Der Museumsdirektor vom Viktor-Adler-Markt

04. November 2015

Interview von Jelena Pantić

Nicolaus Schafhausen, Direktor der Kunsthalle Wien kommt aus Deutschland, wohnt in Favoriten, sagt offen „Kultur ist nicht für alle wichtig“ und mischt mit seinen ungewöhnlichen Ideen das österreichische Verständnis von Kultur auf.

Wofür stehen Kunsthallen denn überhaupt?

Kunsthallen sind dazu da dem lokalen Publikum kritisch und diskursiv internationale Gegenwartskunst zu vermitteln. Das soll auch als produktive Kritik gegenüber dem Kunstarkt und den sammelnden Institutionen geschehen.

Für wen ist die Kunsthalle Wien offen?

Sehe ich mir eine FPÖ-Veranstaltung am Viktor-Adler-Markt an, gehe ich davon aus, dass sie sich nicht um Fragen der Gesellschaft kümmern, mit der sich KünstlerInnen auseinandersetzen. Offen ist die Kunsthalle Wien für alle, aber Hochkultur ist nicht für alle interessant oder sinnstiftend. Wir bieten Programm für ein Publikum, das ein grundsätzliches Interesse für abstraktere Themen wie Gegenwartskultur hat und sich damit kritisch beschäftigt.

Wie wichtig ist der Standort einer Kulturinstitution?

Die Verortung einer Institution in der Stadt hat großen Einfluss auf die Besucherstruktur. Die  Kunsthalle Wien mit ihren zwei Standorten, angesiedelt in den Innenstadtbezirken (Museumsquartier und Karlsplatz) gehört quasi zum repräsentativen Teil Wiens, was nicht unbedingt die Bevölkerungsstruktur widerspiegelt und auch nicht die migrantischen Mischungsverhältnisse. Wir befinden uns nicht unbedingt in einer Gegend, wo sich junge und neue ÖsterreicherInnen tagtäglich aufhalten. Hier gehen die Leute entweder shoppen oder arbeiten. Ich bin mir sicher, wir hätten eine andere Publikumsstruktur, wenn wir  woanders in der Stadt verortet wären. Öffentlich finanzierte Institutionen müssen sich immer fragen: „Wo stehen wir und für wen machen wir das?“

Wäre ein weiterer Standort denkbar?

Ich finde beispielsweise Favoriten hochinteressant. Ich glaube, wenn man hier einen weiteren Standort hätte, könnte man die Stadt einfach besser zusammenbringen. Das könnte beispielsweise ein Container am Marktplatz oder an einer der Fußgängerzonen sein. An einem Ort also, wo sich die Menschen ganz anders aufhalten, wo die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Raum in den Hintergrund treten. Aus meiner Sicht müssen Kulturinstitutionen nicht immer in repräsentativen Räumen untergebracht sein. Dafür müssten wir natürlich ganz andere Vermittlungskonzepte erarbeiten. Hierkönnte ein sehr interessanter Dialog entstehen. Sofern es uns gelingt das zu finanzieren, bin ich dafür.

Wieso hat das bisher nicht geklappt?

Als es um das Areal rund um den  neuen Hauptbahnhof ging, war ich einer der wenigen Direktoren, die hier einen interessanten Kulturstandort sahen und immer noch sehen.  Die Stadtplanung hat es versäumt diesen neuen Stadtteil an einer so wichtigen Schnittstelle zu anderen Bezirken auch für Kultur zu erschließen.

Mit wem arbeitet die Kunsthalle Wien zusammen?

Mit Schulen, Hochschulen, anderen öffentlichen Institutionen, diversen Kultureinrichtungen, und auch mit privaten Institutionen. International ist diese Zusammenarbeit wesentlich komplexer, da setzen wir auf Institutionen, die in etwa die gleichen Zielsetzungen erfüllen wie wir. Es geht um den Status Quo der Gesellschaft und wohin sie sich entwickelt und wie wir zusammenleben können. Unser Hauptaugenmerk in der Vermittlung liegt auf Projekten, bei denen die Zusammenarbeit von Jugendlichen mit Migrationserfahrung und KünstlerInnen im Vordergrund steht. Ich bin überzeugt von der positiven Dynamik für unsere Gesellschaft, die aus kultureller Vielfalt entsteht.

Welchen Stempel haben Sie der Kunsthalle Wien aufgedrückt?

Das kann seriös erst rückblickend beantwortet werden. Die Kunsthalle Wien ist jetzt aber auf jeden Fall international bekannt, das war sie vorher nur bedingt. Wir behandeln auch in fast jeder Ausstellung die Zukunft der Stadt und das in einer anderen Art und Weise als vor drei Jahren. Wir reflektieren die Geschichte und versuchen vorwegzunehmen wie sich Stadt, urbanes Denken, urbanes Leben, zeitgenössisches Leben künftig formieren wird.

 

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