Der Albtraum der Rassisten

26. November 2018

Ein Rapper, eine Politikerin, ein Aktivist und eine Journalistin machen gemeinsame Sache. Ziel: Dem aufkommenden Rassismus in Österreich die Stirn bieten. Die Gesichter hinter #nichtmituns

 

Von Aleksandra Tulej, Fotos: Marko Mestrovic


"All different, all equal. Das ist doch nicht so schwer, oder? “, fragt Politikerin Faika El-Nagashi, während sie gemeinsam mit Rap-Künstler T-Ser, Journalistin Nour Khelifi und Aktivist Rami Ali beim Biber Cover-Shooting in der Runde sitzt. Die vier Aktivisten probieren Teile des Labels „Kids of the Diaspora“ an und werden darin auf unserer Titelseite abgelichtet. In diesem Fall spricht die Mode eine politische Sprache. Alle vier haben keinen Bock mehr, sich vor dem Rassismus in Österreich zu ducken. Und wie sie das machen? Die neue Generation des Widerstands versteckt sich nicht mehr. Sie ist da, sie ist laut, sie ist präsent. Und Widerstand heißt längst nicht mehr, sich bereits dagewesenen Strukturen oder Parteien anzuschließen. Die Zivilbevölkerung ergreift Eigeninitiative. Genau wie die Gesichter der Bewegung #nichtmituns.

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"Wir sind hier nicht in Timbuktu"

„Diesen Hashtag #nichtmituns gab es schon länger, wir haben ihn aber für die Aktion verwendet, um auf Racial Profiling und rassistische Kontrollen aufmerksam zu machen“, sagt der österreichische Rap-Künstler T-Ser. Der Salzburger mit nigerianischen Wurzeln wurde vor einigen Wochen in einem Wiener Park von Polizisten kontrolliert. Laut Polizei handelte es sich hierbei um eine reguläre Schwerpunktkontrolle. T-Ser und seine Label-Kollegen, die ebenfalls bei der Aktion mit dabei waren, sahen darin einen klaren Fall von Racial Profiling. Sie filmten den Vorfall und stellten ihn unter dem Hashtag #nichtmituns ins Netz. Damit lösten sie eine Welle des Widerstands aus: Immer mehr Menschen schreiben unter diesem Hashtag über ihre eigenen Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung. Schnell wird klar, dass T-Ser’s Erlebnis kein Einzelfall war. Laut dem ZARA-Rassismus-Report 2017 wurden vergangenes Jahr in Österreich 1.162 rassistische Vorfälle dokumentiert. Im Vergleich dazu zeigt die ZARA-Statistik 2005 insgesamt 406 dokumentierte Vorfälle. Ein Großteil der Fälle im vergangenen Jahr fand im Internet oder im öffentlichen Raum statt. Das bedeutet nicht zwingend, dass die Vorfälle mehr werden, sie werden einfach öfter zur Anzeige gebracht. Rassismus wird nicht mehr totgeschwiegen. Und dafür war es höchste Zeit.

tser
Marko Mestrovic

"Rassisten haben jetzt back-up von oben" T-Ser, Rap-Künstler

T-Ser wird, wie er sagt, aufgrund seiner Hautfarbe mit Rassismus konfrontiert, seitdem er ein Kind ist: „Schon in der Schule habe ich mir von Lehrern Sachen angehört wie „ob ich denn aus dem Dschungel komme“, oder dass wir „hier nicht in Timbuktu sind“, erzählt der junge Salzburger. T-Ser's Mutter ist halb Schwedin, halb Österreicherin, sein Vater ist Nigerianer. „Rassismus hat es hier immer schon gegeben, aber durch die neue Regierung müssen sich Rassisten nicht mehr verstecken – sie haben jetzt quasi Back-up von oben.“ sagt T-Ser. Ob der Rassismus in Österreich durch die neue Regierung salonfähiger geworden ist? Egal ob es das E-Card-Ali-Video der FPÖ, das ständige Köcheln rund ums Kopftuch durch die Regierung oder das Posten problematischer Inhalte durch FPÖ-Politiker ist: Auch im Alltag und auf der Straße steigt die Bereitschaft, dem Hass freien Lauf zu lassen, so die Aktivisten.

