"Dem Virus ist deine Hautfarbe und Religion egal."

16. März 2020

Unser Autor hat den Kriegsausbruch in Syrien 2011 miterlebt und schreibt seine Gedanken und Parallelen zu der heutigen Situation in Wien nieder. Er sieht in dieser Krise aber auch eine Lektion und großes Potenzial.

Die aktuelle Situation und Stimmung ist mir keineswegs fremd. Als 2011 der Krieg in Syrien ausbrach, wurden alle Menschen immer mehr besorgt und gestresst. Der gewöhnliche Alltag hat sich drastisch verändert. Wir mussten tendenziell auf Dinge verzichten. Es war ein ernüchternder Moment. Wir haben festgestellt, dass vieles, was wir hatten, nicht mehr selbstverständlich ist. Menschen begannen, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie den Krieg überleben können.
Natürlich war Einkaufen gehen keine Option, um ein Gefühl von Sicherheit zu bekommen. Die Probleme waren ganz andere. Trotzdem sehe ich heute in Wien viele Parallelen mit der vergangenen Zeit und kann behaupten, dass es eine lehrreiche Situation und große Lektion ist.
Es steckt in dieser Krise ein großes Potenzial. Um einmal innezuhalten und über uns und unseren Lebensstil nachzudenken.
Besonders für diejenigen, die kein Verständnis für Geflüchtete aufbringen konnten und jetzt ihre Speisekammer mit Unnötigem und Klopapier für ein Jahr vollgestopft haben.

Jetzt können wir vielleicht mehr Verständnis für Menschen haben, die vor Krieg, Verfolgung und Armut fliehen. Und auch nachvollziehen, was dieser Überlebensinstinkt in uns in solchen Situationen auslösen kann. Nachvollziehen, dass man bereit ist, mit dem Schlauchboot das Mittelmeer zu überqueren. Diese Situation zeigt uns auch die Doppelmoral unserer Politik: Wenn die Gefahr uns selbst betrifft, dann können wir Schulen schließen,das System herunterfahren und unseren Alltag stoppen. Aber wenn Menschen an unseren Grenzen ertrinken, erfrieren und menschenunwürdig behandelt werden, dann können wir sie ihrem Schicksal überlassen und schauen weg.

Dem Virus ist deine Hautfarbe und Religion egal.

Vielleicht es ist eine Lektion für jene Überheblichkeit, wenn alles vorbei ist. Ich sehe in dieser Krise auch insofern eine Lektion, weil sie alle betrifft und uns auf eine schräge Art und Weise vereint.  Länder, die sich gestern bekriegt haben, sitzen gerade im selben Boot. Politiker, die sich gestern mit dem hässlichesten Umgang einander begegneten, arbeiten jetzt zusammen.
Dieses Virus will uns auch etwas über Rassimus lehren. Es ist nicht rassistisch. Er macht keinen Unterschied zwischen Muslim und Christ, schwarz oder weiß, links oder rechts. Irgendwann es ist alles vorbei und wir werden unseren gewöhnlichen Alltag wieder haben. Aber ich hoffe, dass wir dann im Nachhinein mehr Zusammenhalt und Solidarität füreinander auf dieser Erde zeigen werden. Und nicht nur einander - sondern unserer Erde selbst gegenüber. Kresen und harte Schicksalsschläge führen dazu, dass man größer als in seinen gewöhnlichen Kreisen denkt.

Und Apropos Klopapier. Von Klopapier war in Syrien sowieso nicht die Rede. Wir haben keins. In Syrien gibt neben jeder Toilette ein Wasserschlauch. Und Leute, glaubt mir: es ist viel sauberer.

Zum Autor: Jad Turjman st Poetry-Slammer, Buch-Autor und Flüchtling aus Syrien. In seiner Kolumne schreibt er über sein Leben in Österreich.

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