Der Papa ist nicht da!

11. April 2019

Ich war so stolz, als ich mit meinem Fahrrad zum ersten Mal ohne Stützräder um die Häuser zog, und so traurig, als ich im Englischunterricht meinen ersten Fünfer bekam. Ich erinnere mich gerne an Mamas leuchtende Augen, wenn sie Geschichten aus meiner Kindheit erzählte. Papa konnte ich leider nicht fragen. Er war nie dabei.

Von Stefan Pscheider, Fotos: Privat

Sommerferien 2002. Wir sitzen im Auto. Mama, meine beiden Schwestern und ich. Zu der Zeit bin ich acht Jahre alt. Wir machen uns auf dem Weg zur Oma. Sie wohnt eine Autofahrstunde entfernt. Meine Mutter steigt heute nicht aus. Sie möchte lieber im Auto bleiben, verabschiedet sich und fährt. Ich habe schon während der Fahrt bemerkt, dass die Stimmung heute anders ist als sonst. Die gesamte Autofahrt über fiel kein Wort. Dabei hat Mama immer viel zu erzählen. Heute blieb sie stumm. Mama hat angekündigt, dass Oma Besuch hat. Unser Vater ist auf Besuch in Österreich. Nach fünf Jahren in Brasilien. Ich war drei Jahre alt, als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Ich kann mich nicht an ihn erinnern und plötzlich ist er da. Der Mann, den Leute in meinem Umfeld meinen Vater nennen.

"DER PAPA IST DA!"

Wenn ich nach der Schule bei Klassenkameraden zu Hause war, ertönte gegen späten Nachmittag immer ein lauter Schrei: „Der Papa ist da!“. Da wurde dann für zehn Minuten alles unterbrochen. Egal welches spannende Spiel gerade gespielt wurde. Erst mal den Papa begrüßen. Das muss sein. Bei uns war das anders. Meine Mutter hat wieder geheiratet, doch als Vater habe ich ihren Ehemann nicht gesehen. Das ging von beiden Seiten aus. Das Verhältnis war distanziert. Auch Konflikte wurden über Mutter gelöst. Ich konnte spüren, dass er mit der Vater-Rolle überfordert war. Das merkte ich spätestens als meine kleine Schwester, seine leibliche Tochter, auf die Welt kam. Da blühte er auf. Trotz der Mühen meines Stiefvaters war der Unterschied für mich immer spürbar.

Sommerferien: Der Autor (vorne), seine Oma und seine Schwester.
Sommerferien: Der Autor (vorne), seine Oma und seine Schwester.

DER MYSTERIÖSE MANN

Vor dem Besuch bei Oma habe ich des Öfteren von unserem Vater gehört. Meine große Schwester hat in Mamas altem Hochzeitsalbum überall sein Gesicht weggekritzelt. Ich wusste nicht, wie er aussieht. Da gibt es nur ein Foto, an das ich mich gut erinnere. Das hängt in einem selbstgebastelten Kalender bei Oma neben dem Kühlschrank. Im Monat Jänner verewigt. Ein altes Familienfoto, aufgezeichnet im Schnee, auf dem auch Papa zu sehen ist. Das ist eines der wenigen Fotos, bei dem es meine Schwester Tina noch nicht geschafft hat, ihren Frust auszulassen. Ein einziges Foto also, das sich in meinem Gedächtnis eingebrannt hat. Ein einziges Foto, das mir eine Art Kommunikation ermöglichte. Keine weitere Verbindung zu ihm, dem mysteriösen Mann.

DER UNGEBETENE GAST

Zu Hause war es nie leise. Wir hatten eine turbulente, Großteils unbeschwerte Kindheit, haben immer viel gelacht und geblödelt. Gebrochen wurde die Stimmung durch Situationen, die von einer Person ausgelöst wurden, ohne dass diese anwesend war. Eines Abends bekam meine Mutter einen Anruf. Papa war am Telefon und wollte mit meiner großen Schwester sprechen. Sie ist fünf Jahre älter als ich und ging bereits zur Schule als Papa uns verlassen hat. Nach dem Telefongespräch rannte sie aufs Klo und musste sich übergeben. „Das hat mich komplett überfordert. Generell, wenn wir wieder in Kontakt getreten sind, war er plötzlich wieder weg und jedes Mal bin ich diejenige, die verletzt wurde“, erinnert sich Tina nur ungern. Auch in Streitsituationen mit meiner Mutter war die Person, die nie da war, trotzdem jedes Mal ein Thema. Schlechte Eigenschaften haben wir laut Mutter allesamt vom Vater geerbt. War sie von uns enttäuscht, gab es für sie immer nur einen Satz: „Du bist schon wie dein Vater!“. Das war für uns als Kinder immer die schlimmste Beleidigung und spätestens ab diesen Zeitpunkt wussten wir, es ist Schluss mit lustig.

ÜBERFORDERT

Da steht er also. Der Mann, von dem ich angeblich alle schlechten Eigenschaften geerbt habe. Der Mann, der Mama traurig macht. „Ich habe Geschenke mitgebracht“, sagt er mit hoffnungsvollem Blick. Ich höre ihn reden, ich sage aber nichts. Ich neige meinen Kopf etwas nach unten, meine Augen sind trotzdem auf ihn gerichtet. Seine kantige Stirn lässt ihn sehr ernst wirken und seine dunkelbraunen Haare werden langsam grau. Ich grinse. Ein kurzes Nicken. Und dann schreie ich ganz laut nach Oma und laufe davon. Auch meine elf Monate ältere Schwester Lara war mit der Situation überfordert. Ich erinnere mich, dass wir uns unter Karlis Stockbett, zwischen dem Vorrat Windeln versteckt haben. Karli war Omas Pflegesohn. Er konnte nicht sprechen, gefühlt hat er aber mehr mit mir geredet als Papa.

Der Autor ist mit seinen Schwestern aufgewachsen, die ihn großgezogen haben.
Der Autor ist mit seinen Schwestern aufgewachsen, die ihn großgezogen haben.

KONSEQUENZEN

Ich war von meinem Vater eingeschüchtert und das blieb bis heute so. Nicht nur bei ihm. Generell schrecke ich bei Männern anfangs zurück. Erzogen wurde ich von meiner Mutter und später von meinen 2 älteren Schwestern. Ich habe viel von ihnen gelernt. Barbiepuppen gehörten zum Beispiel nicht in den Ofen und Kaugummi nicht in deren Haare. Auch mit der Kleidung meiner Schwestern war nicht zu spaßen, sonst drohten Konsequenzen. Ich nahm ihre Tipps gerne an und schätzte die weibliche Umgebung. Sie gab mir Sicherheit. Trotzdem hätte ich gerne mal einen „männlichen Rat“ erhalten oder eine unsensible Aufmunterung, die mich ein bisschen lockerer und selbstbewusster gemacht hätte. Freundschaften zu Männern fallen mir schwer und da gebe ich ihm die Schuld. Dem mysteriösen Mann, den ich kaum kannte und der trotzdem so viel auslöste.

 

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