„Rassistisch veranlagte Menschen fühlen sich durch die neue Regierung quasi darin legitimiert, ihre verachtenden Ansichten zu äußern und diesen Rassismus zu leben’’, sagt die Journalistin Nour Khelifi. Sie selbst hat tunesische Wurzeln und trägt ein Kopftuch. „Plötzlich sagen Leute, die man schon lange kennt, Dinge, die sie sich vor ein paar Jahren nie getraut hätten von sich zu geben“, sagt sie. Angst, Neid und Missgunst sind laut Khelifi die ausschlaggebenden Elemente dafür, dass jemand sich rassistisch verhält. Und davon bekommt sie als sichtbare Muslima oft etwas mit. „Ich werde im Zuge meiner Arbeit oft zuerst auf mein Kopftuch reduziert, bevor ich als Reporterin wahrgenommen werde“, sagt sie. Ob schiefe Blicke in den Öffis, Extrakontrollen am Flughafen oder Erstaunen über ihr einwandfreies Deutsch: „Oft stoße ich auf Verwunderung, wenn die Menschen merken, dass ich mich gut artikulieren kann, die Sprache beherrsche und auch sonst eine normale Bürgerin bin“, erklärt sie. Doch woher kommt der Rassismus überhaupt und wieso wird er von vielen Menschen im Jahr 2018 noch gelebt? „Niemand kommt als Rassist auf die Welt. Menschen werden zu Rassisten gemacht“, sagt der Wiener Politologe und Aktivist Rami Ali. Er selbst hat ägyptische Wurzeln und auch ihm sind laut eigener Aussage Erfahrungen mit Rassismus nicht fremd. „Menschen werden hineingeboren in ein System, dessen Institutionen, dessen Sprache von Rassismus geprägt ist. Für viele erfüllt Rassismus eine ganz simple Funktion: Aufwertung des Selbst durch Abwertung des „Anderen“. Man müsse dann laut dem Politologen nur an die geschichtlichen Darstellungen der oder des „Anderen“ denken, die dann in der Regel schwarz waren. „Man muss sich nur ansehen, wie Afrikaner von Europäern seit jeher dargestellt wurden. Ich denke, dass das bis heute nicht aktiv aufgearbeitet wurde“, sagt T-Ser dazu.

Ali
Marko Mestrovic

"Ich will, dass Rassisten sich unwohl fühlen" Rami Ali, Politologe 

 

"Der ÖVP-Rassismus ist unterschwelliger"

Fakt ist, dass rassistisch motivierte Vorfälle in Österreich immer öfter zur Anzeige gebracht werden. Ob das eine Reaktion auf das Handeln der momentanen Regierung ist? Rassismus hat „keinen Platz“ in der FPÖ – behauptet Vizekanzler und FPÖ-Chef Strache. Dennoch schafft es die Partei immer wieder in die Schlagzeilen, weil Politiker, Mitarbeiter und Anhänger mit rassistischen Äußerungen oder Übergriffen auf sich aufmerksam machen. „In den letzten Jahren gab es so gut wie regelmäßig rassistische ‚Einzelfälle‘. Die FPÖ bedient sich nicht nur rassistischer Grundhaltungen in der Gesellschaft, nein, sie trägt maßgeblich zu deren Verbreitung bei, indem sie Feindbilder postuliert, Angst schürt und gegen Minderheiten – allen voran die muslimische – hetzt“, sagt Aktivist Rami Ali dazu. „Wenn Gudenus davon spricht, dass es ein ‚Bekenntnis zu einem weißen Europa‘ braucht, dann ist das offener, ungeschminkter Rassismus. Wenn Sujets, in denen es um die Kürzung von sozialen Leistungen, um Betrug im Gesundheitssektor oder um die Kürzung des Kindergelds für im Ausland lebende Kinder meist mit kopftuchtragenden Muslimas bebildert werden, dann ist das klassischer antimuslimischer Rassismus und Feindbildetablierung. Die FPÖ bedient damit ein ganz spezifisches, hochemotionalisiertes, von Angst durchtriebenes Klientel“, findet er. Die ÖVP hingegen bedient laut Ali ein anderes Klientel, indem sie zu eben diesen rassistischen Ausfällen des Koalitionspartners oft schweigt. „Der ÖVP-Rassismus ist unterschwelliger, schicker, quasi mit Krawatte – angepasst an die WählerInnenschaft, die vielleicht oft ähnlich wie ein Strache denkt, der dieser aber doch zu ungezogen und forsch ist“, fasst der Aktivist zusammen. Er will aber nicht warten, bis sich von selbst etwas in der Politik und damit auch in der Zivilgesellschaft ändert. Deshalb beschloss er, selbst zu handeln. Gemeinsam mit der Grünen-Politikerin Faika El Nagashi hat er www.nichtmituns.org. ins Leben gerufen.

