Die Angst vor dem Krieg und wie wir sie lindern können

17. März 2022

Erst kam die Klimakrise, dann die Covid-19 Pandemie und jetzt der Krieg in der Ukraine - die aktuellen Zeiten sind alles andere als rosig. Viele Menschen leiden unter den belastenden Entwicklungen und machen sich Sorgen über die Zukunft. Was können wir tun, wenn der Weltschmerz zu groß wird? 

von Jara Majerus

Es sind Eilmeldungen voller schlechter Nachrichten, Videos von Raketenangriffen und Bilder von Schutzsuchenden in U-Bahn-Stationen, die uns seit spätestens drei Wochen zeigen: Mitten in Europa herrscht Krieg. Für viele grenzen diese Meldungen ans Unbegreifliche. Die Ereignisse schüren Angst. Anfang März zeigt eine Umfrage in Deutschland, dass zwei Drittel der deutschen Bevölkerung befürchten, der Ukraine-Krieg könnte zu einem „dritten Weltkrieg“ führen. 

Auch in Österreich häufen sich Berichte über Ängste in der Bevölkerung. „Bei uns rufen jetzt viele Menschen an, die sich wegen den Nachrichten, die sie hören in einer persönlichen Krise befinden“, sagt Antonia Keßelring, Leiterin der Telefonseelsorge 142 in Wien. Bei der Erstanlaufstelle wird seit Beginn des russischen Angriffskriegs ein Anstieg an Anrufen verzeichnet. „Die Zukunft wirkt für viele sehr unsicher und alles – aber eben vor allem das Schreckliche – scheint möglich“, sagt Keßelring. 

Diese Angst vor der Zukunft spüren auch Jugendliche und junge Erwachsene, meint die Psychotherapeutin Barbara Winzely. Sie beobachtet, dass es vielen Jugendlichen im Moment nicht gut geht, und dass sie besorgt über den Zustand der Welt sind.  Diese Besorgnis entwickle sich oft in eine generalisierte Angst. „Die Betroffenen spüren dabei eine Überforderung, die sich wie eine Angst vor dem Leben im generellen anfühlt“, sagt Winzely.

Was hilft gegen diese Angst?

Was können wir also tun, wenn die Überforderung zunimmt und die Zukunft aussichtlos scheint? Keßelring von der Telefonseelsorge 142 Wien und Psychotherapeutin Winzely wissen, was helfen kann.  

Nicht allein bleiben

Wenn man Angst vor der Zukunft hat und die Weltgeschehnisse überfordernd wirken, sollte man sich mit jemandem über seine Sorgen austauschen. Die Angst also nicht für sich behalten und sie nicht verschweigen oder herunterspielen. Betroffene, die ihre Beunruhigung jedoch lieber nicht mit Freunden oder Familie teilen wollen, können bei Erstanlaufstellen wie der Telefonseelsorge 142 Österreich und der Notrufnummer 147 Rat auf Draht anrufen.

Den Medienkonsum regulieren

Ein weiterer Punkt, den man beachten sollte, wenn man mit Angst zu kämpfen hat, ist der eigene Medienkonsum. Es ist es wichtig, sich zu informieren. Dabei sollte man die eigene mentale Gesundheit jedoch nicht aus dem Auge verlieren. Die Psychotherapeutin Winzely rät, vor allem bewegte Bilder zu vermeiden: „Es macht einen großen Unterschied, ob wir uns durch Videos oder durch Texte über den Krieg in der Ukraine informieren. Bilder und Videos bleiben viel mehr in unserem Bewusstsein verankert und können sich immer wieder vor unserem inneren Auge abspielen. Wenn wir hingegen etwas lesen, können wir uns eher von den Nachrichten distanzieren.“ Zudem sei es hilfreich, sich nur ein- bis zweimal am Tag über die Geschehnisse der Welt zu informieren. Ein ständiges Aktualisieren der Nachrichtenapps sollte also vermieden werden, um sich selbst zu schonen. 

Wer selbst einen Krieg erlebt hat, muss besonders gut auf sich achten

Die meisten Menschen, die heute in Österreich leben, haben selbst keine Erfahrungen mit Krieg gemacht. Es sind deshalb oft Gedankenspiele wie „Was, wenn der Krieg zu uns kommt?“, die für Kopfzerbrechen sorgen. Anders sehe es hingegen bei Menschen aus, die selbst Kriege erlebt haben, sagt Winzely. Sie arbeitet bei dem Verein Hemayat, der sich auf die Betreuung von Folter- und Kriegsüberlebenden fokussiert. „Wir haben jetzt im Moment sehr viel mit Retraumatisierungen zu tun, von Menschen, die schon Erfahrungen mit Krieg gemacht haben – sei es in Afghanistan, in Syrien, im Irak, in Somalia oder im Kongo.“

Die Konfrontation mit Ereignissen und Neuigkeiten aus der Ukraine, kann für Menschen, die Krieg und Flucht erlebt haben, einen Trigger darstellen. Das bedeutet, dass die Situation in der Ukraine die Betroffenen an den Krieg erinnern kann, den sie selbst erlebt haben. Alte Gefühle und Gedanken werden dadurch wieder zum Leben erweckt. Auch, wenn die Betroffenen jetzt in Österreich und in Sicherheit sind, können sie den Krieg in der Ukraine so erfahren, als ob er sie direkt betreffen würde.  

Noch dazu käme die Angst, dass die eigenen Asylanträge in Vergessenheit geraten würden, sagt Winzely. Viele ihrer Patient:innen, warten schon seit vielen Jahren auf ihren Asylbescheid. „Diese Menschen sind jetzt nicht mehr im Fokus. Sie fürchten sich davor, dass ihre Anträge noch länger nicht bearbeitet werden und sie ihre Familien noch länger nicht nachholen können.“ 

Aus eben diesen Gründen ist der Ukraine-Krieg besonders aufwühlend für jene, die selbst Kriegsüberlebende sind und auf der Flucht waren. Die Psychotherapeutin Winzely betont, dass es für diese Menschen deshalb besonders wichtig sei, den eigenen Medienkonsum so gut wie möglich einzuschränken, und sich dadurch zu schützen.

 

Wenn ihr selbst gerne Hilfe in Anspruch nehmen möchtet, könnt ihr das hier tun: 

Rat auf Draht (Link): Rund um die Uhr unter der Notrufnummer 147 (ohne Vorwahl) 
Telefonseelsorge Österreieich

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