Der Palma-Code

05. Februar 2015

Was haben Giraffen, Wachsfiguren, und 600 serbische Studenten gemeinsam? Sie kommen alle aus Jagodina - der serbischen Stadt, die sich innerhalb der letzten zehn Jahre vom vergessenen Provinznest zur Touristenattraktion gemausert hat. Der Vater dieser Verwandlung: Dragan "Palma" Markovic. Ein Porträt.

von Natalija Stojanovic

Seit vier Jahren sieht man große Gruppen serbisch-sprechender junger Menschen auf der Mariahilfer Straße. In Scharen pilgern sie von einem Laden in den nächsten und kommen mit vollbepackten Taschen wieder raus. Sie tragen ihre Ausweise um den Hals und steuern vom „H&M“ zum „ZARA“.

 Diese jungen Serben kommen aus Jagodina, einer 70.000 Einwohner Stadt in der Region Pomoravlje, 134 Kilometer südlich von Belgrad. Es sind die 600 besten Studenten aus der Region. Für ihren guten Studienerfolg werden sie belohnt: Vier Tage Wien, Anreise, Übernachtung, Taschengeld und Ceca - Privatkonzert – all inclusive. Der hoch verschuldete serbische Staat bezahlt den Spaß freilich nicht. Die Kosten für die Reise übernimmt Dragan „Palma“ Markovic, Vorsitzender der Partei „Jedinstvena Srbija“ (Vereintes Serbien) und ehemaliger Bürgermeister der Stadt Jagodina.

Gratiswurst und ein Löwe
„Palma“ wurde in Koncarevo im Jahr 1960 geboren. Er stammt aus einfachen Verhältnissen, besitzt eine niedrige Schulbildung und stieg im jungen Alter in das Geschä_ des Vaters ein, der sein Geld mit Ziegelstein backen verdiente.
Im Jahr 1993 gründet „Palma“ die nationalistische Partei Srpsko Jedinstvo (Serbische Einigkeit) mit Zeljko Raznatovic „Arkan“ (Kriegsverbrecher und verstorbener Ehemann von Ceca). Als „Arkan“ 2001 ermordet wird, wirft das einen Schatten auf den Erfolg der Partei. Palma verlässt 2003 die zerbröckelte Partei und formiert im darauffolgendem Jahr eine neue: Jedinstvena Srbija (JS). Mit dieser erlangt Palma bei den Gemeinderatswahlen 2004 die meisten Stimmen. Er bleibt bis 2012 in der Funktion des Bürgermeisters und ist bis heute der Präsident der „ Skupstina Opstina Jagodina“ (Gemeinderatsvorsitzender). „Palma“ ist nicht nur Politiker. Er ist Unternehmer, Besitzer eines Kickboxclubs, Chef seines eigenen TV-Senders „Palma“, selbst erklärter Freund des Volkes und der umstrittenste Politiker Serbiens. 

In Jagodina wird der korpulente, glatzköpfige Self-Made-Politiker als Exzentriker gesehen. Nicht zuletzt als er einen Wasserpark, ein Wachsfigurenmuseum und Einkaufszentren im westeuropäischen Stil erbauen ließ. Auch ein Löwe, zwei Kängurus und die Giraffe „Jovanka“ zählen zu den Bewohnern Jagodinas. Ja, es gibt tatsächlich einen Zoo in der serbischen Kleinstadt. Der Palma-Skurrilitäten- Laden hat noch mehr zu bieten: Die Geburt eines Kindes wird mit 200 Euro entlohnt, bei Heirat gibt es einen Job oben drauf und zu Silvester Gratiswurst und Bier. Pensionisten und Schulkinder fahren gratis mit dem Bus und die Dörfer in der Umgebung haben endlich Straßen. Die Minderheit der Roma kriegt ein Lamm und umgerechnet 40 Euro zum Feiertag „Djurdjevdan“ und Bauern bekommen Vieh spendiert. Das erklärt die Tatsache, dass die meisten seiner Wähler aus der ärmlichen, bäuerlichen Bevölkerung kommen. 

Exzentrisch und homophob
Markovic wird oft nachgesagt, er habe das Schreiben und Sprechen erst im Rampenlicht gelernt. Auch mit dem Allgemeinwissen ist er nicht besonders vertraut. Eine seiner Aussagen löste vor fünf Jahren eine Bildungsdebatte in der serbischen Öffentlichkeit aus. Palma behauptete, alle großen internationalen und nationalen Musikstars seien schon für ihn aufgetreten – bis auf Beethoven und Chopin, da sei er noch zu klein gewesen. Daraufhin fragte er den anwesenden Journalisten: „Wie alt ist dieser Beethoven eigentlich?“

Auch seine Äußerungen zu Schwulen und Lesben werfen kein gutes Licht auf den Politiker, der seinen Spitznamen dem eigenen Transportunternehmen „Palma“ zu verdanken hat. „Schwul-Sein ist eine Krankheit, sie gehören alle weggesperrt. In Jagodina gibt es keine Schwulen, das kann ich garantieren!“, erklärte Palma im Vorfeld der Gay-Pride 2014 in Belgrad. (Siehe „die besten Palma-Sprüche“)

Viele kritische Stimmen in Jagodina stellen sich die Frage: „Wo kommt das ganze Geld her?“ Die Antwort versteckt sich hinter den undurchschaubaren Geschäften des 54-jährigen Lokalzampanos. Sie ist auch nicht auf dem Programm des lokalen Senders „TV Palma“ zu finden, den Markovic dazu nutzt, um Lobreden auf seine Stadt zu bringen. „Die Stadt des Fortschritts“, „Die Stadt der Zukunft“. Tatsächlich geht es den Menschen in Jagodina deutlich besser als denen im Süden des Landes. Sie haben Jobs, Straßen, Wasserrutschen, Wachsfiguren. Und sie werden weiterhin ihren „Palma“ lieben – solange sie das Geld für die Exkursion nach Wien nicht aus der eigenen Tasche zahlen müssen. 

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