„Ich will, dass Rassisten sich unwohl fühlen."

Auf der Website findet man Infos zu Dingen wie „Wie gehe ich mit Rassismus um?“, „Welche Rechte habe ich bei Polizeikontrollen?“, etc. „Unsere Kampagne verkörpert im Grunde alles, was man gegen Rassismus tun kann: Den Rassismus aufzeigen und skandalisieren, wodurch dessen Normalisierung entgegengewirkt wird. Ja, ich will, dass sich RassistInnen unwohl fühlen. Laut sein und trotz aller Barrieren den Platz in der Gesellschaft einfordern, der einem/r zusteht. Räume schaffen, in denen man sich mit anderen Betroffenen über entwürdigende, schmerzhafte Erfahrungen austauschen kann“, so der Politologe. Es braucht laut ihm einen Safe Space. Eine der Aufgaben von Nichtmituns ist es auch, solch einen Safe Space zu bieten. „Es geht uns darum, in solidarische Zusammenarbeit zu treten. Nach dem Vorfall mit T-Ser hatten wir eine Podiumsdiskussion zum Thema Rassismus und waren uns einig, dass wir diese Veranstaltungen weiterführen wollen, egal um welche Community es geht: Ob Muslime, Roma oder die LGBTIQ Community“, sagt Faika El Nagashi. „Wir sind feministisch, inklusiv und divers. Ich bin selbst eine sichtbare woman of color, habe ägyptische und ungarische Wurzeln und bin lesbisch. Wir wollen einfach zeigen, dass wir alle hier sind, alle unseren Platz haben und man sich uns gegenüber korrekt verhalten muss. Quasi nach dem Motto: All different, all equal. Aber wir sind alle da“, sagt sie. Dieses „Wir sind alle da“, dieses Aufzeigen und auf sich Aufmerksam-Machen in dieser Causa ist dabei eine relativ neue Art. Die Generationen davor gingen anders mit dem Thema Rassismus um. Kindern aus Migrantenfamilien wurde eher beigebracht, still zu sein und nicht unangenehm aufzufallen – selbst wenn sie mit Diskriminierung und Rassismus konfrontiert wurden. „Die Generation unserer Eltern hatte einen anderen Umgang mit dem Rassismusthema, da lautete die Devise eher: Mach keine Troubles und fall nicht unangenehm auf. Wir sind da anders“, sagt El Nagashi.

faika
Marko Mestrovic

"Wir sind anders als die Generation unserer Eltern" Faika El-Nagashi, Politikerin

"Unsere Generation macht den Widerstand sichtbarer"

Journalistin Nour Khelifi teilt diese Meinung. „Im Gegensatz zu der Generation unserer Eltern ist unser Widerstand sichtbarer. Rassismus wird nicht mehr einfach so hingenommen und toleriert. Wir lassen uns das nicht mehr gefallen“, so Khelifi. Konkret bedeutet das: „Wir müssen uns vernetzen, uns über unsere Erfahrungen austauschen, lernen, für sich und für andere aufzustehen“, sagt die Journalistin. Besonders der Punkt Zivilcourage ist der Journalistin wichtig: Wenn man sieht, dass jemand rassistisch angemacht wird, sollte man eingreifen. Besonders, wenn sich die Person selbst nicht wehren kann oder sich nicht zu wehren traut. Egal, ob man dem Täter sagt, dass sein Verhalten unangemessen ist, ob man sich einfach zu der angegriffenen Person hinstellt, um zu signalisieren, dass man auf ihrer Seite ist: Wer nur zusieht und nichts unternimmt, macht sich durch dieses Stillschweigen selbst zum Täter“, fasst sie zusammen.

