Der Quoten-Almanci: Alle Wege führen (vorerst) raus aus Wien

23. Februar 2023

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Özben Önal ist der Quoten-Almanci. ©Zoe Opratko

Von Özben Önal

Für diejenigen, die sich zurecht nicht trauen zu fragen: Ja, mein Name ist Özben Önal und ich bin mehr „Alman“ als ich manchmal zugeben mag. Und ich spreche dabei nicht nur von meinem fast zwanghaften Drang, pünktlich zu sein und dem innerlichen Stress, dem ich ausgesetzt bin, wenn ich meinen Zeitplan nicht einhalten kann. Aber eben nicht nur „Alman“. In der Türkei, in der ich immer noch jedes Jahr meine Familie und Freund:innen besuche, bin ich ein „almanci“. Eine in Deutschland lebende Person mit türkischen Wurzeln, die sich Gebräuche und Verhaltensweisen der deutschen Gesellschaft angeeignet hat. Das bedeutet konkret, ich gebe mir größte Mühe, meinen Akzent im Türkischen zu verstecken, wenn ich frage „Abi, wie viel?“ und zahle auf dem Bazaar trotzdem den vierfachen Preis.

Nachdem ich mich meine gesamte Jugend über als die Quotentürkin in einer mehrheitlich weißen Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen unfreiwillig behauptete, bin ich nun mehr als freiwillig der Quoten-Almanci und Piefke in einer österreichischen Redaktion. Das heißt aber nicht, dass ich euch in Zukunft ausschließlich darüber informiere, was im geliebten (ehemaligen) Nachbarland so vor sich geht – ich werde auch über verschiedene gesellschaftliche und politische Konstrukte sowie zwischenmenschliche Phänomene lästern und mich voranging auf mein „Anderssein“ berufen, indem ich über das Leben mit doppelter Identität spreche. Es wird also eine bunte Mischung – lasst euch positiv überraschen oder eben enttäuschen. Ich freue mich drauf!

Einen kleinen Haken gibt es bei der Sache allerdings – ich werde aus der Stadt wegziehen, die ich nun knapp zweieinhalb Jahre mein Zuhause genannt habe. Ich weiß, ich weiß. Wie komme ich auf die Idee, das Gras könne irgendwo grüner sein als in der „lebenswertesten Stadt der Welt“? Um mir diese Frage zu beantworten, habe ich - no joke - eine Pro und Contra Liste angefertigt, die ich euch nicht vorhalten möchte:

Pro Wegziehen:

  • nicht mehr zwanghaft und aufgesetzt alte Omis und Opis angrinsen aus Angst vor ihrem potenziellen Grant-Angriff
  • Ich darf wieder Tüte statt Sackerl und Brötchen statt Semmel sagen.
  • Kein Small Talk mehr auf Ausstellungen, auf denen sich eh niemand für die Kunst, sondern lediglich für ‚free drinks‘ und Selbstinszenierung interessiert (inklusive mir).
  • (im besten Fall) Menschen, die Hochdeutsch sprechen
  • Zigaretten im Supermarkt kaufen können (auch nach 20 Uhr)
  • Lebensmittel einkaufen an einem Samstag nach 18 Uhr 
  • Österreichs Politik

Contra Wegziehen:

  • „Das geht sich nicht aus“ nicht mehr verwenden können und mir „eh“ und „ur“ abgewöhnen
  • Nicht mehr durch die Straßen schlendern können und jedes Mal aufs Neue überwältigt sein von der Schönheit und Ästhetik der Stadt. 
  • den Sommer nicht in Wien verbringen 
  • Spritzer bestellen und komisch angeschaut werden
  • sich Altbau nicht mehr leisten können
  • Ich kann nicht alle geliebten Menschen überreden mitzukommen.
  • Deutschlands Politik

 

Ihr seht also, es war auch für mich keine leichte Entscheidung. Aber getroffen habe ich eine – vorerst. Klar ist, wenn ich nicht zurückkomme, bleibt Wien für mich eine meiner Heimaten, die ich mit der euphorischen Vorfreude eines Kindes immer wieder besuchen werde.

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