Das Wiener Medienexperiment

21. Januar 2021

Die Stadt Wien fördert mit Millionen neue journalistische Projekte. Was man von der „Wiener Medieninitiative“ erwarten kann und wo die Stolpersteine liegen, beschreibt Horizont-Redakteurin Sarah Wagner. 

von Sarah Wagner, Collage: Zoe Opratko

Collage: Zoe Opratko
Collage: Zoe Opratko

Mehr Innovation und Ideenreichtum wünscht sich die Stadt Wien von ihren Medienmacherinnen und Medienmachern - und lässt sich den Journalismus von morgen auch gerne etwas kosten: Insgesamt 7,5 Millionen Euro beträgt das Budget der „Wiener Medieninitiative“ über einen Zeitraum von drei Jahren. Der Startschuss fiel im Oktober vergangenen Jahres, in mittlerweile zwei Förderrunden wurden schon 47 Projekte bezuschusst. Schon im ersten Durchlauf sei die erwartete Zahl der Einreichungen deutlich überoffen worden, sagt Christopher Buschow. Der deutsche Medienwissenschaftlicher der Bauhaus-Universität Weimar ist Mitglied der siebenköpfigen Jury, die über die Vergabe der Fördermittel entscheidet. Die wettbewerblichen Auswahlverfahren sollen das viel kritisierte Gießkannenprinzip der nationalen Medienförderung überwinden, Expertinnen und Experten aus Deutschland und der Schweiz für Unbefangenheit sorgen; schließlich landen neben den journalistischen Ideen Einzelner auch Bewerbungen etablierter Medienhäuser auf dem Tisch. „Medienstart“ und „Medienprojekt“, so die Titel der beiden möglichen Förderschienen. „Medienstart“ soll neue journalistische Medienangebote „marktreif“ machen, „Medienprojekt“ ein neues oder verbessertes Angebot unterstützen – in diesem Fall mit maximal 100.000 Euro Zuschuss pro Projekt. 

Christopher Buschow ist Medienwissenschaftler Jurymitglied der Wiener Medieninitiative

Christopher Buschow ist Medienwissenschaftler und Jurymitglied der Wiener Medieninitiative
Foto: Matthias Eckert

 

Trotz der Freude über die große Zahl an Einreichungen sei eben jene Innovation noch nicht so ausgeprägt, wie Buschow es sich als Juror gewünscht hätte: „Noch zu wenige Projekte verstehen die Förderung explizit als ein Labor journalistischer Experimente, in dem mehrere Innovationspfade, wie beispielsweise unterschiedliche Erlösquellen, Inhalteformen oder Darstellungsweisen, gegeneinander getestet werden können.“ Er wünsche sich zudem künftig mehr Einreichungen zu neuen Arbeitsmodellen abseits der konventionellen Redaktion. 

Neue Wienzeilen vom Falter 

Zu den eher Experimentierfreudigen mit altbekannten Namen gehören beispielsweise im „Medienprojekt“-Programm der Falter mit den „Falter.wienzeilen - Der tägliche Newsletter für alle Menschen, die in Wien leben“. Hier soll ein eigenes, neu gegründetes Redaktionsteam werktäglich Wiener Lokaljournalismus im Newsletterformat liefern. Ebenfalls den Fokus auf das Leben in der Hauptstadt legen die „Wiener Dateng’schichten“ der APA - Austria Presse Agentur, die aus statistischen Daten der MA 23 mit Hilfe von Algorithmen Storys gene- rieren und sie automatisiert an Medien und Institutionen ausliefern soll. 

Ebenso dabei: das investigative Dossier Magazin. Und mit Qamar auch ein ganz neues Medium, ein Magazin „von und für Musliminnen und Muslime“, rund 100 Seiten stark mit vier Ausgaben pro Jahr. „Die Förderinitiative macht es möglich, journalistische Produkte für Zielgruppen, die von klassischen Medien in der Regel nicht angesprochen werden, zu produzieren“, erklärt Chefredakteur Muhamed Beganovic. „Qamar ist kein theologisches Heft, sondern ein Gesellschaftsmagazin, wo muslimische Stimmen Gehör finden. Eine Plattform, mit deren Hilfe sie am medialen Diskurs teilnehmen können - und zwar abseits der ewigen Debatten um Kopftücher, Terror und das jährliche Fasten“, fügt er hinzu. 

Qamar
Qamar

Plattform für Menschen mit Behinderung 

Beim „Medienstart“-Programm der „Wiener Medieninitiative“ wiederum werden Selbstständige sowie kleine Medienunternehmen in der Entwicklung neuer journalistischer Konzepte unterstützt, in diesem Fall mit 2.000 bis 10.000 Euro. So zum Beispiel andererseits, eine „Initiative für Inklusion im Journalismus“. Hier erstellen Menschen mit und ohne Behinderung für ein Online-Magazin gemeinsam journalistischen Content. „Wir leben in einer Gesellschaft, die Menschen mit Behinderung marginalisiert“, kritisiert Initiatorin Clara Porak. „Erlebnisse, Emotionsfelder und Perspektiven von marginalisierten Gruppen haben weniger Platz in der öffentlichen Debatte.“ Der Journalismus sei elitär und zugleich prekär, „Diversität wird als ‚nice to have‘, aber nicht als essentiell angesehen.“ Aber: „Diverse Perspektiven und jene von Menschen mit Behinderungen sind von grundlegender Bedeutung für unsere Arbeit und bereichern den Journalismus sowie die Lebenswelt unserer Community.“ Bei andererseits habe etwa die Hälfte der Redakteurinnen und Redakteure eine Behinderung, Prozesse werden auf individuelle Arbeitsbedürfnisse angepasst. Porak ist überzeugt: „Der Journalismus der Zukunft erzählt aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven.“

 

"andererseits" setzt sich für Inklusion im Journalismus ein.

andererseits setzt sich für Inklusion im Journalismus ein.
Stefan Fürtbauer

Innovation gelingt nicht durch Geld alleine 

Die weiteren „Medienstart“-Projekte bedienen, was Darstellungsformen und Themen betrifft, eine ziemlich breite Palette: von Printneugründungen über Online und Crossmedia hin zu Podcasts, von Wissenschaft über Politik, Nachhaltigkeit und Sexualität hin zu Jugendangeboten. Woran Innovation in der heimischen Medienlandschaft bislang scheiterte? „Entscheidend ist, nicht allein auf die innovationstreibenden Akteure zu blicken, sondern auch die Rahmenbedingungen zu berücksichtigen, etwa Ausbildung, Arbeitsmarkt oder die Finanzierungssituation“, so Jurymitglied Buschow. Bei der nächsten Förderrunde 2021 werde es daher seiner Ansicht nach darauf ankommen, den eingereichten Projekten geeignete Innovationsprozesse und -metriken zu kommunizieren, sie eventuell auch mit Trainings zu begleiten. „Innovationsförderung, die finanzielle Mittel mit Aus- und Weiterbildung verbindet, ist nachweislich wirksamer.“ 

 

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Sarah Wagner ist Redakteurin beim Branchenmedium Horizont und Absolventin der biber-Akademie.

*Dieser Artikel ist im Almanah - Jahrbuch für Diversität und Integration in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft 2021 erschienen

 

 

 

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