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Marko Mestrovic

"Wer nur zusieht, macht sich selbst zum Täter" Nour Khelifi, Journalistin​

 

„Rassisten - We're coming at you!"

Und wie es jetzt weitergeht? Rami Ali erzählt, was die Zukunftspläne von #nichtmituns sind. „Faika und ich haben uns vor allem darüber Gedanken gemacht, wie wir es schaffen, dass #nichtmituns am Leben bleibt und das Ganze nicht nur jetzt in Verbindung mit diesem Vorfall (Anm.: die Polizeikontrolle bei T-Ser) ein Hype bleibt. Zugrundeliegend ist eben der Gedanke, dass Rassismus ein System ist und deshalb auf mehreren Ebenen organisiert bekämpft werden muss“, so der Politologe. „Es geht uns zum einen darum, Betroffenen zu zeigen „Ihr seid nicht allein und müsst nie wieder schweigen!“ und zum anderen darum, den RassistInnen zu zeigen „We are coming at you“. RassistInnen müssen lernen, dass sie es hier mit einer Generation selbstbewusster, wortgewandter und gebildeter Menschen zu tun haben, die in Österreich aufgewachsen sind und sich nichts mehr gefallen lassen werden.“

Das nächste Event findet am 10 Dezember statt. Mehr Infos dazu findet ihr auf Facebook sowie allgemein auf Social Media unter dem Hashtag #nichtmituns. Danke an das Label Kids of the Diaspora für die Outfits www.kidsofthediaspora.com

 

An wen kannst du dich wenden, wenn du Diskriminierung erfährst? 
SPRICH DARÜBER: Egal, ob du deine Erfahrung oder einen Vorfall einer vertrauten Person, einem Lehrer/einer Lehrerin, deinem besten Freund oder deiner Mama erzählst: Wichtig ist es, nicht zu schweigen. 
SCHAU NICHT WEG: Wenn du siehst, dass eine Person in deinem Umfeld oder auch nur in deinem Blickfeld diskriminiert wird, schreite ein. Frage die Person, wie du helfen kannst. Das ist insbesondere wichtig, wenn es sich bei dem Opfer um eine jüngere oder schwächere Person handelt. 
SOCIAL MEDIA: Teile deine Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung auf Social Media – heutzutage sind soziale Medien und das Internet eine gute Plattform, um sich auszutauschen. #nichtmituns 
 

Wo du Hilfe findest:

ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit

Der Verein bietet eine Beratungsstelle für Opfer und Zeugen von Rassismus. Hier können sich Opfer und Zeugen kostenlos beraten lassen. Das Beratungsteam besteht aus juristisch und sozial geschulten BeraterInnen. zara.or.at

Hotline gegen Diskriminierung und Intoleranz (BMEIA)

Für Betroffene von Diskriminierung aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit, der Herkunft oder Religion. Tel: 050 11 50 – 4242

SOS Mitmensch 

SOS Mitmensch ist eine Pressure Group, die sich tatkräftig für die Durchsetzung der Menschenrechte einsetzt. Das Ziel ist die Gleichberechtigung und Chancengleichheit aller Menschen. www.sosmitmensch.at

Initiative diskriminierungsfreies Bildungswesen

Eine gemeinnützige Organisation, die Diskriminierung aufgrund von Rassismus, Sexismus, Islamophobie, Antisemitismus, Homphobie und Disablism an österreichischen Bildungseinrichtungen dokumentiert. www.diskriminierungsfrei.at

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