Der Rassismus der Anderen.

05. August 2019

von Emir Dizdarevic

Heute möchte ich über Rassismus schreiben. Über den der anderen. Über diejenigen, die sich rassistisch verhalten und was das mit ihnen selbst macht. Ich möchte nicht darüber schreiben, was er mit Betroffenen macht. Nicht darüber, wie es sich anfühlt auf seine Herkunft reduziert zu werden. Nicht heute. Es geht um die anderen. Und dennoch: Um eben das heute erzählen zu können, brauche ich zwei Geschichten, die mich betreffen. 

Die erste Geschichte

Zufällig treffe ich B. Ich habe sie seit der Volksschule nicht mehr gesehen, in der ich sie immer bewundert habe. Sie war nämlich Klassenbeste, während ich schlecht in der Schule war.  B. geht es gut, sehr gut sogar. Sie hat während der Schulzeit angefangen Philosophie zu studieren, weil sie unterfordert war. Irgendwie bewundere ich B. noch immer ein bisschen. B. und ich erzählen uns, was wir die letzten Jahre so alles geschafft haben, oder eben nicht, und es ist irgendwie normal, dass man auch anfängt von der Volksschulzeit zu reden. Schließlich ist es die Zeit, die uns verbindet. Wir erinnern uns, wie wir einmal ein Musical aufgeführt haben - „Der Regenbogenfisch“.

Der „Regebogenfisch“ ist eine Kindergeschichte. Ein „Klassiker“ meiner Generation. Die Geschichte handelt vom Regenbogenfisch, dem schönsten Fisch im ganzen Ozean, der wegen seiner vielen Glitzerschuppen so schön ist. Der Regenbogenfisch ist aber auch sehr eitel, will mit niemandem spielen und noch weniger seine Glitzerschuppen mit den anderen Fischen teilen. Seine überhebliche Art führt dazu, dass er all seine Freunde verliert. Egal. Auf jeden Fall haben wir in der Volksschule ein Musical dazu gemacht. Und wir haben das alle ernst genommen. Sehr ernst sogar. Es gab sogar ein Vorsingen und drei Kinder wollten der Regenbogenfisch sein, die Hauptrolle. Das waren B., ich und noch ein anderer Junge. Und ich kriegte die Hauptrolle. Zum ersten Mal war ich der Beste in etwas. Das Stück war ein voller Erfolg in unserem kleinen Ort in Niederösterreich. Es kam sogar eine Journalistin von der Bezirkszeitung und berichtete über uns. Nach der Premiere gab es ein kleines Buffet und irgendwann nahm mich der Volksschuldirektor beiseite, stellte mich einem Mann vor und sagte „Der Regenbogenfisch ist mein guter Freund, der Emir.“ Ich war so verdammt stolz auf mich. B. und ich reden. Irgendwann sage ich zu B.: „Weißt du noch, wie ich damals der Regenborgenfisch war?“. Ich bin noch immer ziemlich stolz, sogar ein bisschen angeberisch vielleicht. B. blickt mich an und meint: „Ach, ich glaube sie haben dich damals bloß genommen, weil du Ausländer bist.“ 

Die zweite Geschichte

Ich bin Student und besuche eine Schreibwerkstatt, in der wir lernen, wie man im Journalismus zu schreiben hat und welche unterschiedlichen Gattungen es gibt. Dieses Mal ist der Reisebericht an der Reihe und als Hausübung müssen auch wir einen Reisebericht schreiben. Und natürlich bin ich viel zu spät dran, obwohl ich zwei Wochen Zeit hatte. Ich war viel mit Freunden unterwegs und einfach nicht organisiert. Noch drei Stunden bis zur Abgabefrist. Ich habe einen ziemlichen Kater vom Feiern. Aber egal, Frist ist Frist. Ich schreibe also einen Reisebericht über Sarajevo, eine Stadt, in der ich schon oft war und irgendwie geht es sich aus. Mit dem Bericht bin ich sogar eigentlich ganz zufrieden. 

Wieder im Klassenzimmer. Unser Lehrer C. geht mit uns die Berichte durch. In meinem Text sind ein paar Grammatik- und Tippfehler, aber mit dem Inhalt ist C. zufrieden. Nach der Stunde rede ich noch einmal mit ihm und im Laufe des Gespräches meint er „Man merkt einfach, dass Deutsch nicht Ihre Muttersprache ist. Alleine schon an den Fehlern.“ Ich lebe seit meinem dritten Lebensjahr in Österreich. Ich war an einer österreichischen Schule, einem österreichischen Gymnasium und ich studiere auf Deutsch. Im Bosnischen schaffe ich es kaum einen Satz ohne Fehler zu schreiben. 

Der Rassismus der Anderen

Was sagt das über B. und C. aus? Es zeigt, wie sie es sich leicht gemacht haben. B. hätte zum Beispiel darüber nachdenken können, wie sie besser werden kann. Es hätte sie anspornen können an sich zu arbeiten. So hätte sie zum Beispiel Musik- oder Gesangsunterricht nehmen können. Aber das hat sie nicht getan. Meine Herkunft war schuld. Punkt. Ähnlich bei C. Er hat meinen bosnischen Namen gelesen und gesehen, dass ich über Sarajevo schreibe. Für ihn war die Herkunft das Auschlaggebende. Gerade im Journalismus heißt es aber, dass man keine Rechtschreibfehler machen darf. Den Redaktionen ist das sehr peinlich. C. hätte jedes Recht gehabt, genau das einzufordern. So hätte er mir beispielsweise Tipps geben können, die ich später in der Praxis gelernt habe: Gib deinen Text Kollegen zum Durchlesen, lies dir den Text mehrmals durch oder lese dir den Text laut vor. Nicht so bei C.: Er hat es sich als Lehrender leicht gemacht und mir keinen Tipp gegeben, wie ich besser werden kann. Rassismus macht damit nicht nur etwas mit Betroffenen, sondern auch mit den anderen. Er hindert alle daran den Kern eines Problems zu entdecken, sich weiterzuentwickeln, Lösungen zu finden. Damit kommen wir weder im Alltäglichen und Privaten voran, noch als Gesellschaft. Die Anderen nehmen sich damit selbst viele Chancen. Vielleicht wäre es ein Anfang sich in Zukunft öfter folgende Frage zu stellen: „Spielt die Herkunft eine Rolle? Oder mache ich es mir gerade verdammt einfach?“

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