"Die Ausgrenzung ist real."

03. Dezember 2020

Mit seiner Petition „Lasst Kinder gemeinsam lernen“ kämpft Ali Dönmez für die Abschaffung der Deutschförderklassen. Gemeinsam mit Lehrerin Maria Lodjn erklärt er, warum.

Von Yasemin Uysal, Foto: Zoe Opratko

Foto: Zoe Opratko
Foto: Zoe Opratko

In Deutschförderklassen werden Kinder an unrealistischen Standards einsprachiger Kinder gemessen. Dadurch kommt es zur Diskriminierung mehrsprachiger Kinder“, so Ali Dönmez. Der 33-Jährige ist Logopäde und Lehrer für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Sprachtherapie ist Teil seines Berufs. „Schule versucht eine deutschsprachige Dominanz aufrechtzuerhalten, obwohl ein mehrsprachiger Zugang das Beste ist, was Kindern passieren kann“, erklärt Dönmez, der selbst türkische Wurzeln hat. Die Rede ist von den umstrittenen Deutschförderklassen. Seit dem Schuljahr 2018/19 werden Kinder mit Deutschdefiziten in separaten Klassen unterrichtet, mit dem Ziel sie kontinuierlich an das Niveau der Stammklässler heranzuführen. Eine Idee, die in der Praxis scheinbar nicht greift. Aus diesem Grund hat Dönmez vergangenen Juni eine online-Petition ins Leben gerufen. Sie soll vor allem Pädagog*innen sowie Schulleiter*innen eine Plattform bieten, mit ihrer Unterschrift ein Zeichen gegen dieses Modell der Deutschförderung zu setzen. Ali ist durch eine Schuldirektorin auf die Idee der Unterschriftenaktion gekommen. „Sie erzählte mir von Deutschförderklassen und ich habe gesehen, wie ihr die Hände gebunden waren“, erinnert er sich.

„KINDER VERLIEREN SCHULJAHRE, WENN SIE IN DIE DEUTSCHFÖR- DERKLASSE KOMMEN“

Ein völlig intransparenter Test (MIKA-D = Messinstrument zur Kompetenzanalyse – Deutsch) entscheidet, ob ein mehrsprachiges Kind in die Regelklasse kommt oder in die Deutschförderklasse. Wenn dieser Test „unzureichend“ ergibt, gilt das Kind als außerordentlich und landet in der Deutschförderklasse. Das Kind wird dann pro Semester getestet und solange es die Tests nicht besteht, kann das Kind nicht in die nächste Schulstufe aufsteigen. Eines der größten Bedenken, das vor allem von den LehrerInnen und Eltern artikuliert wird: Kinder einer Deutschförderklasse verbringen nur eine sehr geringe Anzahl an Wochenstunden in der „Stammklasse“. Den Großteil ihrer Zeit verbringen sie in einer separaten Klasse, wo sie ausschließlich Deutsche Grammatik lernen. Dabei würden „viele Kinder mit deutscher Erstsprache den Test auch nicht schaffen. Die werden aber nicht geprüft“, gibt Maria Lodjn zu bedenken. Sie unterrichtet eine Deutschförderklasse an einer Wiener Mittelschule. Als eine von wenigen Lehrpersonen traut sie sich, in der Öffentlichkeit gegen Deutschförderklassen aufzutreten. „Mir geht’s ums Wohl der Kinder!“, verkündet sie.

„DU BIST NUR, WIE VIEL DU DEUTSCH KANNST.“

Das Schlimmste an diesem System sei die strikte Trennung von den Kindern in der Regelklasse. Wer nicht genug Deutsch kann, darf nicht bei den anderen sein. Man nimmt damit nicht nur den Kindern die Chance, voneinander zu lernen. Es bewirkt auch, dass Kinder schon sehr früh das Gefühl von „Othering“ entwickeln. Sie fühlen sich „anders“ und minderwertiger als ihre Kolleg*innen in der Stammklasse. „Ein Junge der Regelklasse spuckte sogar letztens in die Deutschförderklasse“, erzählt die pragmatisierte Lehrerin. Von der Gemeinschaft der Stammklasse werden diese Kinder völlig ausgeschlossen. „Meist haben diese Kinder ihren Platz in der Stammklasse automatisch in der letzten Reihe“, weiß sie aus Erfahrung. Dönmez zeigt biber einen Screenshot. In einer Whatsapp-Gruppe für Eltern bittet eine Lehrerin die Eltern, ihren Kindern Utensilien für ein Projekt mitzugeben. Darunter schreibt sie: „Diese Nachricht gilt nicht für...“ und zählt die Namen der Kinder der Deutschförderklasse auf. „Die Ausgrenzung ist real. Auch wenn das Bildungsministerium das nicht einsieht“.

Bereits über zehntausend Menschen haben die Petition online unterzeichnet. Davon sind über 2300 Lehrpersonen. In den nächsten Wochen sollen die Unterschriften samt Forderungen dem Ministerium übergeben werden. 

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