusst Reizwörter wie „Scharia“ und „Djihad“ ein. Begriffe, die selbst Marcel mittlerweile versteht und sogar arabisch korrekt aussprechen kann. „Natürlich ist Provokation ein Stilmittel, wir wollen damit auf Schieflagen aufmerksam machen und zum Nachdenken anregen“, fügt er hinzu. „Unsere Videos beinhalten Kritik, aber auch mögliche Lösungsvorschläge. Nur Bashing alleine geht nicht“, stimmt ihm Kollege Fiete zu. Wichtige Themen satirisch aufbereitet an den Mann bringen, das ist ihr Ziel.

Es scheint zu funktionieren, denn die Reaktionen auf ihre Videos sind mehrheitlich positiv, die unzähligen Kommentare auf YouTube und Facebook singen davon ein Lied. Shitstorms gab es trotzdem einige. Vor allem beim ersten ging es so richtig ab. Die Poetry-Slammerin Nemi-El Hassan spricht im Video „Jetzt rede ich!“ auf dem Channel der Datteltäter über Sexismus und die Vorfälle am Kölner Bahnhof zur Silvesternacht 2016. Daraufhin teilt der heiß umstrittene Politikwissenschaftler und Islam-Kritiker Hamed Abdel Samad das Video auf Facebook mit dem Statement, Muslime sollen endlich aufhören, sich hinter der typischen Rolle der Opfer zu verstecken. „Dadurch, dass wir dann im Netz von einigen diffamiert wurden, ist unsere Reichweite massiv angestiegen“, erzählt Fiete lachend. Zu dieser Extra-Portion Ruhm mit einer Reichweite von über einer Million Menschen, sowie tausenden Likes und Shares können die Datteltäter nur eines sagen: „Danke! <3“

Foto: Sam Khayari
Derya&Soufian: Gründer der muslimischen Satire-News-Seite "noktara.de"

„CSI Istanbul: Mörder dank Sonnenblumenkernen gefasst.“ Während die Datteltäter mit ihren Videos unsere Lachmuskeln und Hirne attackieren, verüben die Macher der jungen Ethno-Satire-Seite Noktara.de literarische Attentate mit Fake-News. Vergleichbar mit der österreichischen „Tagespresse“ wollen die Gründer Derya Saydjari und Soufian El Khayari tagesaktuelle Themen aus der Politik und Gesellschaft satirisch aufbereiten und so „orientalische Würze in die Satirelandschaft bringen.“ Selbst der deutsche „Postillon“ kürte Noktara.de zum „muslimischen Postillon“. Mit nahezu 10.000 Likes auf Facebook hat die Seite bereits eine große Reichweite, die ersten „Nachrichten aus dem Morgenland, schon heute“ gab es im April 2016 online zu lesen.

Die Datteltäter bei der Arbeit
Die Datteltäter bei der Arbeit

"Was darf Satire?"
Genau wie den Datteltätern ist es auch Noktara ein Anliegen die eigene Community zu repräsentieren. „Wir sehen Noktara nicht nur als muslimische Plattform, sondern generell als Botschafter für religiöse und kulturelle Minderheiten im deutschsprachigen Raum. Man muss nämlich kein Muslim sein, um unterrepräsentiert zu werden, aber es hilft dabei sehr“, sagt Chefredakteur Soufian. Das Vorurteil, dass nur Muslime über sich selbst lachen dürfen, hält sich hartnäckig. „Ganz unbegründet ist dieser Standpunkt nicht, denn es gibt immer eine bestimmte Art von Humor, die nur jemand machen kann, der auch selbst betroffen ist“, meint Mitbegründer Derya. Der wesentlich größere Teil des Humors sei aber universell und dient dazu Grenzen durch gemeinsames Lachen zu überwinden. Auch Datteltäter Younes ist klar, dass nicht alle muslimische Satire verstehen. „Es geht letztendlich auch darum Brücken zu schlagen. Nichtmuslime, die unsere Videos sehen, werden nicht jeden Lacher verstehen. Da haben sie dann die Möglichkeit, ihre Fragen an die Community zu stellen und so kommt man ins Gespräch“, erklärt er. Auch die wehleidige Diskussion, was Satire darf und was nicht, ist für die Islam-Satiriker schnell geklärt. „Satire hat ihre Einschränkungen. Solange eine ausreichende Auseinandersetzung da ist, passt aber alles“, meint Datteltäter Fiete. Wo die Grenzen liegen, müsse jeder Autor oder Künstler für sich selbst entscheiden, erklären die Noktara-Gründer, denn Humor sei subjektiv. Für uns Ösis hat Noktara noch eine zusätzliche Botschaft: „Wir laden Österreich herzlich auf Noktara ein, sonst droht eine landesweite Steinigungstour!“

Hier geht's nochmal zum Youtube-Account der Datteltäter und hier zur Seite Noktarta.de 

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